"Literatur als Kunst ist ein Ladenhüter"

31. Oktober 2009, 21:46
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Laudator Paul Ingendaay kritisierte Verlags-Blick auf den Taschenrechner - Jury würdigt Kappacher als "poetischen Realisten", in dessen Werk "die Stille hörbar wird"

Wien/Darmstadt - Mit einer "kleinen Geschichte aus dem wirklichen Leben" eines Schriftstellers begann Paul Ingendaay, Kultur-Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", am Samstag seine Laudatio im Rahmen der Verleihung des Georg-Büchner-Preises an den österreichischen Autor Walter Kappacher (71). In seiner Schilderung über die zahlreichen Absagen von Verlagen, die den Roman "Fliegenpalast" zwar einhellig lobten, jedoch mit dem Hinweis, dass man Bücher "auch verkaufen" müsse, ablehnten, fasste er den Umgang des Literaturbetriebs "mit dem Taschenrechner" zusammen: "Wenn die Leute 'Kunst' wittern, laufen sie davon. Literatur als 'Kunst' ist ein Ladenhüter", so Ingenfaay.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung würdigte Kappacher in der Jurybegründung als "poetischen Realisten, in dessen erzählerischem Werk die Stille hörbar wird und uns in ihren Bann zieht". Der mit 40.000 Euro dotierte Preis werde ihm "für seine hoch musikalische, feinst komponierte und trotzdem gelassene, gleichsam atmende Prosa; für die einer großen Tradition verbundene Genauigkeit des melancholischen Blicks auf Welt und Menschen, der falschen Trost verweigert und gerade deshalb tröstlich wirkt" verliehen.

Mit einem Zitat aus einem Gedicht von Gottfried Benn, dem ersten Büchner-Preisträger, leitete Walter Kappacher seine Dankesrede ein: "In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs...", heiße es in Benns Gedicht "Teils-Teils". Auch in seiner Kindheit sei von Gainsboroughs "keine Rede" gewesen, "nicht einmal von einem Elternhaus". Über die Beschreibung seiner ärmlichen Kindheit während des Zweiten Weltkriegs, einer Lehre als Motorrad-Mechaniker und dem Besuch der Schauspielschule in München führte Kappacher in seiner Rede zum Ausgangspunkt für sein Schreiben: Dem Lesen. Von der Faszination über Dostojewskij bis hin zur Entdeckung Büchners, dessen "Lenz" ihm nach der ersten Lektüre erstmals spüren ließ, dass er "in der 'Moderne' angelangt" war. "Aber das Wort Moderne habe ich ja eigentlich nie gemocht, nicht nur wegen seiner Nähe zu dem Wort Mode", so Kappacher. Im "Lenz" habe er geglaubt, "etwas wirklich Neues entdeckt zu haben. (...) Es ist ein unglaublich bildhafter, oft rauschhafter Stil, von Bewegung geprägt, realer anmutend als die sogenannte 'Realität'", so Kappacher, der seine Rede mit den Worten schloss: "Gerne stelle ich mir vor, Georg Büchner sei einer, dessen Herz nicht versteinerte. Der Gedanke, was er vielleicht alles hätte schreiben können, wären ihm noch einige Jahrzehnte geschenkt worden, ist wahrlich atemberaubend!"

Kappacher habe "Geschichten von Menschen, die nicht funktionieren, weder im Erwerbsleben noch in der sogenannten Gesellschaft" geschrieben, "erfüllt von vager Sehnsucht, doch ohne konkrete Bindungslust, ernsthafte, grüblerische Beobachter, die sich unablässig fragen, wozu sie gut sein sollen", sagte Ingendaay in seiner Laudatio. "Doch sie wagen es. Sie steigen aus. Die Verweigerung ist der Punkt, auf den die frühen Bücher zulaufen." Nach einem Überblick über das frühe Werk führte der Laudator in die Gegenwart über. "Handeln seine Romane der 70er Jahre von melancholischen Verweigerern, geben die der 90er Jahre eine selbstbewusste Antwort, indem sie die Flucht nach innen als Reise in einer unermesslich große Welt imaginieren." Als "Schlüsselwerk seiner Erzählkunst" bezeichnete er den Roman "Selina oder Das andere Leben" (2005). Kappachers Poetik stütze sich auf "Wahrnehmung, Hinschauen, Geltenlassen. Sich als Teil eines Ganzen zu empfinden ohne Öko-Verträumtheit oder Sentimentalität."

Abschließend bedankte sich Ingendaay bei der Deutschen Akademie für ihren Mut. "So vernehmlich wie niemand zuvor haben Sie für die lesende Öffentlichkeit gesprochen, nicht für die rechnende."

Geboren wurde Kappacher am 24. Oktober 1938 in der Stadt Salzburg. 1967 veröffentlichte er seine ersten Kurzgeschichten in der "Stuttgarter Zeitung". Acht Jahre später erschien sein Buch "Morgen", ab dem Alter von 40 Jahren arbeitete er als freier Autor. Von da an folgten unter anderem die Romane "Rosina", "Silberpfeile" und "Selina oder das andere Leben" sowie die Veröffentlichung der Erzählungen "Die irdische Liebe" und "Wer zuerst lacht". 2006 erhielt er den großen Kunstpreis des Landes Salzburg für Literatur "für sein konsequentes und kontinuierliches künstlerisches Schaffen sowie für seine allgemeinen Verdienste in der Salzburger Literaturszene".

Der Georg-Büchner-Preis gilt als renommierteste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur. Mit dem Preis ehrt die Akademie Schriftsteller und Dichter, "die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten, und die an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben". Namensgeber ist der Dramatiker und Revolutionär Georg Büchner, der 1813 im Großherzogtum Hessen geboren wurde und 1837 in Zürich starb. Im vergangenen Jahr ging der Georg-Büchner-Preis an den Österreicher Josef Winkler. Frühere Preisträger sind unter anderem Friedrich Dürrenmatt, Heinrich Böll, Erich Kästner, Günter Grass, Elfriede Jelinek, Wilhelm Genazino und Brigitte Kronauer.  (APA)

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    Walter Kappacher bei der Verleihung des Büchner-Preises

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