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Jackie Oates: "Hypoboreans" (Unearthed, 2009)
Jackie Oates beherrscht mit der Shruti Box auch ein höchst kurios anmutendes Instrument. Das Ding sieht aus wie ein Aktenkoffer, entpuppt sich jedoch als kleiner hölzener Produzent monotonen Summens. Es bewerkstelligt diesen leierkastenähnlichen Effekt mithilfe eines Systems von Balgen und gehört somit der Familie der Aerophonen an.
"Ich spiele Violine und singe traditionelle Lieder und Balladen." Jackie Oates stellt sich vor und das wichtigste wäre damit eigentlich auch gesagt. Nun hat die junge Frau aus dem mittelenglischen Staffordshire ihr drittes Album vorgelegt. Mit Hyperboreans betritt sie Neuland, unaufgeregt aber entschieden. Es klingt erwachsener als seine Vorgänger, wenn auch damit vielleicht ein Verlust an Intimität einhergehen mag. Das verwendete Material musste schließlich erst einverleibt werden, wogegen die Songs auf ihren früheren Arbeiten "ein biografischer Katalog" gewesen waren, Oates seit langem vertraut.
Erstmals setzt sie Drums und Bass ein, was dem Sound größere Kompaktheit verleiht. Dafür zumindest mitverantwortlich: Bruder Jim Moray. Der agierte als Produzent und steuerte dazu noch Arbeit an einer ganzen Reihe von Saiteninstrumenten bei. Moray hat sich im Folk-Genre bereits einen Namen als souveräner Experimentator gemacht, sanftes Sampling und ein hier und da subkutan eingeschmuggeltes Effektchen erinnern auch auf Hyperboreans daran. Die Zusammenarbeit mit dem Bruder sei zwar eigenartig aber doch sehr okay gewesen. Oates: "Ich habe mich wieder wie ein Teenager gefühlt. Er ist sehr offen mit mir umgegangen und hat solange genörgelt, bis ich beim Singen das beste herausgeholt habe. Mit Alasdair Roberts, den Oates ihren "Lieblings-Singer/Songwriter nennt, tat sich ein weiterer namhafter Kollege als Kollaborateur um. Der in dieser Rubrik bereits gewürdigte Solitär aus Glasgow, machte sich also gen Süden auf, den Titelsong im Gepäck.
Abgesehen davon prägen Traditionals die Songauswahl. Was Wunder, denn wiewohl sich Oates einen "ziemlich breiten Musikgeschmack" zugesteht, sei sie ihr ganzes
Leben lang mit Folkmusik aufgewachsen. Klassische familiäre Prägung also. Besondere Favoriten aus der elterlichen Plattensammlung waren die Balladensänger: "Glücklicherweise gibt es da
wo ich lebe viele viele Singarounds, mit großartigen Sängern, die mich
einen großen Teil ihres Repertoires lehren."
Oates, die ohne Umstände auch unverstärkt die Stimme erhebt, reiht sich somit ein in eine Reihe junger britischer FolksängerInnen, die in den letzten Jahren von sich hören gemacht haben. Es passt, dass Oates bis 2007 Mitglied der famosen Rachel Unthank & The Winterset (neuerdings The Unthanks) um die northumbrischen Schwestern Rachel und Becky, gewesen war. Auch letztere erlebten eine einschlägige Kindheit in einer musikalisch umtriebigen Familie.
Eine Vieille Vague sozusagen, die lebendige Tradition quasi mit dem Nachmittagstee aufsaugt und weiterträgt. Die Herausforderung für ihre Kunst stellt sich mit jeder Generation neu, wenn es gilt, überkommenem Material aufs Neue Persönlichkeit und Glaubwürdigkeit zu verleihen. New Skin for the Old Ceremony also. Jackie Oates schafft das mühelos mit einem Programm, dass alle klassischen Topoi des Genres berührt. Tragische Liebe ("Young Leonard"), familiäre Verwicklungen ("The Miller and His Three Sons"), das trübe Schicksal des Industrie-Proletariats ("The Sheffield Grinder"), Verbannung ("The Isle of France"), die Blutoper. Denn selbstredend schneidet "The Butcher's Boy" nicht nur Hühnern die Hälse durch. Bei letzterer Moritat die - überraschend sanfte - Zweitstimme zu geben lässt sich Alasdair Roberts nicht nehmen. Einschlägige Erfahrung ist zur Genüge vorhanden, der Schotte hat sich vor einigen Jahren an einem monothematisch mörderballadesken Werk (No Earthly Man) abgearbeitet.
Trotz Kanonisierung jedoch keine Spur Schalheit oder Langeweile. Hyperboreans erweist sich als gut abgeschmeckte Melange aus lebendigen Uptempo-Stücken und getragener Melancholie auf Gitarren-, Gitarren- und Streicherbasis. Oates: "'Past Caring' ist derzeit mein liebster Song und wahrscheinlich der traurigeste, den ich jemals gehört habe. Ihn auf Konzerten zu singen war recht quälend." Er basiert auf einem Gedicht des Australiers Henry Lawson über die Entbehrungen eines Frauenlebens im Outback. "Sheffield Grinder" schafft den verstörenden Trick, dass du dich gut fühlst und mitsummst, während Oates' helle Stimme die Messerschleifer der Schwindsucht entgegendarben lässt. Was doch zünftige Melodien im Verein mit fußfesselnden Rhythmen alles vermögen. Die verblüffendste Darbietung gelingt jedoch vielleicht mit einem kammermusikalisch gedeuteten "Birthday" der Version der Sugarcubes. Jackie Oates: "Ich fühle eine große Demut auf demselben Label zu veröffentlichen, das auch Künstler wie Björk herausbringt."
Oates hat heuer zwei BBC-Folk-Awards gewonnen, einmal für den besten Song und dann auch noch den für den besten Newcomer. "Ich musste eine Rede halten und ich bin nicht sehr gut darin, in der Öffentlichkeit zu sprechen. Bei der zweiten Auszeichnung bin ich nur kurz auf die Bühne, habe mich entschuldigt und bin dann so schnell wie möglich abgehauen." (rob)
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