Drei Millionen Quadratmeter in Österreich

30. Oktober 2009, 17:21
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Passivhaus-Szene fordert ambitionierte Energiestrategie ein - Tage des Passivhauses von 6. bis 8. November

Mit der Wohnhausanlage "Lodenareal" in Innsbruck, die 354 Wohneinheiten mit insgesamt 26.000 Quadratmetern Wohnnutzfläche umfasst, wurde kürzlich das weltweit größte Passivhausobjekt den Bewohnern übergeben. Gleichzeitig ging damit der drei millionste Quadratmeter Passivhaus-Fläche in Österreich in Betrieb. "Damit sparen wir jährlich bereits rund 32 Millionen Liter Heizöl gegenüber konventionellen Gebäuden ein", freut sich Günter Lang, Geschäftsführer der IG Passivhaus Österreich.

2008 hatte das Passivhaus bundesweit einen Anteil am Neubau von rund sechs Prozent, Vorreiter war einmal mehr das Land Vorarlberg mit 22 Prozent. Heuer werden es im "Ländle" bereits über 30 Prozent sein, erwartet Lang. In Tirol und Wien werden 2009 rund 24 Prozent aller Neubauwohnungen in Passivhausstandard errichtet.

5.500 Passivhäuser in Österreich

Österreich sei damit zweifellos weltweit führend, was die Etablierung dieses Baustandards angeht, so Lang. Bis dato 5.500 realisierte Passivhäuser zeigten, dass die österreichische Bauwirtschaft bereits gut aufgestellt sei. Das Passivhaus habe sich als der wirtschaftlichste Baustandard, bei maximaler Ressourcenschonung und Nutzung erneuerbarer Energieträger, herauskristallisiert, erklärt Johannes Kislinger, der Obmann der IG Passivhaus Ost.

In der Energiestrategie Österreich sollte dies weiter forciert werden, bei gleichzeitiger Nutzung erneuerbarer Energieträger. Somit wäre Österreich bestens gerüstet für die künftigen Anforderungen gemäß Europäischer Gebäuderichtlinie, wonach ab 2018 alle Neubauten nur noch einen Energieverbrauch gegen Null aufweisen sollten.

"Der Hut brennt bereits"

Die Bemühungen der Politik gehen Passivhaus- wie Umweltexperten aber zu wenig weit. "Der Neubau von 40.000 bis 50.000 Wohnungen pro Jahr belastet unsere Treibhausgasbilanz massiv, weil noch immer nicht nach dem Stand der Technik gebaut wird und nach wie vor Öl- und Gasheizungen gefördert werden. Was wir brauchen, ist der Passivhausstandard ab 2012 und der Nullenergiehausstandard ab 2015", mahnt Gerhard Heilingbrunner, Präsident des Umweltdachverbands.

"Der Hut brennt bereits. Wir befinden uns auf einem Emissionspfad, der die schlimmsten Szenarien des Weltklimarats weit übertrifft." Die Nachfrage nach fossilen Energieträgern steige mittelfristig stärker als das Angebot, die Internationale Energieagentur warnte deshalb bereits vor einer Energiekrise nach der Wirtschaftskrise. Steigerung der Energieeffizienz sei das Gebot der Stunde, schlug der Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT), Herbert Greisberger, in dieselbe Kerbe.

Dabei reiche es auch nicht, bloß die Rate an thermischen Sanierungen zu erhöhen, sondern es müsse bei jeder Sanierung das wirtschaftlich und technisch machbare Maximum herausgeholt werden, fordert Lang. "Werden nur 30 bis 50 Prozent des Potenzials ausgeschöpft, so kommt es für die Bewohner bald wieder zur Energiepreisfalle und Abhängigkeit von fossilen Energieträgern." Bei Sanierung auf Passivhaus-Qualität könnten bis zu 90 Prozent des Heizwärmebedarfs eingespart werden.

"45-45 statt 20-20 bis 2020"

Anstatt der EU-weit ausgerufenen so genannten "20-20-20"-Ziele sollte außerdem jeweils der Faktor 45 angestrebt werden, so Lang. Hintergrund des "20-20-20" ist das im Vorjahr verabschiedete EU-Klimaschutzpaket. Dieses sieht vor, dass die EU den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 um 20 Prozent (gegenüber 1990) reduziert und den Anteil erneuerbarer Energien ebenfalls auf 20 Prozent aufstockt. Österreich muss dabei ein Ziel von 34 Prozent Erneuerbaren erreichen. Die Bundesregierung arbeitet derzeit noch an einer "Energiestrategie", die bis Jahresende stehen soll.

"Wird in der Energiestrategie eine ambitionierte Effizienzstrategie verfolgt und der Energieverbrauch drastisch um mindestens 45 Prozent reduziert, ist es möglich, bis spätestens 2020 mindestens 45 Prozent des Energieverbrauchs aus erneuerbaren Quellen zu decken", sind Lang und Heilingbrunner überzeugt.

Sanierungsmilliarde und Steuerreform

Die beiden fordern zu diesem Zweck eine ökologische Steuerreform, "die fossilen Ressourceneinsatz verteuert und Arbeitseinkommen insbesondere in Zeiten der Krise steuerlich deutlich entlastet". Außerdem sei eine Sanierungsmilliarde nötig, um die Sanierungsrate von derzeit einem auf drei bis fünf Prozent zu heben. Investitionen von einer Milliarde Euro pro Jahr seien dafür notwendig, "nur so können die Ziele der österreichischen Klimaschutzstrategie erreicht werden." Der Löwenanteil davon könnte schon durch Umschichtung der Finanzmittel vom Neubau zur Sanierung und durch das Abstellen der Zweckentfremdung der Wohnbauförderung bereitgestellt werden, so Heilingbrunner.

Schließlich müsse auch die öffentliche Hand mit gutem Beispiel vorangehen. Lang fordert speziell die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) dazu auf, den Passivhaus-Standard voranzutreiben - "bisher verweigert man bei der BIG nämlich das Passivhaus weitgehend". Im Gegensatz dazu würden auf Landes- und Gemeindeebene immer häufiger Passivhausbauten errichtet. Wels habe etwa im Vorjahr als erste Stadt Österreichs eine Deklaration verabschiedet, Gebäude in ihrem Wirkungsbereich nur noch in Passivhausstandard zu errichten. Wolfurt und Weiz können wiederum als erste Städte in Österreich auf mehr als einen Quadratmeter Passivhausstandard je Einwohner verweisen.

Tage des Passivhauses

Um den Baustandard auch unter privaten Häuslbauern noch bekannter zu machen, finden von 6. bis 8. November wieder die "Tage des Passivhauses" statt. Zum sechsten Mal öffnen Passivhaus-Besitzer ihre Türen für Interessierte, 155 Häuser können bundesweit besichtigt werden. Außerdem werden rund 20 geführte Exkursionen angeboten (Informationen auf www.igpassivhaus.at).

Längst sind die Passivhaus-Tage als solche auch international; Besichtigungen sind diesmal auch in Belgien, Deutschland, Frankreich, Niederlande, Schweden, Schweiz, Slowakei und der Tschechischen Republik möglich (Informationen dazu ebenfalls auf der Website).

Passivhaus-Messe

Ende November findet außerdem im Rahmen des 4. Tiroler Passivhaus-Forums die "1. österreichische Niedrigenergie- und Passivhausmesse" statt (siehe auch Termine).

200 Aussteller zeigen dabei auf 7.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche alles rund ums Niedrigenergie- und Passivhaus, ein Schwerpunkt dreht sich auch um das Thema Sanierung. (map, derStandard.at, 30.10.2009)

  • Die Wohnhausanlage Lodenareal in Innsbruck ist die weltweit größte Passivhausanlage. Sie besteht aus sechs L-förmigen Baukörpern.
    foto: ig passivhaus/neue heimat tirol/christof lackner

    Die Wohnhausanlage Lodenareal in Innsbruck ist die weltweit größte Passivhausanlage. Sie besteht aus sechs L-förmigen Baukörpern.

  • Auf dem 33.000 Quadratmeter umfassenden Areal errichtete der Bauträger Neue Heimat Tirol 354 Passivhaus-Mietwohnungen und die ZIMA 128 Eigentumswohnungen.
    foto: ig passivhaus/neue heimat tirol/christof lackner

    Auf dem 33.000 Quadratmeter umfassenden Areal errichtete der Bauträger Neue Heimat Tirol 354 Passivhaus-Mietwohnungen und die ZIMA 128 Eigentumswohnungen.

  • Geplant wurden die Häuser von den Innsbrucker Architekturbüros din a4 und teamk2.
    foto: ig passivhaus/neue heimat tirol/christof lackner

    Geplant wurden die Häuser von den Innsbrucker Architekturbüros din a4 und teamk2.

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