Kommentar

Frösche im Pensionskochtopf

29. Oktober 2009, 17:56

Wir merken kaum, wie steigende Kosten der Altersvorsorge die Zukunft gefährden - Von Eric Frey

Es ist ein Fluch der Politik, dass die Folgen vieler Entscheidungen oft erst Jahre später zu spüren sind, wenn die Verantwortlichen längst nicht mehr amtieren. Bei den Pensionen aber läuft dieser Vorgang derzeit so schnell ab, dass sich kaum jemand aus der Verantwortung stehlen kann.

Die jüngste Explosion des Bundeszuschusses zum Pensionssystem, die das Budget in einem besonders heiklen Moment belastet, hat viele Ursachen: die Tradition der Frühpensionierung als Arbeitsmarktinstrument, die bis in die Ära Kreisky zurückreicht; die Verschleppung der Probleme unter Klima; die zwar entschlossene, aber immer noch verwässerte Reform unter Schüssel; sowie das fahrlässige Aufschnüren dieses Pensionspaketes bei Antritt der Regierung Gusenbauer.

Und dann kam die Nacht vom 24. September 2008, als neben der Quasi-Abschaffung der Studiengebühren die Pensionen weit über die Inflationsrate hinaus erhöht und die Hacklerregelung bis 2013 verlängert wurden. Das war bereits das Werk von Werner Faymann, der nun dafür geradestehen sollte.

Seither sind nicht nur finanziell alle Dämme im Pensionssystem gebrochen. Auch politisch hat sich die Seniorenlobby - mit der lautstarken Doppelspitze von Blecha & Khol - als jene Kraft etabliert, an der in diesem Land niemand mehr vorbeikann. Seit die beiden ständig für den Pensionistenpreisindex trommeln, wird dieses seltsame Konstrukt, das das Prinzip der allgemeinen Inflationsabgeltung ad absurdum führt, zunehmend als der Maßstab einer neuen Gerechtigkeit akzeptiert.

Auch die Hackler-Frühpension dürfte bis 2013 schon so sehr zum Gewohnheitsrecht zählen, dass ihre Abschaffung menschlich unzumutbar wird - und wahltaktisch unmöglich. Denn Pensionisten und jene, die es bald werden wollen, gehen nicht nur verlässlich zur Wahl. Sie richten ihr Stimmverhalten auch nach diesem einen Thema aus. Das gibt ihnen beim Kampf um mehr Pensionen viel Macht.

All das deutet darauf hin, dass der jüngste Anstieg der Pensionszuschüsse entgegen den Politikerbeschwörungen kein Ausreißer ist, sondern zu einem langfristiges Trend gehört, der kaum noch umzukehren ist. Wir wandeln uns zu einer Rentier-Gesellschaft, in der eine Bevölkerungsgruppe arbeitet und die andere über die Früchte verfügt.

Für die Jüngeren bedeutet das, dass sie für den Ruhestand der etwas Älteren - 59 ist ja nicht alt - doppelt bezahlen - mit Pensionsbeiträgen und ihren Steuern -, während die Chancen einer ordentlichen staatlichen Altersvorsorge für sie schwinden. Denn so wie jedes Pyramidenspiel kann auch dieses nicht ewig weitergehen.

Das ist keine Frage der sozialen Gerechtigkeit - Senioren sind nur selten reich -, sondern der Zukunftschancen Österreichs. Einem Land, das deutlich mehr für Ruheständler ausgibt als andere Industriestaaten, dem fehlt das Geld an anderer Stelle - bei Schulen, bei den Unis, beim Bahnausbau oder beim Umweltschutz. Auch die Uni-Misere hat einiges mit dem schwarzen Loch der Pensionsversicherung zu tun.

Gibt es einen Ausweg? Schweden hat in den Neunzigerjahren in einer tiefen Budgetkrise sein Pensionsystem saniert und dabei das effektive Antrittsalter angehoben. Heute profitieren alle Schweden von diesem Kraftakt.

Eine vergleichbare Reform in Österreich, die über Josefs Prölls Kampfansage an die Hacklerregelung hinausgehen müsste, ist unter dieser Regierung hingegen nicht vorstellbar. Denn die Schmerzen wären sofort zu spüren, die Vorteile aber erst viel später. Sosehr die jüngsten Zahlen die Experten beunruhigen, die Bevölkerung lässt es kalt. So wie Frösche nicht merken, wenn das Wasser im Kochtopf siedet, haben wir uns schon daran gewöhnt, dass das Pensionssystem Jahr für Jahr mehr kostet. (Eric Frey, DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2009)

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okami
00
11.1.2010, 11:42
der etwas Älteren - 59 ist ja nicht alt

Sagen sie das bitte auch den Personalverantwortlichen in den Betrieben!

Ab 45 ist man sehr schnell 'überqualifiziert'.

Schach-Schech
11
1.11.2009, 15:34

Vom "Standard" bezahlte Hetze gegen ältere Arbeitnehmer und solche, welche auf Basis von Gesetzen, die im Parlament große Zustimmung fanden, zum Teil im Stande von Arbeitslosengeld- und Notstandshilfebezug korrekt um die ASVG-Pension ansuchen.
Scheußliche Journaille!

schadubb
00
5.11.2009, 22:40

Ist aber leider wahr!

Hias Schneider-Gampern
03
30.10.2009, 17:35
Pyramidenspiel

Die Finanzierung der Pensionen, die über Umlage erfolgt, als Pyramidenspiel zu bezeichnen zeigt von Unkenntnis des Autors, oder will er emotionalisieren im Interesse jener Kreise die u.a. durch Erzwingen prekärer Dienstverhältnisse das grundsätzlich richtige System zu zerstören versuchen.

Sabine Werner
14
30.10.2009, 16:13

Warum fragt sich eigentlich keiner, warum viele in Frühpension gehen müssen, die ASVG Würmer jetzt, weil sie schlicht und einfach "freigesetzt" werden, d.h. mit über 55 und weit darunter, einfach einen Job mehr kriegen. Also was soll die ganze Miesmacherei, Arbeiten bis zum Tod - und woher kommen dazu die Arbeitsplätze?

Ruebezahl2
22
30.10.2009, 15:51
Wer schickt denn die Leute in Frühpension?

Meist nicht sie selbst!

Wolfgang Jaafar
13
30.10.2009, 15:24
Zukunft

Manche scheinen sich zu wünschen, daß alle bis zu ihrem Sterbetag arbeiten. Jeder Betrieb bekommt seinen eigenen Friedhof. Nur Politiker dürfen schon nach kurzer Zeit in Pension gehen.

man of constant sorrow
12
30.10.2009, 14:04

Man sieht immer deutlicher, wie sehr sich in diesem Land die Regierenden vor dem Volke fürchten. Und zu Recht. Dieses Volk in seinen einzelnen Gruppen und Lobbies ist zum Fürchten. Wenn es nicht alimentiert wird, dann droht es mit dem Nationalsozialismus. Diejenigen haben keine Lobby, die den ganzen Wahnsinn zahlen müssen: Der Mittelstand und die Jungen.

europa fassen
14
30.10.2009, 13:52
Mal anders betrachtet ...

1. Wären die Produktivitätszuwächse gerecht verteilt, dann könnten wie viel früher in Pension gehen als ein heutiger Frühpensionist, ohne dass jemand das bezuschussen müsste.

2. Man sehe sich Bundeszuschüsse für Pensionen an:
ASVG 19%
Selbständigen 58%
Bauern 85%
Welche Pensionisten "schmarotzen" da wirklich ?

3. Wieso gibt es Leute in den oberen Etagen (zB. Skylink Domany), die nach fünf Jahren schlechter Arbeit eine Pension von fast 8000 EUR ab 60 bekommen?

Zinnmo
 
01
30.10.2009, 17:45
Die Sche mit den Bauern

Bauern sind eine schrumpfende Berufsgruppe. Natürlich haben sie immer weniger Einzahler. Hätten Bergarbeiter oder Fiakerfahrer eine eigene Kasse wäre es wohl ähnlich.

Andererseit haben Bauern überdurchschnittlich viele Kinder, die brav ins ASVG einzahlen.

Nur so ein Gedanke.

lieschen müller
03
30.10.2009, 13:19
die wahren Probleme

Kommentare wie dieser übersehen(unbewusst oder absichtlich?)dass auch hier das Problem in der sowohl extrem ungerechten Mittelverteilung als auch in der extrem ungerechten Mittelaufbringung liegen.In dem Bereich gibts das von der ÖVP geforderte "Transparentkonto" schon längst.Da aber darin nachgewiesen ist,dass gerade die klassischen ÖVP Klienten wie (höhere) Beamte,Bauern und auch Politiker extrem wenig zahlen um extrem viel zu kassieren ist hier die ÖVP ganz leise.Bei den ASVG Versicherten und gerade bei den Langzeitversicherten ist es genau umgekehr.Da das kein klassisches ÖVP Klientel ist,glaubt die ÖVP hier den Retter der eigenen Privilegien entdeckt zu haben indem die ASVG Langzeitversicherten noch länger als bisher arbeiten sollen.

angelo6
00
30.10.2009, 18:21
wissen Sie, dass Beamte schon ab 40 Dienstjahren langzeitversichert sind?d

Gemeinsam mit der weggefallenen Zuverdienstgrenze heißt das: Pensionsalter für Beamte 60 Jahre. Da können die ASVG-Versicherten nur so vor Neid erblassen. Die schwarze Beamtengewrkschaft sorgt halt für ihre Schäfchen!

Schach-Schech
00
1.11.2009, 15:36

Frauen sind im ASVG schon mit 55 langzeitversichert, wenn sie 40 anrechenbare Versicherungjahre haben. Das gehört auch abgeschafft!

lieschen müller
01
31.10.2009, 09:36
Leider

Ich weiß es. Vermutlich war das der Preis dafür, dass Neugebauer seine Zustimmung zu Änderung in den Beamtenpensionen gibt, die erst in 40 Jahren schlagend werden.Leider ist die Beamtengewerkschaft die Einzige, die ihre Mitglieder noch erfolgreich vertreten kann.Ist aber keine Kunst,im geschützen Bereich und auf unser aller Kosten!Die ASVG Versicherten die ÖVP wählen sind das eigentliche Problem,sie haben offenbar keine Ahnung wen sie damit unterstützen und vor allem,dass sie sich (und allen anderen die diese Partei nicht wählen)damit ins eigene Bein schießen.

Dante Alighieri
21
30.10.2009, 12:38

Das Hauptproblem ist das Pensionsalter. Man müsste jene Ärzte die das derzeitige System so gestalten wie es ist ausnahmslos verklagen, Frühpensionen auf echte (!) Gesundheitsprobleme beschränken (maximal 10% aller Frühpensionen) und ansonsten soll man mit 70 in Pension gehen, für jedes Jahr früher gibt es versicherungsmathematisch korrekte Abschläge.

donquichotesenior
02
30.10.2009, 12:04
Großartige Kolumne !

Die Pensionisten sind an allem schuld.

Zinnmo
 
33
30.10.2009, 12:17

Die SPÖ ist schuld. Die ÖVP hat immer zuwenig getan, die SPÖ aktiv dagegen gearbeitet.

thepike
 
16
30.10.2009, 13:25
Die geniale Schüssel-Regierung...

...hat massenhaft unliebsame (=rote) Beamte in Frühpension geschickt, um die Posten mit ihren Günstlingen zu besetzen und dann konstatiert, dass wir uns die Frühpension leider nimmer leisten können. Sie ist an der gegenwärtigen Misere noch viel mehr schuld als die SPÖ.

wansuk
40
30.10.2009, 12:00
fair waere

es nur wenn nur die echten pensionisten d.h. jene die bis 65 jahre gearbeitet haben die pension erhoeht bekaemen. alle die frueher gingen sind ja keine rentner sonder sozialhilfeempfaenger ich seh fuer solche leute keinen anspruch.
gibt ja auch den tatbestand des sozialbetruges im stbg denke ich mal.
mfg

krokokater
 
00
30.10.2009, 15:53
Danke für Ihren konstruktiven Beitrag

Ganz bestimmt haben Sie sich schon mal mit 59 für einen neuen Job beworben!

wien 1220
 
01
30.10.2009, 11:24
Vergleich mit Schweden

Wenn man schon solche Vergleiche zieht, dann darf man das aber nicht nur für einen Teil tun, sondern muss das gesamte gesellschaftliche Umfeld, die Arbeitswelt, die Beziehung der Generationen zueinander einbeziehen.

Ein Beispiel: In Schweden hatten Gesundheit und Arbeitnehmerschutz schon einen hohen Stellenwert, als man dies in Österreich noch gar nicht buchstabieren konnte. Davon profitiert Schweden heute, ebenso wie davon, dass die Löhne vor 25 - 40 Jahren wesentlich höher als in Ö waren und die Menschen daher mehr ansparen konnten. Auch kannte man in Schweden nie den Spruch vom unnützen Esser. Das ist eine ganz andere Einstellung.

ivoryhunters
00
30.10.2009, 16:03
wieso immer die schweden

immer werden die schweden als vorbild hergenommen.
der umverteilungswahnsinn bei uns ist ja schon wirklich genug, da brauch ich mir nicht immer bei den schweden noch mehr abzuschauen.

ganz abgesehen davon wenn man in österreich die schweden kopiert, dann bitte richtig. man kann sich nicht nur die zuckerln rauspicken und die andere seite vergessen.
bei den schweden geht man mit durchschnittlich über 65 in die pension

wien 1220
 
00
30.10.2009, 22:00

Frey hat den Vergleich mit Schweden gezogen. Ich habe dazu nur erklärt, dass man korrekterweise auch die Rahmenbedingungen erwähnen müsste unter denen die Reform erfolgreich sein konnte.

Dazu noch zwei weitere: Die Worte "Geiz ist geil" und "Sozialschmarotzer" sind in Schweden unbekannt. Zumindest war dies vor 10 Jahren noch so.

Dante Alighieri
10
30.10.2009, 12:36

90% der Österreicher könnten problemlos mehr ansparen. Sie wollen aber nicht, weil sie eh wissen dass der Staat am Ende wieder blecht.

Sabine Werner
00
30.10.2009, 16:14

Du träumst wohl, was glaubst Du was ein Familienvater mit einem - leider absolut repräsentativen - Ö Sch...Gehalt von 1200 ntto ansparen kann, häh?

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