Bewusstes Genießen als hohe Politik

30. Oktober 2009, 08:25
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Die erste Terra-Madre-Messe in Wien war ein Erfolg - Im Mittelpunkt: heimische kulinarische Raritäten und Slow-Food-Gründer Carlo Petrini

Wien - Die Sehnsucht nach ursprünglichen Genüssen ist ganz offensichtlich eine große. Von Schülern und Jugendlichen bis hin zur klassischen Gasthaus- und Heurigen-Partie, alle pilgerten zu Lungauer Tauernroggen, Wienerwald-Elsbeere und Wachauer Safran: Der Arkadenhof des Rathauses war auch am Donnerstag rammelvoll.

"Grubenkraut ist leider aus" , hieß es bereits am späten Vormittag bei der "Terra Madre" , der Messe der Slow-Food-Bewegung, die erstmals auch in Österreich veranstaltet wurde. Mit einem derartigen Andrang hatte man offenbar nicht gerechnet.

Traditionelle lokale Produkte stehen im Mittelpunkt der Terra-Madre-Veranstaltungen. Fast in Vergessenheit geratene Spezialitäten, die sauber, ohne Chemie oder Gentechnik und bei fairer Entlohnung der Produzenten hergestellt werden. Vom Wollschwein-Speck der Bio Noah-Farm bis hin zum Demeter Brot vom Kaschik in Wien.

"Is' das der Käs' für die Kässpätzle" , fragt eine Frau am Stand des Montafoner Surakees - und erfährt, dass der hier angebotene für warme Speisen schlicht zu jung sei. Die Kostprobe überzeugt und ein Eck wandert in den schon gut gefüllten Einkaufssack.

Vieles, das hier genossen wird, wäre ohne Slow Food vermutlich schon bald vom Tisch. In Vorarlberg etwa gibt es nur noch 25 kleine Landwirtschaftsbetriebe, die den traditionellen Riebelmais anbauen. Kein Wunder: Bietet er doch nur rund ein Drittel des Ertrages gegenüber "moderner" Hybridsorten.

"Was wir kaufen und essen ist hohe Politik" , verkündet Slow-Food-Gründer Carlo Petrini in einem Rathaus-Saal. "Mit unseren Gewohnheiten können wir großen Einfluss auf Landwirtschaft und Politiker nehmen."

Man müsse "täglich daran arbeiten, Menschen den Unterschied zwischen Preis und Wert" verständlich zu machen, appelliert Petrini. "Hinter jedem vordergründig billigen Produkt stehen externe Kosten, die wir nicht wahrnehmen. Negative Folgen für die Umwelt, die Ausbeutung der Erde und der Landwirte oder die Chemie, die wir gleichzeitig zu uns nehmen."

Ob die Wirtschaftskrise nicht dazu führe, dass Konsumenten sparen und in der Landwirtschaft weiter rationalisiert und Betriebe konzentriert würden? "Das ist eine große Herausforderung" , betont der Slow-Food-Gründer. "Aber wir müssen zur Vernunft kommen. Ein bisschen weniger essen, aber dafür die Qualität suchen." Schließlich "leben wir in einer Gesellschaft, die mehr für das Abnehmen als für das Essen ausgibt" .

Als Gegenmodell predigt Petrini das bewusste Genießen. Und das will er auch in Österreich weiter fördern. Etwa indem Jugendliche verstärkt in Schulgärten Qualität buchstäblich begreifen können.

Oder indem vor allem Touristen heimische Spezialitäten näher gebracht werden. Petrini kündigte an, dass erstmals der klassische Osteria-Führer für ein Land außerhalb Italiens erarbeitet werden soll: Ein Lokalführer für österreichische Gaststätten. Die Redaktion dieses heimischen Genussbuches sollen die Standard-Mitarbeiter Severin Corti und Georg Desrues - ein Absolvent der Slow-Food-Uni - übernehmen. (Roman David-Freihsl/DER STANDARD, Printausgabe, 30. Oktober 2009)

der Standard Webtipp

www.www.slowfoodaustria.at

  • Mehr Vielfalt und Geschmack als die üblichen vier Einheitssorten aus dem Supermarkt: Historische und fast schon in Vergessenheit geratene Früchte auf der Terra Madre in Wien.
    foto: christian fischer

    Mehr Vielfalt und Geschmack als die üblichen vier Einheitssorten aus dem Supermarkt: Historische und fast schon in Vergessenheit geratene Früchte auf der Terra Madre in Wien.

  • Carlo Petrini und der "Unterschied zwischen Preis und Wert".
    foto: standard/christian fischer

    Carlo Petrini und der "Unterschied zwischen Preis und Wert".

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