Nach tödlicher Entbindung: Sechs Monate Haft für Arzt

30. Oktober 2009, 14:50
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Wegen Verletzung der medizinischen Sorgfaltspflicht

Linz - Zu sechs Monaten bedingt auf drei Jahre wurde am Freitag ein Arzt nach einer tödlichen Entbindung im Landeskrankenhaus Gmunden verurteilt. Das Gericht erkannte auf Verletzung der medizinischen Sorgfaltspflicht. Als mildernd wirkten sich die bisherige Unbescholtenheit des Mediziners sowie das Tatsachengeständnis der Urkundenfälschung aus; als erschwerend allerdings das Zusammentreffen von zwei Delikten.

Probleme bei Entbindung

Bei der 41-jährigen Patientin war es im September 2008 während der Entbindung ihres vierten Kindes plötzlich zu gravierenden Problemen gekommen, sie starb trotz einer Notoperation an einem Gebärmutterriss. Rund zweieinhalb Wochen später wurde bekannt, dass die Krankengeschichte offenbar manipuliert wurde. Nun muss sich der zuständige Oberarzt vor Gericht verantworten.

Der Mediziner, der selbst Vater ist und bereits mehr als 1.500 Geburten geleitet hat, sprach von einer "bestürzenden, traurigen Situation", bekannte sich aber nicht schuldig. Ihm sei bewusst gewesen, dass bei der Patientin ein erhöhtes Risiko für einen Gebärmutterriss vorliege, da sie bereits einmal per Kaiserschnitt entbunden hatte. Er habe die Frau auch einige Tage vor der Geburt darauf hingewiesen, das allerdings nicht dokumentiert. Sie habe aber einen weiteren Kaiserschnitt abgelehnt.

Am Tag der Entbindung habe er mit der Patientin zunächst nicht mehr über das Risiko gesprochen und sie auch nicht darüber informiert, dass das verwendete Wehenmittel die Gefahr noch weiter erhöhe. Später habe die Frau allerdings erneut einen Kaiserschnitt abgelehnt. Ihm sei auch bewusst gewesen, dass der Einsatz einer Saugglocke das Risiko weiter erhöhe, sie aber dennoch verwendet.

Zustand verschlechtert

Nach der Geburt sei es bei der 41-Jährigen zu einer leichten Blutung gekommen, die er gestoppt habe, so der Arzt weiter. Ein Gebärmutterriss sei für ihn nicht erkennbar, "nach außen nicht sichtbar" gewesen. Er räumte allerdings ein, noch nie eine Uterus-Ruptur gesehen zu haben. Dann habe sich der Zustand der Patientin plötzlich rapide verschlechtert.

Sein vorgesetzter Primar habe ihm nach dem Tod der Frau nahegelegt, den Akt zu ändern und nachträglich zu vermerken, dass er die Patientin noch ein weiteres Mal über den drohenden Gebärmutterriss informiert habe. "Das war eine Riesendummheit. Ich war in einer Ausnahmesituation." Zweieinhalb Wochen später habe er den Primar aufgefordert, das beim Spitalbetreiber richtig zu stellen. Daraufhin wurde der Primar gekündigt und der Angeklagte suspendiert.

"Bei rechtzeitiger Versorgung hätte mit größter Wahrscheinlichkeit das Leben der Frau gerettet werden können". Das sagte der gynäkologische Gutachter Peter Husslein vor Gericht. Er sehe zwei Behandlungsfehler: Zum einen hätte das Wehenmittel früher abgesetzt und durch einen Wehenhemmer ersetzt werden müssen, zum anderen habe der Arzt gar nicht an die Möglichkeit eines Uterus-Risses gedacht.

Der Gutachter übte auch Kritik an der mangelnden Fortbildung im Spital: "Es ist nicht verwunderlich, dass man bei nur 400 Geburten pro Jahr auch als langjähriger Arzt nicht die nötige Erfahrung hat." Dieses Manko müsse aber durch Fortbildung oder durch Richtlinien ausgeglichen werden.

Man dürfe nicht vergessen, dass es sich um ein kleines Spital handle und dass der Angeklagte am betreffenden Tag mehrere Funktionen zu erfüllen gehabt hätte, so der Verteidiger. Es sei klar, dass ein Behandlungsfehler passiert sei, räumte er ein. Aber seinem Mandanten sei dieser aufgrund seines Wissenstandes nicht vorzuwerfen.

"Einiges im Argen"

Der Vertreter der Privatbeteiligten sagte, die Ärzte hätten in keiner Weise zur Aufklärung des Sachverhalts beigetragen. "Ich sehe hier einiges im Argen." Man solle daher diesen Prozess benutzen, um die Ärzte in die Pflicht zunehmen, genauer zu dokumentieren.

Im Prozess wurde auch bekannt, dass sich das Gericht mit dem ehemaligen Vorgesetzten des Angeklagten, gegen den ein Strafantrag wegen des Vergehens der Anstiftung zur Urkundenfälschung gestellt wurde, über eine Diversion geeinigt hat. Der ehemalige Primar muss eine Geldbuße bezahlen. (APA)

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