China rechnet Zahlen schön

29. Oktober 2009, 18:04
7 Postings

Viele Bürger stellen fest, dass sie weniger Lohn im Sack haben, als ihnen die Statistik weismacht. Das Statistikamt gesteht Fehler ein

2008 verdienten Chinas städtische Arbeiter und Angestellte im Durchschnitt pro Jahr 29.229 Yuan (Renminbi), umgerechnet rund 2923 Euro. Das sind pro Monat rund 250 Euro, viel Geld angesichts der niedrigen Lebenshaltungskosten in China. Noch schöner ist, dass es von Jahr zu Jahr mehr wird: 2008 stiegen die städtischen Löhne um 17,2 Prozent über ihren Stand 2007, rechnete das Staatliche Statistisches Amt vor. 2009 geht es so weiter. Trotz weltweiter Finanz- und Wirtschaftskrise konnten städtische Arbeiter und Angestellte im ersten Halbjahr ihren Lohn auf 14.638 Yuan steigern, 12,9 Prozent über das erste Halbjahr 2008. Prozentual war das real sogar mehr, weil die Preissteigerungsraten 2008 dank der Wirtschaftskrise negativ ausfielen.

"Spanische" Zahlen

Die Zahlen sind Musik für Exporteure nach China, wo die Massenkaufkraft in den Städten offensichtlich sprunghaft zunimmt. Die Realität sieht anders aus. Die meisten Bürger stellten verblüfft fest, dass sie viel weniger Lohn im Sack haben, als ihnen die Statistik weismachte, und ihr Lohn auch viel langsamer steigt. Der bekannte Blogger "Xiayucai" umschrieb am 29. Juli das Phänomen mit den drei Schriftzeichen "bei zengchang" . (Wir wurden hochgesteigert). Sein neuer Begriff machte als geflügeltes Wort die Runde und wird für immer mehr statistischen Angaben und Zahlen verwendet, die den Chinesen im wahren Sinn des Wortes "spanisch" vorkommen.

Auf die weitverbreiteten Zweifel an seinen Zahlen, besonders an seinen Lohnangaben, reagierte das Statistische Amt. Es gestand ein, dass seine Erhebungen nicht repräsentativ waren und kündigte eine Reform an, bei der künftig auch die Einkommen aller Beschäftigten chinesischer Privatunternehmen und des Privatgewerbes mitberechnet würden.

Die 66,76 Millionen Menschen oder 54,75 Prozent aller städtischen Empfänger eines Arbeitslohns blieben bei der Statistik außen vor, schrieb die China Economic News. Sie veröffentlichte eine Lohnübersicht 2008, die das Statistische Amt über die Privaten erstellt hatte. Danach kamen 66,7 Millionen für Chinas städtische Privatunternehmen Arbeitende im Durchschnitt pro Jahr auf nur 17.071 Yuan. Für die 36 Millionen Arbeiter unter ihnen, die in der Verarbeitungsindustrie tätig sind, gab es 2008 sogar nur 16.443 Yuan Jahresgehalt.

Auswahl

Die Differenz zu den Gehaltszahlen des Statistischen Amtes von 29.229 Yuan erklärt sich aus seiner Auswahl. Pekings Statistiker berechneten nur die Löhne der Beschäftigten von Staatsunternehmen, Kollektivbetriebe, Aktiengesellschaften, Joint Ventures sowie Auslands-, Hongkong- und Taiwanunternehmen. Sie kümmerten sich nicht um die 130 Mio. Wanderarbeiter oder berechneten nicht die Löhne sogenannter Bauernarbeiter, die in den Vorstädten oder Dorfindustrien arbeiten. Von 410 Mio. Lohnempfänger wurden statistisch bislang nur 110 Mio. gehaltsmäßig registriert, zitierte die "National Business Daily" Angaben aus dem Ministerium für Personal und Arbeit.

Chinas amtliche Statistiker wollen ihre fragwürdigen Berechnungen, die etwa ein falsches Bild über die Massenkaufkraft geben, nun reformieren. Die Öffentlichkeit macht nicht nur dafür Druck. Sie verlangt auch nach Überprüfbarkeit aller Zahlen. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 30.10.2009)

 

Share if you care.