Holocaust-Erinnerungen zwischen Tür und Angel

29. Oktober 2009, 17:07
1 Posting

120 Fotos erzählen jüdische Familiengeschichten aus Mitteleuropa: Das Projekt von "Centropa" ist bisher einmalig in Europa

Bedauerlich für Linz 09 ist nur die Präsentation: zwischen WC und Getränkeautomat.


Linz - Es ist die größte Ausstellung über jüdische Familiengeschichten in Mitteleuropa: Die Bibliothek der geretteten Erinnerungen im Linzer Wissensturm. Auf 120 großformatigen Postern werden diese Leben dokumentiert - zwischen surrendem Getränkeautomaten und den Toiletten. Buchstäblich wie ins letzte Eck des Wissensturms gequetscht wirkt die Präsentation eines der bemerkenswertesten Projekte von Linz 09.

In sieben Jahren hat Centropa, das Zentrum zur Erforschung und Dokumentation jüdischen Lebens in Ost- und Mitteleuropa mit Hauptsitz in Wien, 1262 ältere Juden und Jüdinnen aus 15 europäischen Ländern interviewt. Direktor Edward Serotta erstellte aus diesem Material ein Porträt jüdischen Lebens für das europäische Kulturhauptstadtjahr. Die Bilder und Geschichten über jene Menschen sind ganz persönliche Einsichten in deren Lebenswelten.

Die Idee für diese außergewöhnliche Sammlung reifte 1999 im rumänischen Arad, das für seine koschere Küche berühmt ist. Serotta drehte darüber für den US-Sender ABC eine Dokumentation. Wenn die Kamera ausgeschaltet war, "erzählten alte Juden wunderschöne Witze, und auf dem Sofa zeigte mir die 93-jährige Rosie Jakob Familienfotos und erzählte deren Geschichten. Schade, dachte ich mir, wir verlieren diese Welt" , erklärte Serotta anlässlich der Ausstellungseröffnung in Linz.

Im Gegensatz zu anderen Forschungsprojekten über den Holocaust haben die Historiker von Centropa weder die Interviews aufgezeichnet noch ihre Gesprächspartner gefilmt. Vielmehr stöberte man gemeinsam in alten Familienalben. "Anhand der Schnappschüsse wurden die Befragten gebeten, die Welt zu beschreiben, in die sie geboren wurden" , heißt es im Ausstellungsfolder. Diese Familienfotos wurden digitalisiert und ins Internet gestellt - in Summe 22.600 Fotos.

"So möchten wir die gesamte Bandbreite jüdischen Lebens im 20. Jahrhundert dokumentieren" , meint Serotta, im Hauptberuf Journalist und Fotograf. Das Augenmerk der Recherche lag somit nicht nur auf dem Holocaust, sondern vor allem auch "auf dem Aufbau einer digitalen Brücke in eine zerstörte Welt" .

Begehbares Familienalbum

Entstanden ist schlussendlich ein riesengroßes begehbares Familienalbum, das im Linzer Wissensturm noch bis zum 11. Dezember ausgestellt ist. Nur kann man dies nicht wie üblich in der guten Stube auf der Couch anschauen, sondern eben nur zwischen Tür und Angel. Denn die Plakatständer mit den einzelnen Bildern und den dazugehörigen Lebensgeschichten der Personen stehen dicht an dicht gedrängt im Gang vor den Besuchertoiletten der städtischen Bücherei - oder im Foyer neben Veranstaltungshinweisen. Diese Präsentation ist nicht nur lieblos, sondern angesichts der Geschichte der ehemaligen Führerstadt Linz auch unsensibel.

Doch die Projektverantwortlichen, der stellvertretende Linz-09-Intendant Ulrich Fuchs sowie Serotta, verwehren sich gegen derartige Vorhaltungen. "Total bewusst" wurde für die Bibliothek der vergessenen Bilder diese Art der Präsentation gewählt, betonen beide. Sie wollen die Ausstellung als ein niederschwelliges Angebot für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit verstanden wissen. Jeder Besucher des Wissensturms müsse "über die Bilder stolpern" . Sie sollen "mitten im Geschehen platziert sein" , begründet Serotta. In einem "klassischen Ausstellungsraum" hätte das Konzept "einer Information im Vorbeigehen für alle" nicht funktioniert.

Vergessen wurde bei der Präsentation aber auf jene, die mehr als nur eine oberflächliche Info wollen. Der Besucher wird den Eindruck nicht los, dass alles vermieden wurde, die Ausstellung so zu gestalten, dass man länger verweilen möchte. Geplant war dies freilich schon. Jedes der 120 Fotos hat eine deutsche und englischeUnterschrift. Es ist farblich einem von acht Lebensbereichen zugeordnet: Schule, Arbeit, Urlaub, Gemeindeleben, Freizeit, Porträt, Armee und Holocaust. Zudem gibt es sechs Kurzfilme, die jüdische Familiengeschichten aus Österreich, Tschechien, Ungarn, der Ukraine und Bulgarien erzählen. (Kerstin Scheller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.10.2009)

 

  • Artikelbild
    foto: centropa
  • Artikelbild
    foto: centropa
  • Holocaust-Überlebende blätterten für die "Bibliothek der geretteten Erinnerungen"  in ihren Familienalben. Aus 22.600 privaten Fotos wurde die größte mitteleuropäische Ausstellung über jüdische Familiengeschichten gestaltet. Das Geschichtszentrum Centropa zeigt sie im Rahmen von Linz 09 im Wissensturm.
    foto: centropa

    Holocaust-Überlebende blätterten für die "Bibliothek der geretteten Erinnerungen"  in ihren Familienalben. Aus 22.600 privaten Fotos wurde die größte mitteleuropäische Ausstellung über jüdische Familiengeschichten gestaltet. Das Geschichtszentrum Centropa zeigt sie im Rahmen von Linz 09 im Wissensturm.

Share if you care.