Die 2009er - Generation

30. Oktober 2009, 14:30
75 Postings

Es geht den aufbegehrenden Studenten in erster Linie um die Verwirklichung des verfassungsgesetzlich garantierten Grundrechtes auf Wissenschaftsfreiheit

Es ist schwer zu beschreiben, dieses Gefühl, das sich seit einigen Tagen unter zahlreichen Studenten Bahn bricht. So viel lässt sich aber sagen: Eine Aufbruchsstimmung macht sich breit, deren Ursache in dem erhebenden Bewusstsein, dass die Welt nicht unveränderbar vor uns liegt, sondern durch persönlichen Einsatz gestaltet und verbessert werden kann, zu suchen ist. Hinzu kommt ein neu (oder wieder) gefundenes Erleben der Gemeinschaft, die Erkenntnis, wie schön es sein kann, gemeinsam ein Ziel zu verfolgen und in der Verfolgung dieses Zieles zusammen zu stehen, an einem Strang zu ziehen.

So erlebte ich die Studentenproteste der vergangen Tage vor allem unter einem Aspekt: der zeitgleichen Entdeckung der Gemeinschaft durch tausende Kommilitonen oder - negativ formuliert - der Zurückdrängung des ichbezogenen, karriereorientierten „braven" Büffelstudenten. Selbst die vermeintlich „Unpolitischen" unter den Studiosi scheinen plötzlich bemerkt zu haben, dass die Ursachen ihres Ärgers auf verschulte Studienpläne, überfüllte Hörsäle, zeitgekoppelte Studiengebühren usw. nicht auf naturgegebene Tatsachen, sondern auf veränderbare menschliche Handlungen zurückzuführen sind.

Wer sich die Mühe macht, aus den unterschiedlichen Stellungnahmen, Standpunkten und Forderungen der basisdemokratisch organisierten Bewegung den gemeinsamen Nenner zu destillieren, wird zu einem überraschenden Ergebnis kommen: Es geht den aufbegehrenden Studenten im Grunde nicht um Unruhestiftung, Umsturz oder gar Revolution (was die im Großen friedlichen Proteste eindrücklich beweisen), sondern in erster Linie um die schlichte Verwirklichung eines längst (seit 1867) verfassungsgesetzlich garantierten Grundrechtes: „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei." (Artikel 17 Abs. 1 Staatsgrundgesetz)

Ist sie das heute? War sie das jemals? Und: Was bedeutet es überhaupt, dass Wissenschaft und ihre Lehre „frei" sein soll? Das klassische Verständnis ist wohl, dass Wissenschaft von äußeren Zwängen und Bevormundungen durch Staat oder Wirtschaft unabhängig zu sein hat. Nicht eine staatlicherseits vorgegebene Ideologie, nicht die kühle Rationalität der Gewinnmaximierung, sondern allein Erkenntnis soll die erhabene Maxime, ja das Prinzip der Universität darstellen. Konfrontiert mit der Realität scheint es angesichts zahlreicher Geldgeber aus der Wirtschaft (die nachvollziehbarer Weise nur das fördern, von dem sie sich späteren Nutzen erhoffen), berufsfixierter Studienpläne (die für Wissenschaft wenig Raum lassen) und konsequenter Verschulung (durch welche sich viele berechtigt entmündigt fühlen) geradezu ein kühnes Wagnis zu sein, die so genannten „Universitäten" noch Universität zu nennen.
Ja, die Verschulung - oder anders gesagt: die inflationäre Zahl der Pflichtübungen - steht dem Grundgedanken von Bildung diametral entgegen: gedeiht sie doch nur, wenn zwei Bedingungen gegeben sind: Freiheit und Zeit. Freiheit, um das auswählen zu können und sich mit dem zu beschäftigen, was man selbst wirklich spannend findet - oder einfach, um sich dies und jenes anzuschauen, ohne sich gleich spezialisieren zu müssen; und Zeit, um sich in den persönlichen Interessengebieten vertiefen zu können, um wirklich „gut" zu werden.

Damit ist also das Grundproblem skizziert, mit dem sich so viele Studenten - ich zähle mich dazu - konfrontiert sehen: Wir sollen rasch studieren, um möglichst rasch den Arbeitsmarkt zu bedienen. Das Studium reduziert sich auf eine bloße Berufsvorbereitung und soll Absolventen hervorbringen, die „funktionieren". Dabei wird übersehen, dass wir nicht zu „Humankapital" (ein Euphemismus für Menschenmaterial) degradiert werden wollen, sondern als Menschen schlicht das erreichen möchten, wofür im ureigentlichen Sinn der Name „Universität" steht: Bildung, Erkenntnis.

Dies ist der gemeinsame Nenner, in dem sich die vielen jungen Leute, die sich am 28. Oktober in der Wiener Innenstadt versammelten, unbeschadet der Vielfalt ihrer Meinungen zusammen trafen. Das gemeinsame Credo schafft das, was man noch vor einigen Wochen unter den angeblich so „braven" Studenten für nahezu ausgeschlossen hielt: der gemeinsame Aufbruch zu einem gemeinsamen Ziel, das da schlicht lautet: Bildung statt Ausbildung. (Markus A. Wohlrab, derStandard.at, 30.10.2009)

Zur Person

Markus A. Wohlrab ist Student der Rechtswissenschaft und Geschichte in Wien und Mitglied im Bundesvorstand der Jungen Liberalen.

Share if you care.