"Titelsammler" sind nicht gefragt

30. Oktober 2009, 17:26
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Der STANDARD-Expertenbeirat entscheidet über die Vergabe von Stipendien, die der STANDARD gemeinsam mit verschiedenen Bildungsanbietern vergibt - Lesen Sie, was sie künftigen Postgraduate-Studierenden empfehlen

"Postgraduale Ausbildungen machen dann einen Sinn, wenn die Ausbildung komplementär zur Basisausbildung ist", sagt Andreas Berger, Konzernpersonalchef des Feuerfestproduzenten RHI. "Mehr vom Gleichen" sei nicht gefragt, es gehe um eine Erweiterung der Berufspraxis, die "seit der Primärausbildung" erworben wurde.

"Wenn sich eine Führungs- oder Nachwuchskraft die Frage stellt, ob ein Postgraduate-Studium aktuell tatsächlich gut in die eigene Karriereentwicklung passt, empfehle ich jedenfalls eine sorgfältige persönliche Standortanalyse", so Marlies Buxbaum, Gründerin des Berater Zentrum Dorotheergasse (bzd). Zunächst gelte es zu klären, „was konkret mittels eines neuerlichen Studiums erreicht werden soll, ob und wie sich dieser Schritt harmonisch in die gegenwärtige Lebenssituation einfügen lässt, und mit welchen Hindernissen und Erfolgschancen zu rechnen ist".

Arbeitgeber beeindrucken

Häufig würden Studienprogramme "als 'weg-von-Maßnahme' in einem beruflich schwierigen Stadium gewählt. Gefragt wäre jedoch, so Buxbaum, "eine durchdachte 'hin-zu-Strategie' im Rahmen einer stringenten Karriere- und Ausbildungsplanung". Ein bestimmtes Postgraduate-Programm sei "besonders dann empfehlenswert, wenn es eine klare inhaltliche Ergänzung zum Grundstudium biete sowie eine inhaltliche Spezialisierung" und einen „Schritt in Richtung Internationalität" biete. "Derart konsistente Überlegungen zum eigenen Ausbildungsweg honorieren Arbeitgeber üblicherweise sehr gerne", ist die bzd-Leiterin sicher.

Helmut Kouba, Personalchef bei Sodexo Austria, betont die Bedeutung von postgradualen Ausbildungen für sein Unternehmen. Als Absolvent der WU Executive Academy "kann ich vor allem das Lernen in der Gruppe sehr hervorheben". Die Behandlung zahlreicher Themen „im Kontext der unterschiedlichen Unternehmenskulturen und Unternehmensziele" bringe dem einzelnen Teilnehmer neue Lösungsansätze.

"Nicht zu unterschätzen ist auch das Netzwerk, das man sich in dieser Zeit aufbaut", sagt Kouba. Diese Art der Weiterbildung "neben dem Fulltime-Job" sei sehr anstrengend. Indem man die Herausforderung aber gemeinsam mit anderen durchlaufe, "entsteht eine starke emotionale Bindung, die auch lange anhält". Die universitäre Weiterbildung der Mitarbeiter werde seitens Sodexo "weiterhin unterstützt".

Fremdsprache als Mehrwert

Rewe-International-Personalchef Johannes Zimmerl berichtet von einem "Talent Pool", über den vielversprechende Mitarbeiter in Module der WU Executive Academy geschickt werden. "Diese wären für das MBA-Programm anrechenbar", was für manchen durchaus als Anreiz fungieren könnte, sich in dieses Studium zu stürzen.

Generell sei Aus- und Weiterbildung gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise und bedeutender globaler Veränderungen wichtig, sagt Zimmerl. Wenn jemand ein fremdsprachiges Studium durchläuft, habe das natürlich einen Mehrwert. Grundsätzlich glaubt Zimmerl jedoch nicht, dass die Studiengänge in anderen Ländern besser sind als in Österreich. Wer nur auf den Titel aus sei, habe "einen falschen Zugang". Dem schließt sich auch Andreas Berger unumwunden an: "Das 'Titelsammeln' ohne Konzept bringt am Arbeitsmarkt nichts." (Bernhard Madlener, DER STANDARD, Printaugabe, 31.10./1.11.2009)

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