Netzwerk-Protest macht Politiker ratlos

von Michael Kremmel, Anita Zielina  |  03. November 2009, 06:55
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    Wie geht man mit einem Protest um, der sich antihierarchisch über Onlineplattformen verbreitet? Und wie nützt man dieses Potenzial als politische Partei? Diesen Fragen wird sich die Politik in den kommenden Jahren widmen müssen.

Die Uniproteste haben keine Anführer, das macht sie stark - Österreichs Parteien haben noch nicht gelernt, sich im Netz zu organisieren

"Die Politik ist eine formalisierte Kommunikation gewohnt, Parteien mit ihren Pressesprechern passen nicht zur offenen Kommunikationskultur im Internet. Hier treffen hierarchisch-traditionelle Strukturen auf eine Netzwerkorganisation", sagt David Röthler, Blogger zum Thema Politik und Internet. Erstmals in größerem Ausmaß bemerkbar macht sich dieser Strukturwandel bei den aktuellen Studentenprotesten. In Zukunft werden die Politiker lernen müssen, ständig mit neuen, in kurzer Zeit organisierten und starken Bewegungen umzugehen. derStandard.at sprach mit Bloggern, Experten und Partei-Strategen über die neuen Formen der Politikkultur.

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Schon seit Beginn der Studentenproteste organisieren sich die Studierenden über das Internet und nicht über offizielle Vertretungen. Den Politikern steht somit eine heterogene Masse an Studenten gegenüber, die sich nicht ohne weiteres in eine ideologische Schublade stecken lässt. "Traditionelle Parteien und institutionelle Einrichtungen kommen bei einer solchen Form der Kommunikation nicht mit. Sie haben gewisse Zielvorgaben, die sie erreichen müssen, das ist alles. Da der Protest weit weg von traditionellen Strukturen verläuft und auch die ÖH bei den Studentenprotesten kaum eingebunden ist, haben sie ein Problem", sagt Hans Zeger, Obmann der ARGE Daten und Buchautor zum Thema "Paralleluniversum Web 2.0 - Wie Online-Netzwerke unsere Gesellschaft verändern".

Entwicklung verschlafen?

Hat die Politik den Einzug der neuen Kommunikationsformen verschlafen? "Verschlafen kann man so nicht sagen. Die Parteien haben kurzfristig taktisch richtig, aber langfristig strategisch falsch gehandelt. Sie haben sich in den Wahlkämpfen auf die Generation Fünfzig-Plus konzentriert, da dies die größte Wählergruppe ist", sagt Filzmaier. Es sei aber für die Parteien auch nicht sinnvoll jetzt alles über das Internet zu machen. "Auch Obama hat seinen Wahlkampf nicht über das Internet gewonnen. Der beste Medienmix ist entscheidend. Das haben alle Parteien erkannt. Aber das Internet mit zum Teil wenig Ressourcen oder aus taktischen Gründen nach hinten gerückt."

Filzmaier sieht bei der Organisation und dem basisdemokratischen Austausch über das Internet sowohl Vor- als auch Nachteile: "Positiv ist sicher der offene Austausch, sowie das beim Idealbild, dem antiken griechischen Marktplatz der Fall war und auch bei Kantonsversammlungen in der Schweiz lange praktiziert wurde. Man trifft sich und diskutiert intensiv. Heute ist das nur mehr im Internet möglich." Die große Frage sei aber, ob sich aus dem Diskussionsprozess auch ein Entscheidungsprozess ableiten lasse.

Wie reagieren die Parteien auf die Proteste?

Aus der ÖVP-Zentrale heißt es, dass die Proteste von der Onlineabteilung sehr wohl beobachtet würden, aber keinesfalls in die Kommunikation auf Facebook eingegriffen werde. "Das geht von den Studierenden aus, so soll es auch bleiben. Da muss nichts geschürt werden, der Dialog passiert ohnehin offline im direkten Gespräch. Unsere Telefonnummern und Mailadressen stehen auf unserer Website und sind bekannt. Darum wenden sich auch immer wieder Studenten an uns. Der Minister hat sich auch mit den offiziellen Studentenvertretungen getroffen."

Bei den Grünen findet man die Proteste "spannend und super". So haben sich Politiker mit den Studenten solidarisiert, auch auf Facebook. "Bei uns ist die Solidarisierung aber ohnehin Parteilinie, was unsere Abgeordneten also auf Facebook und Co. schreiben ist in deren eigener Verantwortung. Es wäre ja absurd ein Redeverbot zu erteilen, schließlich waren ja auch Vertreter unserer Partei bei der Demonstration dabei", sagt Reinhard Pickl-Herk aus der Grünen-Medienabteilung. Ob man auch die Bewegung "Studieren statt blockieren" verfolge, die jüngst von der ÖVP-Rückendeckung bekam? "Vielleicht machen das einzelne von uns,  generell machen wir das aber nicht. Deren Argumente sind ja nicht neu."

Medienkompetenz als Erfolgsfaktor

Marko Zlousic, in der Kommunikationsabteilung der SPÖ für das so genannte "Web 2.0" zuständig, beobachtet die Entwicklungen in den sozialen Medien ebenfalls. Die Bereitschaft der SPÖ-Politiker in den neuen Medien zu kommunizieren sei aber sehr unterschiedlich, als positives Beispiel nennt er Laura Rudas. Die Gründe warum die Organisation der Proteste bei den Studenten klappt, die Parteien sich aber schwer tun, sieht Zlousic in der Medienkompetenz. "Studenten sind es gewohnt mit dem Netz umzugehen, sie sind eine internetaffine Gruppe. Auch bei Obama hat das nicht einfach so funktioniert. Da wurde viel Geld in Schulungen gesteckt. Außerdem hatten die Studenten große Hilfe von Experten, die sich auch sonst viel im Web 2.0 bewegen und haben somit die kritische Masse erreicht."

Organisation und Aufmerksamkeit

Einer von diesen Experten ist Luca Hammer. Er ist unter anderem für den Livestream aus dem Audimax verantwortlich. "Schon am Freitag habe ich mit meinem Handy einen Livestream gemacht, um der Welt zu zeigen was passiert. Am Samstag war ich dann mit mehr Equipment vor Ort und habe die Plenarsitzungen komplett übertragen", schreibt er in seinem Blog. Gegenüber derStandard.at sagt er, dass die Live-Übertragung mittlerweile schon über 250.000 Zugriffe habe, die Website "unsereuni.at" über 500.000.

Die administrative Abwicklung und Übertragung der Proteste habe mehrere Vorteile: "Das wichtigste ist die Transparenz. Besonders nach den Partys und den angeblichen Beschädigungen der ersten Tage  konnten sich Menschen so überzeugen, dass auch konstruktiv gearbeitet wird. Außerdem sind wir nicht mehr an die traditionellen Medien wie Zeitungen gebunden, um unsere Statements zu transportieren." Besonders Twitter sei wichtig für die Organisation. Wenn etwas fehle, sei es innerhalb von Minuten beschafft. Doch nicht alle sind mit dem Streamen der Proteste einverstanden, wie auch Plakate im Audimax zeigen.

Unabhängig von Zeit und Ort

David Röthler hat von den Protesten über den Kurznachrichtendienst "Twitter" erfahren. "Soziale Medien erzeugen vor allem mehr Aufmerksamkeit, so war ich per Stream gemeinsam mit 2700 anderen Menschen live im Wiener Audimax dabei." Das sieht auch Hammer als Stärke des Protests: "Wir diskutieren mittlerweile wie die Plena in Zukunft abgehalten werden können, da im Audimax zu wenig Platz ist. Darum sollen die Diskussionen auf andere Medien wie das Wiki  übertragen werden." (Anmerkung: Ein Wiki ist ein System für Webseiten, bei dem jeder Inhalte nicht nur lesen sondern auch verändern kann. Vergleiche: Wikipedia) Das Wiki würde den Protest vollkommen zeit- und ortsunabhängig machen. "Auch bei einer allfälligen Räumung könnten sich die Studenten in Kürze wieder formieren und andere Räume besetzen", glaubt Hammer.

Was kann die Politik tun?

Die Politik ist ratlos, eine solche Form des Protests ist in den Parteien unbekannt. Für Filzmaier liegt die Erklärung darin, dass Politiker einen steuerbaren Kommunikationsprozess wollen. Das Plenum der Besetzer aber fordert, dass sich Politiker bereiterklären ins Audimax zu kommen. "Das stell ich mir zwar schwierig vor, da die Stimmung aufgeheizt ist. Aber so kann ein Politiker zeigen, dass er ein Politiker ist", so Hammer. Die Besetzer weigerten sich auf Wunsch von Hahn einen Vertreter oder eine Vertreterin zu ernennen. Hintergrund dieser Entwicklung ist laut Filzmaier die bedingte Legitimation der ÖH durch die geringe Wahlbeteiligung der letzten beiden Wahlen. Würde für die Besetzer ein Dialog auf Facebook auch genügen? "Das stell ich mir schwierig vor. Die Glaubwürdigkeit von Politikern ist gering, es müsste klar sein, dass kein Pressesprecher oder gar ein ganzes Team hinter den Einträgen steht", so Hammer.

Politikwissenschaftler Filzmaier sieht schnelle Maßnahmen allgemein kritisch: "Kurzfristige Anbiederungsaktionen helfen nichts. Solidarisierungserklärungen können funktionieren, aber zumindest unterbewusst herrscht bei Protestgruppen immer ein gesundes Misstrauen gegenüber parteipolitischer Instrumentalisierung." Er glaubt, dass hier langfristige Gespräche und Dialogbereitschaft jenseits des Anlassfalles gefordert wären, um glaubwürdig zu wirken. Auch Zeger glaubt, dass sich die Politiker zurückhalten sollen. "Wenn sich beispielsweise die SPÖ auf das Thema draufsetzen würde, dann nimmt das keiner ernst." Er glaubt aber, dass für die Zukunft die  traditionellen Parteien sehr wohl die Debatte zu sich holen könnte. Die Politik könnte die technische Infrastruktur für solche Diskussionen bereitstellen, damit die Debatten bei den Parteien ablaufen. "Die Kontrolle über die Kommunikation müssen sie aber abgeben und können nur beschränkt eingreifen. Da müssten sich die Parteien öffnen. Internetnutzer sind diesbezüglich sehr kritisch." (Anita Zielina, Michael Kremmel, derStandard.at, 3.11.2009)

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therapeut
19.02.2010 20:53
speed kills .....

auch die diskussionen und der meinungsaustausch gehen rasant vor sich. bloggen, twittern und facebook sind die diskussionsplattformen der jugend. diskutiert mit: http://www.graz.8020.at.tf/

die welt ist rosarot
05.11.2009 19:24
politier waren immer schon ratlos

und seits internetz gibt ist ihr weltbild total im A

Menschenflüsterer  
05.11.2009 10:34
Basisdemokratie macht Politiker rat- und nutzlos.

Darum wehren sich die Herrscher dagegen. Sie können schlecht alle Studenten einsperren und niederprügeln, sie können sich auch nicht die "Studentenvertreter" kaufen, so wie sich bei Gewerkschaften die Funktionäre unmoralisch hoch entlohnen und zum Schaden der Arbeiter Verhandlungsergebnisse manipulieren.

Das zu Neid, Streit und Leitwolfkult erzogene Volk kann die basisdemokratische Kraft noch nicht begreifend in sein Hirn einbauen. Es zankt sich lieber untereinander und gibt somit den nicht gewählten Politikern, deren Geldgeber alle Mikrofone, Zeitungen und Kameras gehören, uneingeschränkte Macht.

Die Basisdemokratie muss auf alle Menschen überspringen, damit die nutzlosen Leitwölfe in den Regierungen endlich ihre Aufgaben erkennen.

das ist fix
04.11.2009 21:18


Der Anteil der Studentinnen und Studenten welcher sich an den Hörsaalbesetzungen beteiligt ist gering.
Breite Bevölkerungsschichten nehmen das gar nicht wahr, von Stärke kann nicht gesprochen werden.

Juergen Hoffmann  
05.11.2009 10:59

na, dann schauen Sie mal heute NM auf die Straßen von Wien. DAS ist Stärke!

135 
04.11.2009 10:51
Es geht nicht nur um die Form der

Kommunikation, sondern auch die Bereitschaft miteinander und auch "NichtstudentInnen" zu sprechen und die Nöte an den Universitäten begreiflich zu machen.
Wenn nicht aufgepaßt wird, könnte die offizielle Politik wieder zur
beliebten Feindbildstrategie "Zuflucht" nehmen.

Johnny Brainstorm 
03.11.2009 19:17

Widerstand braucht keine Anführer, gut so...

Marinos Yannikos
03.11.2009 18:30
Internet-Sperren, warum nicht?

... http://internetsperren.at/bandion-o... rum-nicht/

Little Willy
03.11.2009 17:52
Wie man einer Partei per Internet die Rübe wegbläst ...


... haben uns die Grüninnen (hier) so brillant vorgetanzt. Judith Schwentner hat bei der letzten Frauen-Enquete im Parlament schon fast verzweifelt gesagt, das die Grüninnen selbstverständlich keine Frauenpartei wären und auch Männer willkommen sind.

Der Schaden den Eva G. angerichtet hat ist aber nicht mehr zu beheben :-)

AlliGator
03.11.2009 17:49

Ratlose Politiker sind nix neues. Die sind so geboren.

Aber mich macht dieser Protest auch ratlos. Als Absolvent der Uni Wien bin ich an den Inhalten sehr interessiert - aber nach fast 2 Wochen hat die ach so tolle Kommunikation der Studenten es noch nicht geschafft mir zu erklären, was sie denn eigentlich konkret wollen, oder welches Ergebnis zu einem Ende der Proteste führen könnte.

Wenn die Kollegen also mehr wollen, als die Verwirrtheit der Politiker bloßstellen, sollten sie ihre Kommunikation vielleicht doch noch ein wenig verbessern...

Cuchullain
04.11.2009 21:25
An der Kommunikation haperts eh überall, sowohl betrieblich, ...

... als auch privat.
Ebenso sind ratlose Politiker nix Neues ("Es ist alles furchtbar kompliziert" - F. Sinowatz (einer der besten und ehrlichsten Sprüche, die ein Bundeskanzler unseres Krähwinkels formuliert hat). Die Politik ist halt ein Mobile, an derem einen Ende die Banken fest ziehen, sich aber kein Gegengewicht an der anderen Seite bildet!

anonym92
04.11.2009 09:35

...die ach so tolle Kommunikation der Studenten es noch nicht geschafft mir zu erklären, was sie denn eigentlich konkret wollen, oder welches Ergebnis zu einem Ende der Proteste führen könnte...

Vielleicht wärs einfach ratsam mal den Forderungskatalog (www.unsereuni.at) anzusehen oder mal zu einem Plenum ins Audmax zu gehen, anstatt hier uninformiert zu sudern. Information ist eine Holschuld - jammern könnens dann noch immer.

AlliGator
04.11.2009 12:53

Warum sollte ich sudern? Ist Eure Sache, ob ihr die Öffentlichkeit auf Eurer Seite haben wollt - oder ob ihr lieber Laborratten in Eurem kleinen Protestversuch bleibt. Ich habe meinen Magister ja schon.

Information ist nie eine Holschuld. Wer das nicht begreift, wird immer auf seinen ach so tollen Inhalten sitzenbleiben. Und dann am Ende noch sudern, wieso der HC denn so viele Stimmen bekommt.

Cuchullain
04.11.2009 21:27
"... Ich habe meinen Magister ja schon"

Na, wieso sind sie dann nicht beim Marathon-Lauftraining? Ist ja für Magistri wohl obligat?

AlliGator
05.11.2009 00:46

Ich werde morgen lieber mit ein paar Kochtöpfen voll Essen im AudiMax vorbeischauen. Nach zwei Wochen Wurstsemmel-Diät klingt ihr mir schon ein bisserl zu grantig...

Cuchullain
05.11.2009 07:40
:) :) Sorry!

M a h l z e i t !

Raubkopierer 
03.11.2009 18:09

wo haben sie das her? die forderungen sind ausformuliert, da können sie nachschauen:
http://unsereuni.at/?cat=8

AlliGator
03.11.2009 18:43

Vielen Dank für den Link. Ich werde mir auch gerne die Zeit nehmen, mich inhaltlich damit auseinanderzusetzen.

Nach dem ersten drübersehen bin ich allerdings ziemlich entsetzt. Statt von Dingen zu lesen, mit denen die Identifikation schnell und leicht fällt, lese ich Langprosa im Diplomarbeits-Stil... Meine Kommunikations-Chefin hätte ich für eine solche Präsentation der Inhalte gefeuert.

Ich möchte mein im ersten Posting formuliertes Anliegen also noch aufrecht halten....

Raubkopierer 
04.11.2009 06:13

hier fiden sie natürlich dei vollständig ausformulierte form. ich hab jetzt gerade keine zeit zum suchen, aber es als ich dort war hing im audimax eine tafel mit der kurzversion.

135 
04.11.2009 10:46
Auch ich möchte mich bedanken.

aber eine Kurzform für ein Flugblatt wäre sinnvoll.
Spendemöglichkeiten dafür angeben.

Raubkopierer 
04.11.2009 16:32

spenden ist einfach^^ einfach mit einem sack erdäpfeln vorbeikommen, da haben sie wirklich was davon

135 
04.11.2009 18:29
Gedacht war an die Kosten des Flugblattes.

Ansonsten, Danke

Raubkopierer 
04.11.2009 18:50

achso.

Der berüchtigte Kleinhirn-Malstift
03.11.2009 17:46
die zeit könnt ihr euch sparen, denn

die Studenten lassen sich nicht spalten!! nicht in deutsch/österreich nicht in links/nicht links und auch nicht in ÖHler/ nicht ÖHler. sry

da solltet ihr lieber mit den Studenten verhandeln!!

Dr. Lari and Mr. Fari 
03.11.2009 15:47
Vereinbarungen und Verträge kann man nur mit konkreten Personen bzw. gesichert Bevollmächtigen abschließen.

Daran wird auch das net nix ändern.

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