Ein Genie des Lebens

30. Oktober 2009, 18:22
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    foto: imagno/fotoarchiv setzer-tschiedel

    Eine geradezu hypnotische Wirkung auf Männer: die Tänzerin Lena Amsel als Fatme in der Pantomime "Das Abenteuer" im Wiener Ronacher im Juni 1922.

Lena Amsel lebte schnell, wollte alles und das sofort. Über ein Leben voller Skandale und den Tod im Bugatti - Zum 80. Todestag

Oft kann es als Glück angesehen werden, wenn ein fotografisches Archiv über Jahrzehnte weitgehend vergessen und ungenutzt überdauert. Niemand zerstört den Zusammenhang durch Verkäufe, Reduktionen oder Verlagerungen. So liegt mit dem fotografischen Nachlass von Franz Xaver Setzer (1886-1939) und seiner Assistentin und Nachfolgerin Marie Tschiedel (1899-1980) ein exemplarisches Archiv in seiner Gesamtheit und der ganzen Bandbreite seiner Motive vor. Vom ersten Tag seiner Tätigkeit im Jahre 1909 an, hatte Setzer ein detailliertes Plattenbuch geführt, die Abzüge in Schachteln geordnet und Musterbücher mit Serien seiner Schauspieler-, Sänger- und Tänzer-Porträts angelegt. Dieses etwa 25.000 Glasplatten umfassende Archiv bildet heute ein visuelles Verzeichnis der Wiener Gesellschaft und ist eines der bedeutendsten Archive zur lokalen Theater- und Operngeschichte. Es ist eine Sammlung jener Persönlichkeiten, die einst berühmt oder bedeutend waren und nun Großteils zu Fußnoten der Geschichte geschrumpft sind - doch meist sind es die Fußnoten, die Überraschungen bereithalten. Wenn man den umgekehrten Weg der Archivarbeit geht, nicht nach dem Vorhandensein bestimmter Persönlichkeiten sucht, sondern in die Lebensgeschichten jener eintaucht, über deren Porträts man stolpert, werden beinahe unglaubliche Biografien lebendig.

So fanden sich im Archiv Setzer-Tschiedel mehrere Porträtserien der Tänzerin und Schauspielerin Lena Amsel, jener 1898 geborenen Tochter eines jüdischen Fabrikanten aus Lódz, die in Berlin, Wien und Paris Karriere machte und in zahlreichen literarischen Texten ihrer Zeit verewigt wurde. Bislang kannte man nur eine Handvoll Porträts und etliche Legenden, die ihr Leben umrankten. Mit diesen Bildern, die aus Anlass ihrer Auftritte in Wien für die Presse und als Postkarten für Fans und Sammler angefertigt wurden, hat man heute eine genauere Vorstellung jener Person, die immer als ausgesprochen hübsch, mit enormem Charme und geradezu hypnotischer Wirkung auf Männer ausgestattet beschrieben wurde. Wir verfügen heute über keine gesicherten Quellen, die Informationen über Lena Amsel setzen sich aus literarischen Zeugnissen, Zeitungsartikeln und Nachrufen wie ein Puzzle zusammen. Daher ist dieser kurze Abriss mehr Kolportage denn gesicherte Biografie.

Den größten Ruhm erntete Lena Amsel zu Lebzeiten nicht für ihre tänzerische oder schauspielerische Begabung, sondern für ihre amourösen Bäumchen-wechsle-dich-Spiele - in ihrem kurzen Leben brachte sie es auf nicht weniger als vier Ehen, ungezählte Liebhaber und etliche Skandale.

Dieses rastlose Leben begann bald, nachdem sie im Zuge des Ersten Weltkriegs mit ihrer Mutter und zwei Schwestern nach Dresden kam. Wie viele andere Juden aus dem Osten floh die Familie vor den näher rückenden russischen Truppen und erhoffte sich in Deutschland ein besseres Leben. Bereits um 1916 finden wir sie in Berlin, wo sie bald ein bekanntes Gesicht der Boheme rund um die Filmschauspielerin Maria Orska wurde. Hier entdeckte sie der Autor und Filmpionier Karl Gustav Vollmoeller und verschaffte der 17-Jährigen zwei Tanzabende im Wintergarten, um sie der Öffentlichkeit zu präsentieren. Der um 20 Jahre ältere, verheiratete Dichter verliebte sich in die junge Tänzerin und begann eine stürmische Affäre, die, ungeachtet Lenas eigener Ehen, mit vielen Unterbrechungen über zehn Jahre andauern sollte.

Lena Amsel wurde immer als moderne, emanzipierte Frau beschrieben, die mit den Gefühlen der Männer spielte und sich nahm, was sie wollte. Der Wirklichkeit dürfte jedoch die Charakterisierung von Klaus Mann näher kommen. In seinem Roman Treffpunkt im Unendlichen (veröffentlicht 1932) beschrieb er sie als einsame Frau, die in einer morphiumsüchtigen Umgebung die Nähe von Männern nicht aus sexuellem Selbstzweck, sondern als Schutz suchte. In seinem Nachruf nennt er sie "ein Genie des Lebens" , eine Frau, die Menschen um sich scharte und radikal und entschlossen flirtete. Ihr Körper war nicht besonders schön, in ihrem "hübschen slawischen Gesicht" jedoch war am schönsten der Mund, ein "unvergesslicher, breiter Mund mit zärtlichen und wehen, etwas aufgesprungenen Lippen". Annemarie Schwarzenbach beschrieb Lenas Züge in ihrer Pariser Novelle (geschrieben 1929) ähnlich, als eindrucksvolle Erscheinung, eine "kleine polnische Jüdin", dunkel mit leuchtend blauen Augen, eine Frau, die Männer sofort verzauberte. "Wie eine Wolke umstanden ihre harten dunklen Haare das breite Gesicht" , so Ruth Landshoff, die mit dem Roman einer Tänzerin (geschrieben 1932/33) Lena Amsel das ausführlichste literarische Denkmal setzte.

Tanzen aus einem Urtrieb

Lena Amsel war eine Tänzerin, die eigentlich nicht tanzen konnte. Man sagte ihr nach, dass sie lediglich bei einigen Tanzstunden zugesehen hätte. Laut Stefan Großmann wurde Lena Amsel Tänzerin, "weil sie es wollte, nicht weil sie es konnte" . In seinem Nachruf liest man, dass sie eine mollige, niedliche Person mit Soubrettengesicht und einer etwas kreischenden Stimme gewesen sei, die der Welt einredete, eine Tänzerin zu sein. Andere Quellen wissen, dass sie ihre ersten tänzerischen Schritte in der berühmten Tanzschule von Rita Sacchetto gemeinsam mit der ebenfalls skandalumwitterten, gleichaltrigen Anita Berber unternahm.

Lena tanzte aus einem Urtrieb heraus. "Ihr Vonsichselbst-Überzeugtsein überzeugte die anderen" , wie Landshoff ihre Begabung beschrieb. Den überschwänglichen Kritiken folgend kann sie jedoch nicht ganz talentfrei gewesen sein. In der Eleganten Welt war zu lesen: "Man wird die kleine Lena Amsel gern hinfort unter unseren besten Tanzkünstlerinnen nennen."

In Wien trat sie 1918 unter anderem im Konzerthaus gemeinsam mit Gertrude Barrison auf und begeisterte in einem von der Wiener Werkstätte entworfenen Papierkostüm. Hier lebte sie mit dem Maler Otto Dely zusammen, der heute vor allem durch zahlreiche Entwürfe für Notencovers von Schlagern bekannt ist. Im Juni 1922 wirkte Lena Amsel in der Pantomime Das Abenteuer im Ronacher mit. Damals war sie Teil des Ensembles von Erik Charell und wurde als "ungemein interessantes Tanzpersönchen, das himmelhoch aus der Flut der Tanzmädchen dieser Tanzzeit herausragt" gelobt. Auf dem Porträt, das sie im orientalischen Kostüm der Fatme zeigt, ist jene jugendliche Erotik zu spüren, die Männer fasziniert hat. Einen lasziven Schleiertanz vollführend, posierte Lena Amsel im Fotoatelier. Man kann den Inhalt der Pantomime heute nicht rekonstruieren, aber von großem Ernst konnte sie nicht getragen sein, trat Charell doch als Fremdenführer Aladin auf. Die Kritik bezeichnete das Stück jedenfalls als "Clou der europäischen Varietésaison" .

In Wien war es auch, wo Lena durch Sascha Kolowrat zum Film fand. Zwischen 1917 und 1923 drehte sie zehn Filme, unter anderem mit Mia May, Paul Morgan und der noch völlig unbekannten Marlene Dietrich. Mit ihr stand sie 1927 auch bei ihrem ersten Versuch als Schauspielerin in den Kammerspielen auf der Bühne. Das Stück hieß Broadway und war eine derbe Komödie rund um Alkoholschmuggel und Kleinkriminalität. Dem Feuilleton fiel neben Marlene Dietrich vor allem Lena Amsel auf, die "sehr herzig und drollig" war, aber vorerst sei "ihre Beinsprache die deutlichere". Oder wie es Felix Salten ausdrückte: ein halbes Dutzend Mädchen, "die nichts anderes zu tun hatten, als zwei oder drei armselige Sätzchen zu sprechen und im Übrigen ihre nackten Beine zu schmeißen" .

Neben Affären mit zahllosen Liebhabern war Lena Amsel viermal verheiratet. Von ihr wird daher das Bonmot überliefert: "Lena lebt vom ‚Amseln‘." Die erste Ehe mit dem argentinischen Rittmeister Baron Severin dauerte nur drei Monate. Danach folgten Graf Hugo Moy, von dem sie sich 1923 scheiden ließ, und der ungarische Offizier und Pilot Emmerich von Jeszenszky, der später wiederum Eleonora von Mendelssohn heiraten sollte. Zum letzten Mal ließ sich Lena 1927 vom Schauspieler Ernst Dumcke - wie immer "unschuldig" - scheiden.

Totale Hingabe an das Leben

Lena Amsel lebte schnell, wollte alles und das sofort. Eine totale Hingabe an das Leben, morphiumsüchtig allemal - so wie viele Damen der Boheme in ihrer Nähe, etwa Maria Orska und Eleonora von Mendelssohn. Sie lebte ein öffentliches Leben voller Skandale, die von den Zeitungen aufgebauscht wurden. Viele ihrer Vorhaben teilte sie freimütig der Presse mit. So auch 1927, als sie mit dem berühmten Flieger Ernst Udet über den Ozean fliegen wollte. Für kurze Zeit war sie beinahe ein Star. Bei Rosenthal fertigte man sogar eine Porzellanfigur nach ihr.

Als Lena 1928 nach Paris ging, fand sie rasch Zugang zur lokalen Boheme und wurde ein Faktotum in Montparnasse. In der Bar La Coupole lernte sie den Schriftsteller Louis Aragon kennen, ihre letzte große Affäre. Doch auch diese Beziehung wurde zum Skandal. Als Aragons spätere Frau Elsa Triolet Lena Amsel dazu zwang, sich von Aragon zu trennen, war dies Tagesgespräch in den Cafés. Sie wohnte in einem geräumigen Atelier, begann zu malen und ließ sich ihr Leben von einem Wiener Bankier finanzieren. Ihr Tod im Bugatti wurde in den zeitgenössischen Quellen ausführlich beschrieben. Das Auto trug auf der Türe einen gezeichneten Vogel - ihr Markenzeichen. Laut Ruth Landshoff hatte sie es überall und unterzeichnete auch damit. Die schlechten Fahrkünste Lena Amsels waren legendär, sie missachtete Verkehrsregeln und chauffierte so brutal, dass ihr Wagen meistens defekt war. Am 1. November 1929 lud der Maler André Derain Lena und ihre Freundin Florence Piton in sein Atelier bei Barbizon, wo er sie porträtieren wollte. Auf dem Rückweg vergaß sie, den sehr leichten Wagen - wie es damals üblich gewesen wäre - mit einem Stein im Kofferraum zu stabilisieren. Derain fuhr voraus, Lena wollte ihn einholen und glitt auf dem herbstlich feuchten Laub aus. Der Wagen schleuderte gegen eine Böschung, überschlug sich und fing sofort Feuer. Derain versuchte die Frauen aus dem brennenden Wagen zu retten und zog sich dabei Verbrennungen an den Händen zu. Er konnte nur noch zusehen, wie sie verbrannten. Man schrieb Samstag, den 2. November 1929. (Gerald Piffl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 31.10/01.11.2009)

 

Zur Person:
Gerald Piffl, geboren 1972 in Wien, Fotohistoriker. Ausbildung zum Fotografen. Studium der Publizistik und Theaterwissenschaft. Seit 2004 Leiter der Bildagentur Imagno. Ausstellungen und Publikationen zur österreichischen Fotogeschichte. Nachlassverwalter u.a. der Fotografen Barbara Pflaum, Franz Xaver Setzer/Marie Tschiedel und Otto Breicha.

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Eyebeam
 
00
2.11.2009, 14:21
Roman einer Tänzerin

Der von Herrn Pfiffl erwähnte "Roman einer Tänzerin" von Ruth Landshoff-Yorck aus dem Jahr 1932/33 wurde übrigens 2002 im AvivA Verlag als Erstausgabe aus dem Nachlass mit einem Nachwort von Walter Fähnders veröffentlicht und ist im Buchhandel noch zu haben.

pike bishop
15
1.11.2009, 14:14

"Lena Amsel wurde immer als moderne, emanzipierte Frau beschrieben, die mit den Gefühlen der Männer spielte und sich nahm, was sie wollte."

Klingt toll und wirklich ganz modern.

Dafür jetz was ganz reaktionäres:

"Fritz Huber wurde immer als moderner, emanzipiertee Mann beschrieben, die mit den Gefühlen der Frauen spielte und sich nahm, was er wollte."

jaws
02
1.11.2009, 22:48

Mir war auch nicht bewusst, das zum Emanzipiert-Sein das Spielen mit den Gefühlen anderer gehört.

Bin dann wohl nicht so emanzipiert wie ich immer dachte.

systemfehler1
00
1.11.2009, 09:50
Wo kann man dieses Archiv sehen?

AltFreak
01
31.10.2009, 12:01

Heute würde man das "Rock`n Roll" nennen....

major grubert
01
31.10.2009, 19:22
oder

pete doherty

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