Was ist richtig? Was falsch? Was tun? Was lassen?

30. Oktober 2009, 17:27
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... Ganz alltägliche Fragen - Doch in schwierigen Situationen können sie heftige innere Verunsicherung und Selbstzweifel auslösen - STANDARD-Interview

Das alles hat auch durchaus seinen Sinn, sagt der Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universität Göttingen und des Instituts für Public Health der Universität Mannheim/Heidelberg, Professor Gerald Hüther. Im Interview bringt er Licht in das Dunkel dieser Gefühle.

STANDARD: Professor Hüther, Selbstzweifel und innere Verunsicherung haben für Sie ein viel zu schlechtes Image. Warum?

Hüther: Weil es wichtige Gefühle sind. Sie sind die Triebfeder, die uns auch emotional in die Lage versetzt, unser Denken und Handeln immer wieder zu hinterfragen, Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Kurz, unser Verhalten zu ändern. Denn nur mit emotionaler Betroffenheit wird es möglich, aus eigenen Fehlern zu lernen und sich aus fehlsteuernden Verhaltensmustern zu befreien. 

Das ist eine der bedeutsamsten Erkenntnisse der Hirnforschung. Das nackte, rationale Denken allein ist nur so lange ein geeignetes Mittel zur Lösung von Problemen, wie diese Probleme relativ unwichtig sind, wenn sie uns selbst nicht direkt betreffen oder gar bedrohen. Sobald es um uns selbst geht, spielen plötzlich Gefühle und die mit diesen Gefühlen einhergehenden Körperreaktionen eine entscheidende Rolle. Verunsicherung und Selbstzweifel dürfen deshalb nicht ausschließlich als "schreckliche" Gefühlszustände angesehen werden. Sie helfen auch, flexibler, weltoffener zu leben. 

STANDARD: Also weg mit der Angst vor Selbstzweifeln und Verunsicherung?

Hüther: Natürlich sind Selbstzweifel und Verunsicherung keine angenehmen Empfindungen. Aber sie verlieren viel von ihrem Schrecken, macht man sich bewusst: Sie sind wichtige Impulse, mal die gewohnten Gedankengänge und Ver-haltensweisen zu überprüfen. Gerade in unserer Zeit allgegenwärtiger Veränderungen ist das unerlässlich. Problematisch werden diese Gefühle erst, wenn sie jemanden förmlich überschwemmen und der nicht mehr imstande ist, sich selbst in diesem Zustand zu beobachten und den Signalcharakter von Selbstzweifeln und Verunsicherung zu erkennen. 

STANDARD: Was passiert dann?

Hüther: Der Normalfall ist: Mithilfe unseres Frontalhirns und der dort erfahrungsabhängig herausgeformten und stabilisierten neuronalen Verschaltungen sind wir in der Lage, äußere Ereignisse und innere Empfindungen zu bewerten und auf entsprechende Änderungen von äußeren Anforderungen oder inneren, also körperlichen oder emotionalen Zuständen, durch geeignete Gegenmaßnahmen zu reagieren. 

Durch eigenes Nachdenken und daraus abgeleitete bewusste Handlungen und Korrekturen finden wir so unser kurzzeitig verlorengegangenes inneres Gleichgewicht wieder oder können es wieder herstellen. Problematisch wird es wie gesagt von dem Moment an, wo diese Ereignisse und die dadurch ausgelösten verunsichernden Selbstzweifel sehr massiv werden und uns förmlich überschwemmen! Dann kommt es zu einer so starken Übererregung dieser neuronalen Netzwerke im Frontalhirn, dass dort kein das "normale" Denken und Handeln leitendes Erregungsmuster mehr aufgebaut werden kann. Umgangssprachlich heißt das dann: "Ich bin/war blockiert!"

Erlebt wird diese Blockade als ein das Denken lähmender Kontrollverlust. Das führt zur automatischen Aktivierung sogenannter Notfallprogramme und einer damit einhergehenden unkontrollierbaren Stressreaktion. 

STANDARD: Diese Blockade erwischt aber nicht jeden. Warum nicht?

Hüther: Dafür gibt es mehrere Gründe, unter anderem die individuelle Veranlagung. Entscheidend aus heutiger Sicht aber ist: Manche Menschen sind bereits von Kindesbeinen an stärker als andere gewohnt, sich mit Verunsicherung auseinanderzusetzen. Immer wieder wurden sie in der Familie, in der Schule, während der Ausbildung verunsichert und zur Suche nach besseren, geeigneteren Lösungen angehalten. 

So lernten sie früh, diesen Zustand auszuhalten, mit ihm umzugehen. Verunsicherung verlor für sie den Charakter von Bedrohlichkeit. Deshalb zeichnen sich diese Personen durch eine bemerkenswerte Resistenz gegenüber heiklen Situationen aus. Andere lernten, sich aufgrund wiederholter Verunsicherungen an neue Herausforderungen anpassen. Dadurch erwarben sie sich ein breites Spektrum unterschiedlicher Kompetenzen und wurden immer besser darin, unerschrocken und flexibel mit Problemen umzugehen, die andere in die Knie gehen lassen. 

STANDARD: Wen treffen Verunsicherung und Selbstzweifel erfahrungsgemäß besonders?

Hüther: Interessanterweise vor allem Menschen, denen im bisherigen Leben mithilfe weniger und sehr einseitiger Bewältigungsstrategien zu viel zu gut gelungen ist. Sie mussten bis dahin nie erleben, wie es ist, wenn man an die tatsächlichen oder vermeintlichen Grenzen der eigenen Gestaltbarkeit und Kontrolle gelangt und sich Selbstzweifel und Verunsicherung einstellen. 

Damit sahen sie zwangsläufig auch nicht die Notwendigkeit, sich nach anderen, neuen Problem_lösungsmustern umzusehen. Der Knackpunkt ist doch: Je häufiger und erfolgreicher ein Problem auf dieselbe Weise gelöst wird, desto mehr werden aus den anfänglich noch sehr schwachen Verknüpfungen im Gehirn erst immer besser nutzbare Nervenwege, dann Straßen und am Ende sogar Autobahnen. Und von diesen kommt man dann später oft nur schwer wieder herunter. Dann versucht man immer wieder auf dieselbe gewohnte Weise seine Herausforderungen in den Griff zu bekommen. 

Verändern sich dann auf einmal die Problemstellungen und es müssten neue, besser in die Zeit passende Lösungsstrategien gefunden werden, fällt man immer wieder in die alten Muster zurück. Und gerät dann recht leicht in bis zur Panik verunsichernde Selbstzweifel.

STANDARD: Was schützt davor?

Hüther: Ideal wäre es, könnten wir alle bereits im Heranwachsen ganz selbstverständlich lernen, uns selbst und unsere Vorstellungen immer wieder infrage zu stellen, Probleme weniger befangen zu sehen und offener anzugehen, ge-machte Fehler und erkannte Schwächen als Herausforderung oder Ansporn zu nehmen statt sie zu verdrängen oder zu vertuschen. Nichts als das schützt besser davor, später im Leben unter die Räder destabilisierender Gefühle zu kommen, unflexibel zu werden und sich in überholten Denk- und Verhaltensweisen festzufahren. 

STANDARD: Nicht alle haben dieses Glück, was tun sie?

Hüther: Wer nicht im Heranwachsen lernen konnte, flexibler zu handeln und nicht blind auf bisherige Erfolgsstrategien zu vertrauen, muss diese wichtige Lektion eben nachholen. Das heißt, die oder der Betreffende muss irgendwie zu der Erkenntnis finden oder gebracht werden: Bewährte, erfolgreich eingesetzte Strategien, Vorstellungen und Verhaltensweisen garantieren nicht für immer Erfolg.

Das bedarf schon einiger Anstrengung, denn genau diese Denkweisen und Verhaltensmuster sind ja inzwischen Teil der eigenen Persönlichkeit, der Ich-Struktur ge-worden. Hier kommt das ins Spiel, was wir gemeinhin Persönlichkeitsentwicklung nennen. Wie wichtig es bei der heutigen Veränderungsgeschwindigkeit für das persönliche Wohlergehen ist, sich selbst und den eigenen Gewohnheiten und Gepflogenheiten gegenüber wachsam zu bleiben, wird dadurch vielleicht für jeden deutlich. 

STANDARD: Was heißt das konkret?

Hüther: Denk- und Verhaltensweisen nicht zu unbewussten Automatismen werden zu lassen. Ereignisse, Personen, überhaupt alles, was einem im Leben begegnet, nicht nur aus einer Perspektive zu betrachten.
Je mehr man in diesem Sinne sozusagen weltoffener wird, desto stabiler steht man erfahrungsgemäß im Leben. Der beste Schutz vor bis zur Selbstlähmung verunsichernden Selbstzweifeln ist, weniger voreingenommen, offener, kurz und gut bewusster zu leben. Und bewusster leben zu lassen. 

STANDARD: Und wie schafft man das?

Hüther: Indem man versucht, die inneren Einstellungen und Haltungen, die Glaubenssätze und Überzeugungen, die den Blick in die Welt und den Umgang mit der Welt mehr unbewusst als bewusst steuern, zu erkennen und zu hinterfragen: Warum denke und verhalte ich mich so, wie ich mich verhalte? Woher kommen diese Erfahrungen, die sich tief in mein Gehirn eingeprägt haben und mich unterschwellig steuern? 

Wiederum der Knackpunkt ist dabei: Haltungen und Einstellungen sind in Form komplexer neuronaler Netzwerke im Frontalhirn verankert. Sie sind kein auswendig gelerntes Wissen, sondern durch am eigenen Leib gemachte Erfahrungen entstanden. 

Deshalb lassen sich diese Netzwerke auch nicht durch noch so kluge Ratschläge, Belehrungen oder gute Vorsätze verändern, sondern nur durch neue Erfahrungen: dass man nicht auf Anhieb perfekt sein kann und muss, dass man sich irren und Fehler machen kann, dass gerade die - wird offen und angstfrei mit ihnen umgegangen - ganz wesentliche Anstöße zur persönlichen Entwicklung geben können. Und diese neuen Erfahrungen überschreiben dann allmählich die fehlsteuernden alten neuronalen Netzwerke im Kopf, sprich neues Denken und Verhalten wird gelernt. 

STANDARD: Gelingt das ohne fremde Hilfe?

Hüther: Menschen, die in ihrem bisherigen Leben nicht gelernt haben, immer wieder nach neuen Verhaltensweisen und Verhaltensmöglichkeiten zu suchen und sie auszuprobieren, brauchen erfahrungsgemäß Menschen, die ihnen Mut machen, sie animieren und inspirieren, Probleme aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und mit anderen Vorgehensweisen zu lösen. Kurz, sich auf neue Erfahrungen einzulassen. Das kann ein Freund sein, ein weitblickender, Führung in seiner tatsächlichen Doppelfunktion von Fördern und Fordern begreifender Vorgesetzter oder auch ein Therapeut. Wichtig ist in jedem Fall, die Selbstzweifel und Verunsicherungsgefühle nicht zu pathologisieren, also als krankhaft darzustellen, sondern eine Strategie des Mutmachens, der Inspiration zu verfolgen. Und der Stärkung innerer Ressourcen.
Vor allem des Vertrauens zu sich selbst, zu den eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten, die meist erheblich größer sind, als sie ängstliche Befangenheit scheinen lässt. (Hartmut Volk, DER STANDARD, Printausgabe, 31.10./1.11.2009)

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    Selbstzweifel führen zur "Blockade", und diese wiederum aktiviert "Notfallprogramme" und Stressreaktionen, sagt Neurobiologe Hüther.

  • Zur Person
Gerald Hüther (Jahrgang 1951) ist Neurobiologe und arbeitet auf dem
Gebiet der experimentellen Hirnforschung. Von 1989 bis 1994 baute er
die Abteilung für neurobiologische Grundlagenforschung an der
Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen auf, die er seitdem
leitet.
    foto: privat

    Zur Person

    Gerald Hüther (Jahrgang 1951) ist Neurobiologe und arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Hirnforschung. Von 1989 bis 1994 baute er die Abteilung für neurobiologische Grundlagenforschung an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen auf, die er seitdem leitet.

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