Reaktionen auf Ausnahmeklausel

Empörung bei Grüne, ÖVP, FPÖ und BZÖ

30. Oktober 2009, 14:16

VP-Kapeller: "Tag der Schande" - FP-Mölzer: "Skandal ersten Ranges" - FP-Kitzmüller: "Widerlich" - BZÖ-Widmann: "EU macht Kniefall"

Wien/Brüssel - Wie zu erwarten, haben Politiker von ÖVP, FPÖ und BZÖ am Freitag auf die für Tschechien gewährte Ausnahme von der EU-Grundrechtecharta im Zusammenhang mit den Benes-Dekreten mit Empörung und "Fassungslosigkeit" reagiert.

ÖVP-Vertriebenen- und Wehrsprecher Norbert Kapeller erklärte in einer Aussendung: "Das ist ein wahrhaftiger Schlag ins Gesicht für hunderttausende Vertriebene ... Es ist ein Tag der Schande für ein vereintes Europa, das der Fortschreibung von Unrecht nicht Einhalt gebietet." Wenn Grundrecht bedeute, "dass im Endeffekt alle Menschen Rechte haben, außer Vergewaltigte, Ermordete, Misshandelte, Enteignete und Beraubte, muss man den Inhalt und die Bedeutung einer EU-Grundrechtecharta wohl massiv hinterfragen", kommentierte Kapeller die aktuelle Entwicklung am Brüsseler EU-Gipfel und mahnte: "Will das Europa der Regionen auch in den Herzen der Menschen zusammenwachsen, ist das gemeinsame Europa der 27 gefordert, bestehendes Unrecht im Verfassungsrang weder zu tolerieren noch abzusegnen."

"Skandal ersten Ranges"

Als "Skandal ersten Ranges" bezeichnete der FP-Delegationsleiter im EU-Parlament, Andreas Mölzer, in einer Aussendung die Ausnahmeregelung für Tschechien. "Das EU-Hoch-Establishment hat mit dieser Entscheidung unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass der Vertrag von Lissabon um jeden Preis durchgepeitscht werden soll, und zwar auch um den Preis, dass die sogenannte EU-'Werte-Gemeinschaft' die menschen- und völkerrechtswidrigen Benes-Dekrete zumindest indirekt anerkennt. Offenbar gelten in der Europäischen Union bezüglich der Menschenrechte zweierlei Maßstäbe", betonte Mölzer. Bundeskanzler Werner Faymann (S) sei beim Gipfel "umgefallen". "Wie schon seine Vorgänger predigt Faymann in Österreich Wasser und trinkt in der EU Wein. Offenbar geht es dem Herrn Bundeskanzler nicht darum, bestehendes Unrecht, wie es die Benes-Dekrete sind, zu beseitigen. Stattdessen will er in Brüssel den europäischen Musterknaben spielen", erkärte Mölzer.

Mölzers Parteikollegin, FPÖ-Vertriebenensprecherin Anneliese Kitzmüller, fand es in einer Aussendung "widerlich, wie die EU-Staats- und Regierungschefs die Leute verhöhnen und die menschenrechtswidrigen Benes-Dekrete jetzt hinter dem Begriff 'Verwaltungsvorschriften' verstecken. Noch widerwärtiger ist es, wie sie grinsend applaudieren und sich freuen, die lästige Pflicht schnell erledigt zu haben und sich wieder auf den fröhlichen Postenschacher konzentrieren zu können." Kanzler Faymann und Außenminister Michael Spindelegger (V) hätten sich in dieser Sache "als völlig rückgratlos erwiesen".

Das BZÖ bezeichnete die Ausnahme für Tschechien von der EU-Grundrechtscharta als "Kniefall der EU vor Menschenrechtsverbrechen" und als "Schlag ins Gesicht der Vertriebenen und ihrer Nachkommen". "Wer so die EU der Zukunft bauen will, baut sie auf tönernen Füßen", wurde BZÖ-Vertriebenensprecher Rainer Widmann in einer Aussendung zitiert. Nur wer mit der Geschichte sauber umgehe, habe auch einen klaren Blick für die Zukunft, so Widmann. Es sei vom EuGH zu prüfen, ob die Änderung im Widerspruch zu den Menschenrechten stehe, verlangte Widmann.

Grüne: "Ausverkauf der Grundrechte"

"Wenn nach Großbritannien und Polen nun auch Tschechien ein 'Opting-Out' aus der Grundrechtecharta gewährt wird, so zeigt das, wie wenig den Staats- und Regierungschefs diese wert sind. Die Grundrechte, also die einklagbaren Rechte der Bürgerinnen und Bürger, werden bei Bedarf gegen billige nationale Interessen verkauft", kritisierte Ulrike Lunacek, Europasprecherin der Grünen, die vereinbarte Ausnahmeregelung. "Kommt als nächstes der slowakische Premier (Robert) Fico, der schon anklingen hat lassen, dass er wegen der Benes-Dekrete Ähnliches will?" Jetzt nehme der tschechische Präsident Vaclav Klaus seine Bürger "in Geiselhaft seiner anti-europäischen Obsrtuktion". Die Leidtragenden seien die Bürger, und nicht Klaus, so Lunacek in einer Aussendung. "So sehr ich das Inkrafttreten des Lissabon-Vertrages befürworte: Dieses Nachgeben ... gegenüber einem deklarierten Anti-Europäer ist falsch und schmerzt."

Kritik auch vom deutschen Bund der Vertriebenen

Auch der deutsche Bund der Vertriebenen hat die vom EU-Gipfel vorgesehene Regelung für Tschechien im Zusammenhang mit dem Lissabon-Reformvertrag kritisiert. Damit werde "das Dilemma europäischer Menschenrechtspolitik offenkundig". Die Generalsekretärin der Vertriebenen, Michaela Hriberski, unterstrich am Freitag in Berlin: "Der Rechtsfrieden in Europa wird nachhaltig dadurch gestört, dass die Benes-Dekrete ihre Wirkung bis zum heutigen Tag entfalten." Es zeige sich nun "wieder einmal, dass es ein Fehler war, die aus der Vergangenheit herrührenden Probleme nicht vor dem Beitritts Tschechiens und Polens gelöst zu haben".

Nach Ansicht des deutschen Vertriebenen-Verbandes nährt das neue Zugeständnis der Staats- und Regierungschefs der EU Zweifel an einer stringenten Menschenrechtspolitik. "Juristisch wirkungslos und daher nur vordergründig Tschechien beschwichtigend, verstärkt diese Doppeldeutigkeit das Unbehagen an einer Entscheidung, die die Millionen Opfer völkerrechtswidriger Vertreibungen und Enteignungen außer Acht lässt", erklärte Hriberski. Die Entscheidung beim EU-Gipfel beschädige zudem den allgemeinen Wert der Grundrechte-Charta der EU für alle europäischen Völker. (red/APA)

Kommentar posten
11 Postings
Heiner Müller
00
31.10.2009, 13:44
Dabei

hat die Grundrechtscharta gar nichts mit den Benes-Dekreten zu tun.

Nissia
00
21.12.2009, 15:08
Die wahre schande ist der Reformvertrag selbst

Der Artikel 168VAEU aus dem EU _Reformvertrag

(Künstliche)PANDEMIEN, ZWANGSIMPFUNGEN, PROHIBITION UND PHARMA-GESCHÄFTE)

Art. 168 VAEU (ex-Art. 152 EGV) […] Die Tätigkeit der Union ergänzt die Politik der Mitgliedstaaten und ist auf […] die Beseitigung von Ursachen für die Gefährdung der körperlichen und geistigen (0)Gesundheit gerichtet. […] außerdem umfasst sie die Beobachtung, frühzeitige Meldung und Bekämpfung schwerwiegender grenzüberschreitender Gesundheitsgefahren. […]
(2) Die Union […] fördert insbesondere die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten, die darauf abzielt, die Komplementarität ihrer Gesundheitsdienste in den Grenzgebieten zu verbessern.

[…] Die Kommission kann in enger Verbindung mit den Mitgliedstaaten insbesondere Initiativen [ergreifen], die darauf abzielen, Leitlinien und Indikatoren festzulegen, den Austausch bewährter Verfahren durchzuführen und die erforderlichen Elemente für eine regelmäßige Überwachung und Bewertung auszuarbeiten. Das Europäische Parlament wird in vollem Umfang unterrichtet. […]

(4) Abweichend von Artikel 2 Absatz 5 und Artikel 6 Buchstabe a tragen das Europäische Parlament und der Rat nach Artikel 4 Absatz 2 Buchstabe k gemäß dem ordentlichen Gesetzgebungsverfahren […] mit folgenden Maß-nahmen zur Verwirklichung der Ziele dieses Artikels bei, um den gemeinsamen Sicherheitsanliegen Rechnung zu tragen: […]

c) Maßnahmen zur Festlegung hoher Qualitäts- und Sicherheitsstandards für Arzneimittel und Medizin

135
 
00
30.10.2009, 22:05
Und nun kommt wieder der Mief der Bürgerlichen.

Es wird halt nicht gerne gesehen, daß Klaus ein Neoliberaler ist und es ihn um eine Beschneidung der sozialen Rechte ging.

schwarzberg
21
30.10.2009, 19:29

erschütternd, diese mischung aus nationalismus, populismus und ahnungslosigkeit.
wenigstens hat die österreichische provinz immer weniger zu sagen.

msm
00
31.10.2009, 08:36
Ja, so schaufelt sich die SPÖ samt...

...Anhang ihr eigenes Grab. Tief genug wäre es nun ja schon, Lächler und Schleimer hinein und zuschütten

Luky Pozzo
10
30.10.2009, 17:34

Die Grünen also ganz auf Schulterschluss. Und mit kongenial-dümmlicher Verbalisierung desselben.
Gratuliere.

Sägnüt
 
12
30.10.2009, 14:42
"Die Leidtragenden seien die Bürger, und nicht Klaus, so Lunacek in einer Aussendung."

Ein Bericht des ORF hat vor ca. 1 Jahr aufgezeigt, dass die tschechischsprachigen Tschechen, die sich für die Untaten ihres Landes schämen und gar die Rückkehr der Sudentendeutschen befürworten, eine starke Minderheit sind.

Auch sehe ich in Gesprächen mit Tschechen immer wieder, dass diese auf dem Standpunkt stehen, nationalrechtlich sei die Verteibung abgesichert, daher also alles bestens, Moral, Menschenrechte, Menschenwürde, Gewissen spielen da nicht hinein.

Von daher agiert Klaus nicht gegen seine Bürger. Zumindest nicht gegen die offiziell anerkannten.

dankam
21
31.10.2009, 10:05
Um der Klarheit willen

Wenn es um "Moral, Menschenrechte, Menschenwürde und Gewissen" ginge, oder auch nur um Anständigkeit, müssten alle Deutschen und Österreicher angesichts des Grauens das sie im Osten angerichtet haben dezent und für immer schweigen.

Das Leiden der Sudetendeutschen hat eine einzige Ursache: den deutschen totalen Krieg, bei dem viele begeistert mitgemacht haben.

Pivo01
00
2.11.2009, 16:24

Aufgrund der schwerstens zu verurteilenden Handlungsweise und Verbrechen von Teilen des nationalsozialistischen Regimes legitimiert sich also daraus die ethnische Vertreibung und die Gräueltaten an der deutschtschechischen Volksgruppe, welche seit Jahrhunderten im Sudetenland beheimatet war. Na gute Nacht wenn man mit einer derartigen Einstellung in der Gegenwart politisch visionär nach Vorne blicken möchte...dann schauen wir in eine ziemlich düstere Zukunft, vor allem in eine Zukunft der Ungleichheit und einem ethnisch abhängigen Rechtsempfinden.

Sägnüt
 
00
2.11.2009, 15:12
Wollte eigentlich nur noch erwähnen, dass man die Begründung für eigene Untaten nie in in den Untaten oder auch nur Ideologien des anderen suchen sollte.

Sie nähern sich ansonsten gefährlich etwa der Propaganda sowohl des dritten Reiches als auch der der stalinschen Schreckensherrschaft (deren gnädigere Auswirkungen nur darauf beruhten, dass die großen Staatsraumererweiterungen bereits zu zaristischen Zeiten geschahen, also viele der drangsalierten und verschleppten "Nationen" auf dem Papier bereits zur SU gehörten).
Wer ideologisch nicht ins Konzept passt, wird aus dem Weg geräumt, da er durch bloße Existenz die Entwicklung der ideologisch passenden Bevölkerung verhindert.
Das fängt schon im kleinen an bei der Nichtaufstellung von zweisprachigen Ortstafeln, Zusammenlegung von Verwaltungseinheiten derart, dass Minoritäten auch lokal minorer werden...

Sägnüt
 
01
31.10.2009, 14:00
Man darf eben nicht schweigen,

genauso wie die Verbrechen der Nazis nicht verschwiegen werden dürfen und es gottlob auch nicht werden.
Warum man aber über das Gegengrauen schweigen soll, ja es offensichtlich sogar gutheissen soll...
Die Verbrechen der Deutschen werden leider allzugerne hergenommen, um eigene Untaten zu verdecken und zu rechtfertigen.
Damit meine ich nicht nur die glorifizierten Imperien diverser europäischer Staaten, stattliche rassistische Unterdrückung in den USA noch Jahrzehnte nach dem 2.WK, benachteiligung der Juden in Polen, Verleugnung der Sudetendeutschen als Staatsvolk im Namen der Tschechoslowakei... Rest folgt nach dem WE....muss aus PC_Raum raus...

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