USA: Wenn die Teppichwerke schließen

29. Oktober 2009, 17:53
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Von Aufschwung ist im kleinen Waynesboro, Virginia, nichts zu spüren. Für manchen geht es hier steil bergab

Dreißig Dollar für ein Akkordeon? Nun ja, es ist ein schönes Akkordeon, ein altes Stück mit silbrig schimmernden Knöpfen. Aber bei dreißig Dollar hebt hier niemand die Hand, da muss der Hobby-Auktionator vorn auf der Rampe des Geräteschuppens noch mal neu ansetzen. "Fünfzehn, Leute! Wie wär's mit fünfzehn?" Einer meldet sich. "Fifteen going twenty, fifteen going twenty" , wirbt der Mann auf der Rampe. Aussichtslos. Bis zwanzig steigert keiner mehr mit.

Zumeist ist es Trödel, der unter den Hammer kommt vor dem Schuppen von Briggs & Stratton. Puzzlespiele, Kommoden und Bierkrüge, die Menschen hergeschleppt haben, die dringend Bares brauchen. "Sind verdammt harte Zeiten" , brummt einer, der im Rollstuhl sitzt und nur sagt, dass man ihn Red nennen soll, seiner roten Baseballkappe wegen. Sein linker Fuß steckt in Gips. Red fiel vom Gerüst, als er ein Haus streichen wollte, um etwas zum Arbeitslosengeld dazuzuverdienen. Seit dem 19. September hat er keinen Job mehr, nach einem halben Leben an den Maschinen von Mohawk Industries, einer Teppichfabrik. Red hat keine Lust auf lange Gespräche.

Aus Timmy Cave dagegen sprudelt er nur so heraus. "Letzten Montag kam ein Manager, der hat es uns mitgeteilt. Klar, dass es schlecht lief, wussten wir. Aber so ein Abschied, das war die Höhe."

Keine neuen Häuser

Bei Mohawk stellen sie die gummiartige Unterseite von Teppichböden her. Diese Auslegware wird kaum noch gekauft, weil sich kaum eine Familie ein neues Haus leisten kann. Wie eine Welle, die sich langsam fortpflanzt, hat die Krise auch Waynesboro, Virginia, erreicht, eine Industriestadt am Rande der Appalachen.

Durchs Röhrengewirr einer Chemieanlage geht der Blick auf bunte Bergkuppen. "Die Fabriken gibt's bald nicht mehr" , ruft einer auf dem Parkplatz der Teppichbude.

Vor drei Jahren waren bei Mohawk noch 600 Menschen beschäftigt. 120 sind übrig geblieben, und auch für die ist bald Schluss. Sechs Tage vor Weihnachten wird die Produktion eingestellt.

"Es ist Krise, was willst du machen." Worüber sich Timmy Cave wirklich aufregt, ist die Art, wie sie abgespeist werden. Anstelle einer Abfindung zahlt man ihnen ein Hundertstel des Jahreslohns. "Und die Wall-Street-Burschen? Die haben uns die Suppe eingebrockt, jetzt sind sie wieder fein raus."

Es kocht in dem Mann, auch Barack Obama bekommt sein Fett ab. Der Präsident konnte die Entlassungswelle nicht stoppen, obwohl der Staat fast 800 Milliarden für ein Stimuluspaket ausgab. "800 Milliarden! Und nichts zu sehen."

Timmy Cave muss die Hypothek auf sein Häuschen abstottern. Ab Jänner wird es eng.

Tiefe Rezession

Tim Williams ist ein Kerl wie ein Kleiderschrank. Er ist der Bürgermeister der 20.000-Einwohner-Gemeinde. Als er ins Amt gewählt wurde, im Juli 2008, gab es die Wirtschaftskrise noch nicht. Da waren sie stolz in Waynesboro, weil sie es geschafft hatten, zusätzlich zur Industrie ein paar große Einkaufsketten in die Stadt zu holen. Jetzt weiß keiner, wer dort noch einkaufen soll.

"Wir hatten schon früher lange Rezessionen, aber noch nie eine so tief wie jetzt" , sagt Williams.

Vom Milliardenregen des Stimulus gingen nur ein paar Tropfen auf Waynesboro. Als Obama das Paket im Eilverfahren schnürte, hatten sie gerade ihr größtes Projekt abgeschlossen, eine neue Kanalisation. Man könnte mit Staatsknete das Kino renovieren und die kaputte Delphin Road neu asphaltieren, überlegte man im Rathaus. Nun fließt eine Million Dollar in die Schulen der Stadt. "Ich hatte mehr erhofft" , sagt Williams.

Freddie Clark spricht so leise, dass man ihn kaum versteht. Seine Augen sind rotgerändert, wahrscheinlich von durchwachten Nächten. 34 ist er, vier Kinder wollen ernährt sein, seine Frau arbeitet nicht. Er könnte sich bei Mohawk in Glasgow bewerben, 61 Meilen entfernt. Lohnt sich das? Die ewige Fahrerei, die Benzinkosten, das alles bei 13 Dollar Stundenlohn? In früheren Krisen, weiß er, war das noch anders. Da ging es auch steil bergab, aber nach ein paar Monaten fand einer, der entlassen wurde, neue Arbeit. Hire and fire. Im Moment haben sie das Gefühl, dass die Formel geändert werden müsste, in "fire and fire" . (Frank Herrmann aus Waynesboro DER STANDARD; Print-Ausgabe, 30.10.2009)

 

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