Haifischbecken und Rentnerparadies

29. Oktober 2009, 17:07
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Die Wiener ÖVP ist traditionell ein stark vermintes Terrain für ihre eigenen Obleute

Wien - Die Wiener ÖVP sei vor allem eine "Rentner-Gang" schrieb Profil vor sieben Jahren, im Juni 2002. Damals spielten die Stadt-Schwarzen eines ihrer liebsten Spiele: Obmann-Absägen. Das hatte man zuvor schon bei Erhard Busek praktiziert (1989), danach bei Wolfgang Petrik (1991), Heinrich Wille (1992) - und nun traf es Bernhard Görg. Dieser hatte als liberal-urbaner Wiener VP-Chef gewagt, die Bildung der schwarz-blauen Koalition zu kritisieren - und war damit nicht nur Wolfgang Schüssel, sondern auch seinen eigenen "Parteigranden" ins Messer gelaufen, die begeistert die neuen Machtverhältnisse im Bund akklamierten.

Die "Rentner", die Görg damals den politischen Garaus machten, waren dieselben, die schon Erhard Busek hatte fürchten müssen: Der damalige Rathaus-Klubobmann Johannes Prochaska, der Hernalser Bezirksobmann Fritz König und Adolf Tiller, Bezirksvorsteher in Döbling. Von dem Trio ist mittlerweile, zwei Parteiobmänner später (Alfred Finz, Johannes Hahn), nur mehr Tiller übrig - und er ist mächtiger denn je. Im eigenen Bezirk hat er mit Tochter Susanne Heinz als Vizeparteiobfrau bereits seine Nachfolge dynastisch geregelt, mit anderen Bezirks-"Kaisern" (wie etwa dem Hietzinger Heinz Gerstbach oder dem Währinger Vorsteher Karl Homole) ist er neue Allianzen eingegangen.

Freilich ist die ÖVP-Wien ein Machtkonglomerat, in dem zum Teil äußerst diffuse Interessen aufeinandertreffen und sich in unterschiedlichen Konstellationen vermengen oder abstoßen: So präsentiert etwa die Wiedner Bezirksvorsteherin Susanne Reichard den modernen Flügel in der Wiener VP, dem auch Hahn selbst und Landesgeschäftsführer Norbert Walter angehören. Tendenziell zu ihnen zählt auch Ingrid Korosec, die nicht nur als Gemeinderätin, sondern auch als "elder stateswoman" in der Partei kräftig mitmischt. Korosec ist aber auch ÖAAB-Frau - und als solche eine wichtige Achse zu Klubobmann Matthias Tschirf und Sicherheitssprecher Wolfgang Ulm, der ebenfalls schon lange in der VP-Wien mitmischt.

Wer in Wien das Rennen macht, hängt nicht zuletzt vom Wollen und der Strategie des Bundesparteichefs ab. Josef Pröll liebäugle mit Volksanwältin Gertrude Brinek als Wiener VP-Chefin, heißt es parteiintern. Diese wolle aber lieber Wissenschaftsministerin werden.

Habe Pröll vor, in der Wiener Partei tatsächlich etwas zu verändern, werde er Christine Marek für beide Positionen nehmen, prophezeit ein Insider. Sie habe genügend Durchsetzungskraft. Lasse Pröll die Dinge dagegen laufen, werde er sich wohl für City-Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel entscheiden: "Die hat nichts zu verlieren, das kann auch positiv sein." (fern, stui, DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2009)

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