Schweizer Regierung will Sterbehilfe einschränken

29. Oktober 2009, 18:00
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Dem "Sterbetourismus" in der Schweiz soll ein Riegel vorgeschoben werden, uneigennützige Beihilfe zum Freitod soll aber legal bleiben.

Die Schweizer Regierung will die im europäischen Vergleich sehr liberale Gesetzgebung bei der Sterbehilfe verschärfen und damit dem zunehmenden "Sterbetourismus" einen Riegel vorschieben. Organisationen, die eine professionelle Begleitung in den Freitod bieten, sollen entweder verboten oder zumindest schärfer beaufsichtigt werden. Die Regierung in Bern hat diese Woche beschlossen, in den kommenden fünf Monaten professionelle Sterbehilfe-Organisationen ins Visier zu nehmen.

Die "uneigennützige" Beihilfe zum Freitod ist in der Schweiz erlaubt. Auch künftig soll eine solche Sterbehilfe durch Freunde und Angehörige legal sein. Die professionellen Sterbebegleiter sollen künftig aber nur noch Menschen mit einem unheilbaren körperlichen Leiden, welches in Kürze zum Tod führen wird, in den Freitod begleiten dürfen. Zwei Ärzte müssten unabhängig voneinander bestätigen, dass ein solches Leiden vorliegt und dass der Patient urteilsfähig ist. Verboten würde die Sterbehilfe also bei chronisch Kranken sowie bei Patienten mit psychischen Leiden.

Vor allem diesen Punkt kritisiert die Sterbehilfe-Organisation Dignitas: Der Sterbehelfer und Gründer dieser Organisation, Ludwig A. Minelli, sagte in der Neuen Zürcher Zeitung, "mit der Absicht, chronisch Kranken und urteilsfähigen psychisch Kranken den Weg zum begleiteten Freitod abzuschneiden, leistet der Bundesrat einsamen Suiziden mit menschenunwürdigen Methoden Vorschub."

Vorschlag ist umstritten

Die Sterbehilfe ist in der Schweizer Bevölkerung weithin akzeptiert: Laut einer Umfrage könnten es sich 56 Prozent der Befragten vorstellen, irgendwann einmal selbst Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Politisch ist die strengere Regelung, die der Bundesrat vorschlägt, umstritten. Aufgrund erster Reaktionen der Parteien auf den Vorstoß der Regierung scheint zumindest ein Verbot der Sterbehilfe-Organisationen unwahrscheinlich. Der Bundesrat will nun alle Parteien, Kirchen, Mediziner und die Sterbehilfe-Organisationen selbst anhören und im nächsten Jahr eine Gesetzesrevision ins Parlament bringen.

Mit Exit und Dignitas bieten in der Schweiz zwei Organisationen professionelle Freitodbegleitung an. Rund 300 Menschen scheiden jährlich mit ihrer Hilfe aus dem Leben. Wer diesen Dienst in Anspruch nehmen will, muss Mitglied einer solchen Organisation werden. Exit hat rund 50.000 Mitglieder, die meisten wohnhaft in der Schweiz. Sie werden, wenn es so weit ist, zu Hause in den Tod begleitet.

Dignitas hat 6000 Mitglieder - 3000 davon sind Deutsche. Auch Craig Ewert, ein Brite, war ein Mitglied. Er nahm sich mithilfe von Dignitas 2006 vor laufender Kamera das Leben. In den letzten Jahren kam Dignitas zunehmend in die Schlagzeilen: Die Organisation betreibe ein Geschäft mit dem Freitod und fördere den unerwünschten "Sterbetourismus" , wurde kritisiert. Dignitas argumentiert, professionelle und würdige Sterbebegleitung müsse auch Patienten möglich sein, denen dies in ihrer Heimat nicht erlaubt sei. (Klaus Bonanomi aus Bern/DER STANDARD - Printausgabe, 30.10.2009)

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    Craig Ewert (56) nahm sich vor laufender Kamera das Leben. Er schluckte einen tödlichen Medikamentencocktail der Organistation Dignitas, deren Verbot der Schweizer Bundesrat jetzt diskutiert.

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