Der letzte Moonwalk

29. Oktober 2009, 20:53
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Die Ankündigungen über das "Vermächtnis an die Fans" und "Michael hätte das so gewollt" sind zum Vergessen - Michael Jackson hätte "This Is it" zum Kotzen gefunden

Einige Wiener Kinos haben den Notstand ausgerufen und beginnen mit der ersten Vorstellung bereits um 7 Uhr morgens, andere spielen den Film ganze 13 Mal am Tag. Pressevorführungen gab es wohlweislich keine. Das ist erfahrungsgemäß ein schlechtes Zeichen, denn Filme, von denen der Verleih annimmt, sie würden bei der Kritik durchfallen und so den Ansturm auf die Kinokassen bremsen, zeigt man vorab lieber nicht. Zusammengeschnitten aus den 130 Stunden Videomaterial, das während der Proben zu Michael Jacksons geplanter Londoner Bühnenshow "This Is It" aufgenommen wurde, entstand der 111-minütige gleichnamige Konzert-Film.

Ein "Making of" sozusagen für ein Spektakel, das es nicht mehr live ins Rampenlicht geschafft hat. Und das den Entertainment-Konzernen AEG und Sony das Geld zurück in die Kasse spielen soll, das sie durch den Tod des Entertainers in den Sand gesetzt haben.

Leichenfledderei? Mag sein. Schnitt-Technik-sei-Dank ist nicht ein abgehalfterter Michael Jackson zu sehen, sondern ein durchaus professioneller Künstler, ein Vollprofi, dessen Stimme nicht versagt und der zeitweise durchaus fit wirkt. Die Botschaft des Films lautet, dass mit Jackson ein Künstler aus einer kreativen Schaffensphase gerissen wurde.

Mit der Dokumentation gelingt Jacksons langjährigen Weggefährten und Freund Kenny Ortega ein filmisches Denkmal. Im voraus monierten Fans und Kritiker zwar wiederholt, mit "This Is It" beginne der pietätlose Ausverkauf der Marke "Michael Jackson"; es handle sich um ein hastig zusammengeschnittenes Machwerk. Doch Ortega zeigt wider Erwarten nicht einfach die abgehobene Seite des "King of Pop". Er hat nicht einmal jene Heroisierung fortgesetzt, die Jackson selbst förderte - etwa 1995, als er im Rahmen der Promotion seines Albums "History" zehn Meter hohe, vier Tonnen schwere Monumental-Jackos aufstellen ließ. Ortega, das sei im zugestanden, stellt in seiner Dokumentation den Perfektionisten, aber auch den teils zerbrechlichen Jackson in den Mittelpunkt.

Wer allerdings Aufschluss über das skandalumwitterte Privatleben von Michael Jackson erwartet, wird enttäuscht: "This Is It" bleibt bis zum Ende nichts als eine reine Hommage. Ein musikalisches Nachspiel also, nicht mehr. Ein Vermächtnis an die Fans ist der Film nicht. Selbst Jackson, die Kunstfigur, hätte den beschönigenden Verschnitt des Films "zum Kotzen" gefunden, wie es ein nicht namentlich genannt werden wollender Geschäftsmann nach der Vorstellung auf den Punkt bringt. Das war's. Hoffentlich. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 29.10.2009)

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    "This Is It" - was ist es?

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