Robert Pfaller

Ein Aufstand gegen die Kanalisateure des Wissens

29. Oktober 2009 17:52

Die desaströsen Zustände an den heimischen Universitäten sind nicht die Folge knapper Ressourcen, sondern von deren zunehmend ungleicher Verteilung - Eine Erwiderung auf Andreas Schibany

Hat Andreas Schibany auch nur irgendwie begriffen, warum die Studierenden streiken? In seinem Plädoyer für eine "Ökonomisierung der Bildungsdebatte" (Standard, 29. 10.) stellt der Forschungsexperte des Joanneums fest, dass die Ressourcen knapp seien und was man dagegen tun könnte. Die Studierenden aber streiken nicht, weil die Ressourcen knapp sind, sondern weil sie (unter dem Vorwand, dass sie knapp wären) immer ungleicher verteilt werden.

Sie haben erkannt, dass heute genau jene Maßnahmen zu einer ungleichen Verteilung der Bildungsressourcen führen, die ursprünglich mit dem Ziel eingeführt wurden, sie gerechter zu verteilen. Darum sind die Streikenden für den Stopp der Bologna-Reform. Denn diese bringt ein Zweiklassensystem der Bildung mit sich, worin die Mehrheit der Studierenden mit der verschulten Attrappe eines Studiums abgespeist und nach drei oder vier Jahren hinausgeschmissen wird (das wird "lebenslanges Lernen" genannt - wie in George Orwells "1984", wo das Kriegsministerium als "ministry of peace" bezeichnet wird), mit dem lächerlichen Titel "Bachelor". Nur eine kleine zahlungskräftige Minderheit darf dann noch bis zum "Master" weitermachen und dabei einigermaßen erleben, was Studieren eigentlich heißt.

Diese Zweiteilung separiert nicht nur arme Studierende von wohlhabenden, sondern auch Lehre von Forschung. Unten, im Bachelor-Bereich, wird nur gelehrt und gelernt, um für subalterne Berufstätigkeit auszubilden; geforscht werden soll ausschließlich später, oben, bei den Masters, für die wenigen professionellen Forschungs- und Leitungsfunktionen. Schibanys Idee, dass Lehrende nicht nur anhand ihrer Publikationen, sondern auch anhand der Fähigkeit zur Wissensvermittlung beurteilt werden sollten, ist ganz hübsch, aber angesichts der aktuellen Situation völlig deplatziert: Denn derzeit wird europaweit versucht, eine Kaste von Lehrenden zu erzeugen, die nur noch lehren, aber überhaupt nicht mehr forschen darf, und eine Kaste von Studierenden, die nur noch von solchen Lehrsklaven unterrichtet wird.

Dabei zeigt sich, neben der sozialen Spaltung, auch ein wissenschaftstheoretisches Problem: Vielleicht ist es in technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen eher möglich, die anwendungsorientierten Grundtechniken von den forschungsbezogenen Elementen zu trennen. Genau diese Disziplinen haben die Bachelor/Master-Struktur auch meist widerstandslos angenommen. Unmöglich ist diese Trennung aber in den freien Künsten sowie in den Kultur- und Geisteswissenschaften. Denn man kann hier das Alte immer nur mithilfe von neuem Wissen klar und brauchbar aufbereiten.

Blauäugige Vorstellung

Deshalb ist der Widerstand gegen die Bologna-Reform an einer Kunstuniversität ausgebrochen: Er richtet sich auch gegen die Unterwerfung künstlerischer und kulturwissenschaftlicher Disziplinen unter die Normen der technisch-naturwissenschaftlichen. Darum geht es in den Protesten - und nicht, wie Schibany meint, um die Anhänglichkeit an ein altes Bildungsideal.

Weiters richtet sich der Streik gegen die mit dem Uni-Gesetz 2002 unter dem Titel "Vollrechtsfähigkeit" (ein weiteres Stück von Orwell'schem "newspeak") eingeführte verstärkte Abhängigkeit der Universitäten vom Ministerium. Schibanys blauäugige Bemerkung "es spricht nichts gegen eine neuerliche Einführung von Studiengebühren, deren Höhe freilich den jeweiligen Universitäten überlassen werden sollte" bildet in dieser Situation den Schlüssel zu genau jenem Horrorszenario, das die Streikenden abzuwehren versuchen: Die Universitäten werden vom Ministerium gezwungen, die Bachelor- und Masterstudiengänge einzuführen; bei der Finanzierung aber überlässt man sie dann sich selbst und wundert sich noch, warum sie für die Masters plötzlich so viel Geld verlangen. Gerade wenn die Ressourcen knapp sind, wie Schibany und andere behaupten, ist es grob fahrlässig, die Universitäten zur Einführung eines teureren Systems zu veranlassen. Jeder Bäcker weiß, dass man nicht expandiert, wenn man kein Geld hat. Hat man es aber doch, dann soll man es den Unis auch geben.

Schließlich richtet sich der Streik gegen das Repressivwerden der Universitäten - die rigiden (und kostspieligen) Zwänge der Studienpläne sowie der Evaluierungen und Kontrollen, die durch die Reformen eingeführt wurden. Bis vor wenigen Jahren konnte man vielleicht noch ernsthaft glauben, dass durch solche Mittel den bildungsferneren Studierenden das Studium erleichtert und die Missbräuche der universitären Freiheit durch selbstherrliche Professoren unterbunden werden könnten. Heute behaupten das allenfalls nur noch diejenigen, die selbst an dem wachsenden Geschäftszweig des universitären "Qualitätsmanagements" verdienen.

Kontrolle und Druck verbessern nichts; sie zerstören lediglich die wichtigste Ressource einer Universität, nämlich die Motivation von Studierenden und Lehrenden. Gerade das haben die Studierenden nun deutlich gezeigt: Es ist nicht wahr, dass sie zu allem gezwungen werden möchten.

Hellsichtiger Zorn

Die Einführung der Druckmechanismen ging einher mit der Abschaffung der in den 70er Jahren erkämpften universitären Demokratie. Stattdessen bestimmen und kontrollieren nun die vom Ministerium nach politischem Proporzprinzip besetzten Uni-Räte. Für die Wirksamkeit dieses Durchgriffssystem ist es allerdings wichtig, dass es scheinautonome, verschleiernde Zwischenglieder gibt: Solche Befehlsketten sind umso stärker, je mehr schwache Glieder sie aufweisen. Das konnte zuletzt an der Akademie der Bildenden Künste wie im Lehrbeispiel beobachtet werden: Das Ministerium will die Einführung der "Bachelor/Master" -Struktur erzwingen; Studierende und Lehrende sind dagegen; dazwischen wackelt ein Rektor. Stark ist diese Kette deshalb, weil das Ministerium, sobald der Rektor nachgibt, jede Verantwortung von sich weisen kann, wohingegen der Rektor seinerseits dann alles auf das Ministerium schiebt. Und sollten Studierende, Lehrende und Rektor sich einmal einig sein, dann kann der Uni-Rat immer noch alles verhindern und dem Ministerium zur dankbaren Rolle des unbeteiligten Zuschauers verhelfen.

Auch gegen diese Vernebelungsnummer hat sich der hellsichtige Zorn der Studierenden gerichtet. Nun kann sich allerdings niemand mehr verstecken. Wer jetzt nicht sofort energisch dafür eintritt, das Universitätsgesetz 2002 rückgängig zu machen, die Universitätsräte nach Hause zu schicken, die Bologna-Reform zu stoppen, wo sie schadet, und die Demokratie an den Universitäten wieder herzustellen, zählt entweder selbst zu den Profiteuren dieser Entwicklungen - oder braucht sich nicht zu wundern, wenn er von jungen Leuten nicht mehr gewählt wird. (Robert Pfaller, DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2009)

Zur Person: Der Autor (Jg. 1962) ist Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien.

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Arco Piloto
11.11.2009 20:27
Ausgezeichneter Beitrag

Dem Beitrag von Kollegen Pfaller kann ich nur vollinhaltlich beipflichten!

humbert heller
03.11.2009 22:38
soso

die probleme sind seit dem überflüssigen UG 2002 bekannt.
nun ist das faß zum überlaufen gebracht worden. die studenten streiken. gottseidank.
und allfällige "philosophen" melden sich zu wort.
wozu? sekundärgeschwätz.
die zuständigen politiker hören eh nicht auf sie. laßt also den studenten ihren legitimen protest und hört endlich auf zu quatschen!

Daryl Van Horne
 
03.11.2009 00:28
Bravo!

Cooler Artikel, zu dem es eine interessante Reaktion gibt:

http://dosssodosssi.googlepages.com/bildung

Erich Furtner
31.10.2009 22:10
Ergänzung

-Ich glaube die Stud-Proteste kommen auch daher, dass die Studs selbst merken, dass sie einen Titel bekommen werden, aber nichts können. (Haben nur MC-Muster gelernt) Und der Zugang zum Master ist limitiert, obwohl sie in der vorgeschrieben Zeit fertig geworden sind.
- Wo sind jetzt diese "Experten" und "wiss" Gutachter, die das alte Uni-System so vollmundig kritisiert und dem neuen das Wort geredet haben!

pike bishop
31.10.2009 13:56

besser geht es fast nicht mehr. das trifft den Nagel auf den Kopf.

muhme
30.10.2009 14:43
genau!

dieser artikel spricht mir aus dem herzen!
danke, sehr klar und unpolemisch auf den punkt gebracht!

Daryl Van Horne
 
03.11.2009 07:48
ein anderer Kommentar

auch net schlecht:

http://dosssodosssi.googlepages.com/bildung

Rosenlaub & Herbstkohl
30.10.2009 12:09
genau darum gehts

ja, robert pfaller hat recht. eindeutig besser als liessmann!
die als defizitär angesehenen studien d. künste, gewi, sowi & kuwi sollen der logik derjenigen der technik & nawi angeglichen werden, obs paßt oder nicht. auch die gängigen quantitativen evaluierungen mit planwirtschaftlicher ausrichtung (schwindlige publikationenzählerei etc.) gehören dazu. der bologna-prozeß ist davon nicht zu trennen.
anstatt künste, kuwi, gewi & sowi zu behindern, sollten diese auch in technik & nawi eine stärkere berücksichtigung finden. physiker waren früher oft in der philosophie bewandert; warum soll's heute anders sein? es braucht das selbstreflexionspotential der "weichen", um die "harten" wissenschaften gesellschaftsnäher zu machen.

Reaction Path
30.10.2009 13:46
es stimmt,

philosophiebewanderte Physiker sind zu schätzen. Was bei der Gleichung immer Vergessen wird: in vielen Geisteswissenschaften wird immernoch mit einem absoluten Unwissen gegenüber den Naturwissenschaften kokketiert. Wer heutzutage nicht weiss, wer Kant war, gilt als ungebildet. Wer nicht weiss, was der 2. Hauptsatz der Thermodynamik ist, gilt eventuell sogar als Bildungsbürger, der sich halt den Zwängen der Technik entzieht o.Ä.
Fordert man geisteswissenschaftliche Grundausbildung für NaWi, dann muss man doch auch mit Recht ein naturwissenschaftliches Basiswissen in den GeWi fordern! Ansonsten muss man sich noch Jahre lang völligen Blödsinn von Philosophen anhören, die über den zweiten HS schwafeln.

pike bishop
31.10.2009 13:59

Ja, Sie haben völlig recht. Aber umgekehrt gilt das ja genauso. Die Naturwissenschafter (und noch mehr die Wirtschaftswissenschafter) haben gelegentlich ein sehr eingeschränktes Wissen aus dem Gewi/Sowi-Bereich und sind dann gelegntlich auch noch fast stolz darauf, dass sie diesen balast abgestreift habe.

Rosenlaub & Herbstkohl
30.10.2009 15:05

klar, zur bildung gehört nawi-basiswissen, da stimme ich ihnen zu, aber wer bestreitet das? ein präsident der österr. akademie d. wissenschaften, chemiker, dilettiert in philosophie bzw. wissenschaftstheorie. ein physiknobelpreisträger verkündet bei einer podiumsdiskussion stolz, keine bücher zu lesen: wer findet was dabei? meines wissens prüstet sich niemand mit solidem gewi/kuwi/sowi-abschluß, sich nicht mit technik zu beschäftigen, nicht zu wissen, was ein genom ist etc. wem ist da was peinlich? ich sehe eher zuviel als zuwenig respekt vor nawi & technik, vor deren bluffstrategien, auf seiten von gewi/kuwi/sowi. unwissenheit, ja, auch ignoranz, aber kein mangel an respekt.

Blanca Hohn
30.10.2009 15:42
"ignoranz, aber kein mangel an respekt."

was ist ignoranz anderes als (eine form von) mangel an respekt?

und was sind denn bitte "bluffstrategien"??

Erich Furtner
31.10.2009 21:06
ignoranz (wikipaedia)

Ignoranz (Unwissenheit, Beschränktheit) zeichnet sich dadurch aus, dass eine Person etwas – möglicherweise absichtlich – nicht kennt, nicht wissen will oder nicht beachtet.

Rosenlaub & Herbstkohl
30.10.2009 16:16

ignoranz = unwissenheit
bluffstrategien: schon mal gepokert?

Blanca Hohn
30.10.2009 15:39
"ein physiknobelpreisträger verkündet bei einer podiumsdiskussion stolz, keine bücher zu lesen"

sind sie sicher, dass sie den nicht mit einem landeshauptmann verwechseln? :-)

Reaction Path
30.10.2009 15:12

hmm da nimmt wohl jeder nur den Splitter im Auge seines Bruders wahr...
Mein Eindruck ist ein anderer, aber vielleicht fehlt es einfach beiden Seiten an Einsichten in das jeweils andere Fachgebiet.

Rosenlaub & Herbstkohl
30.10.2009 15:22

ja, das sehe ich auch so. auch ich finde es problematisch, wenn gewi/kuwi/sowi sozusagen nawi & technik-abstinent sind und sehe möglichkeiten zur zusammenarbeit. (weil ich aus einer klass. nawi/technik-familie komme, ein nawi-gymnasium besuchte, aber selbst gewi/kuwi studiert habe?) viell sehen wir in zukunft mehr kombinationsstudien technik - gewi/kuwi/sowi. in finnland gibts das bereits. aber, um auf pfallers kommentar zurückzukommen, am besten ohne "bologna-prozeß".

unterschichtskind auf dem weg nach oben
30.10.2009 14:13

meine Worte, meine Worte.

Blanca Hohn
30.10.2009 14:01
"Fordert man geisteswissenschaftliche Grundausbildung für NaWi, "

der witz ist ja, das ist genau der zweck eines humanistischen gymnasiums gewesen. und die besten physiker, die Schrödingers, Heisenbergs, Paulis hatten natürlich auch genau die ausbildung. umgekehrt erhielten dort die philosophen wie ein Wittgenstein natürlich ihre solide mathematisch-naturwissenschaftliche grundausbildung.

schlechteres kann man eigentlich über das heutige gymnasialsystem gar nicht sagen, als dass die uni deren aufgaben zusätzlich zu allen ihren anderen problemen mitübernehmen soll.

narni
 
30.10.2009 15:08
Bei Wittgenstein zieht das Argument nicht.

Der hatte ein abgeschlossenes Maschinenbaustudium.

Reaction Path
30.10.2009 14:23
Vielen Dank!

ich gebe Ihnen uneingeschränkt Recht! Mir ging es lediglich um die Darstellung einer gewissen Assymetrie eines Arguments, das hier – und das besonder von den GeWis - herangezogen wird (die "harten" brauchen die "weichen" um zu verstehen, was sie eigentlich tun).

Poldi Fesch
30.10.2009 14:22
psst, sonst kommt

gleich wer mit der GS angewackelt

Blanca Hohn
30.10.2009 13:35
das ist doch pipifax.

das hat überhaupt nichts mit "naturwissenschaftlicher logik" zutun, sondern mit gesundem menschenverstand, dass man in jedem fach zuerst die basics lernen muss und nicht mit 19 den fidelen jungforscher geben kann.

das ist in der philosophie nix anderes, oder muss man bei dem herrn professor nix mehr über Sokrates hören und macht sich gleich sein eigenes weltbild?

wenn ich koch lerne, muss ich auch zuerst nach rezept kochen können, bevor ich den Bocuse machen darf.

Esme Weatherwax
30.10.2009 12:35
Im Prinzip ja...

... aber die Geisteswissenschaften und Verwandte sollten sich auch einmal von dem Anspruch lösen, dass jeder ihrer Studierenden ein Suchender der reinen Lehre und Weisheit ist. Das mag ja auf einen Teil zutreffen, aber die Masse studiert gewi etc. doch nur weil ihnen a) nichts besseres eingefallen ist, b) die Studien vergleischsweise leicht sind oder c) sie unbedingt einmal "was mit Menschen" tun wollen.

Rosenlaub & Herbstkohl
30.10.2009 13:17
nicht ganz zutreffend

ja, es gibt sie, die nach einer weltanschauung suchenden, die ihr studium als therapieersatz ansehen, aber sie sind nach meiner erfahrung selten. woran es fehlt: wirklich gute studieninformation und -beratung. erstsemestrige haben von gewi/kuwi/sowi-studien sehr oft unrealistische vorstellungen. und: was macht nawi & technik so unattraktiv? liegt es viell am schulunterricht? nicht wenige steigen während des nawi-studium auf ein sowi/etc.-studium um, weil sie das nawi-studium aus unterschiedl. gründen anödet. oder sie studieren parallel philosophie, weil es ihr physikstudium bereichert etc. etc.
allerdings wäre ich froh, wenn sich auch gewi/etc.-studis mehr für nawi & technik interessieren würden.

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