Bahnumbau unter Zeitdruck und mit Bremsklötzen

29. Oktober 2009, 18:51
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ÖBB-Traktion produziert wirtschaftlicher als dargestellt

Wien - Die Zeit drängt, und das Programm ist dicht. Am 25. November finden die nächsten ÖBB-Aufsichtsratssitzungen der Absatzgesellschaften Personenverkehr und Rail Cargo Austria (RCA) statt. Am 1. Dezember tagt die Holding. Bis dahin muss die "Jahrhundertreform" in der Zugproduktion auf Schiene gebracht werden.

Es geht um Macht und Einfluss - und vor allem viel Geld. Unter dem Titel "Einsparung von Produktionskosten" soll die für Lokführer, Fahrbetrieb und Wagendienst zuständige ÖBB-Traktion (gehört RCA und Personenverkehr je zur Hälfte) mit dem vom Staat jährlich mit mehr als 135 Millionen Euro subventionierten Verschub (gehört derzeit der ÖBB-Infrastruktur-AG) zur ÖBB-Produktion-GmbH fusioniert werden.

Diese Fusion, die vordergründig der Beseitigung von Schnittstellen zwischen der Traktion (und ihren Müttern RCA und Personenverkehr) und dem Verschub dient und die Auslastung der Triebfahrzeuge und Lokführer erhöhen soll, hat es jedoch in sich. Erstens handelt sich Österreich ein Beihilfenproblem in Brüssel ein (weil der in den Absatz verschobene Verschub nicht dauerhaft staatlich finanziert werden darf, sondern nur als Infrastruktur-Dienstleistung, die allen Eisenbahnunternehmen zur Verfügung steht). Zweitens schafft die gleichzeitig mit der Fusion von Traktion und Verschub geplante Mehrheitsübernahme der neuen ÖBB-Produktion GmbH durch die RCA mehr Probleme als sie löst.

Mehr Leistung auf der Schiene

Die ÖBB-Traktion ist, das belegen internationale Benchmarks, viel besser und leistungsfähiger, als von ihren Müttern und in der Bilanz dargestellt. Laut einem von Berater McKinsey im Auftrag der Finnischen Staatsbahn VR durchgeführten Lok-Benchmarking mit SBB und Green Cargo haben die ÖBB-Taurus-Loks im Vorjahr mit 218.000 Kilometern mehr Leistung auf Schiene gebracht als Schweizer Triebfahrzeuge und wiesen mit 92 Prozent auch eine höhere Verfügbarkeit auf als eidgenössische.

Auch die Produktivität der ÖBB-Lokführer ist deutlich gestiegen: Die Zahl der Zugkilometer pro Triebfahrzeugführer stieg um 42 Prozent auf 35.000 km pro Jahr, die beförderten Tonnen nahmen von 60 auf 100 Mio. zu. Hingegen schrumpfte die Lokführer-Mannschaft um fast ein Drittel auf rund 4000 Personen (siehe Grafik). Die Betriebsleistung (gemessen in Zugkilometern) stieg um 24,5 Prozent auf rund 150.000.

Negatives Ebit trotz höherem Umsatz

In der Bilanz spiegelt sich diese Produktivitätssteigerung freilich nicht nieder: Die ÖBB-Traktion fuhr - nicht nur wegen Spekulationen und Cross-Border-Leases auf Loks - bei höherem Umsatz ein negatives Ebit von 32 Mio. Euro ein. Das sei, argwöhnen ÖBB-Eigentümervertreter kein Zufall. Die Kunden, ÖBB-Personen- und Güterverkehr hätten Schulden bei ihrer Tochter (laut Traktion-Bilanz betrugen die "Forderungen gegenüber verbundenen Unternehmen" 145 Mio. Euro). Eine Schieflage gebe es auch bei den Preisen, die RCA und PV an die Traktion zahlten, mit ihnen ließen sich die Loks (mit den im Personenverkehr verlangten 6,17 Prozent Verzinsung) nicht verdienen. Dafür streifen die Mütter rund 20 Mio. Euro ein, die durch Energierückspeisung der Taurus-Loks anfallen. Selbst tragen musste die Traktion 13 Mio. Euro Verspätungskosten - obwohl von ÖBB-Schwestern verursacht. Eine Zerschlagung der Traktion würde die Lokauslastung senken und die Produktion verteuern.(Luise Ungerboeck, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 30.10.2009)

 

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