Argentinisches Puzzle der Geschichte

29. Oktober 2009, 10:29
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Schüler rezensierten unter Anleitung des Kritikers Thomas Trenkler das Theaterstück "Mi vida despues" beim Steirischen Herbst

Diese Theaterkritikern entstanden beim SchülerStandard-Workshop mit Thomas Trenkler, der den jungen Teilnehmern einen Einblick in die Arbeit eines Theaterkritikers vermittelte.  Der steirische herbst zeigte den Nachwuchsredakteuren des Standard das Stück "Mi vida despues" im Grazer Orpheum.

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Graz - 1972 stürzt in den Anden ein Flugzeug mit uruguayischen Rugbyspielern ab, die ihre toten Kameraden aufessen, um zu überleben. Drei Tage später kommt Mariano auf die Welt, sein Vater ist Teil der peronistischen Jugend und, genau wie die Eltern der übrigen sechs Charaktere in Lola Arias Stück Mi vida despues, mehr oder weniger in die Geschichte Argentiniens involviert. Die Charaktere des Stücks scheinen auf den ersten Blick nichts gemeinsam zu haben, doch aus ihren Erzählungen erfährt man so Einiges: über Priester und Geheimpolizisten, Nachrichtensprecherinnen und Automechaniker.

Erzählt werden Geschichten ihrer Eltern und damit auch über die Diktatur und die Revolution in Argentinien. Der Regisseurin gelingt es, viele Sichtweisen auf eine komplizierte Zeit zu eröffnen. Das Bühnenbild ist einfach, aber nie langweilig. Details wie die live gespielte Musik fesseln das Publikum. Die Schauspieler sprechen in einem angenehmen Tempo und sehr deutlich. Da die Untertitel aber leider nicht immer perfekt getimt sind, wird es in einigen Szenen schwierig, der Handlung zu folgen. Das Stück bietet von Tragik bis Komik alles und überanstrengt auch ungeübte Theaterbesucher nicht. Allerdings sollte man sich darauf einstellen, nur bruchstückhafte und subjektive Eindrücke von der Zeit der argentinischen Diktatur zu bekommen. (Valentina Riedler/DER STANDARD, 28.10.2009)


Die (Kleidungs-)Fetzen flogen über die Bühne, dazu rockige Musik und sechs mitreißende Geschichten des argentinischen Widerstandkampfes. Die sechs von Grund auf verschiedenen Schauspieler erzählen Stück für Stück aus dem Leben ihrer Mütter und Väter. Durch ihre Emotion und Leidenschaft lassen sie die Grausamkeiten der Revolution wieder aufleben, und so werden sowohl Folter, Verrat und Mord als auch Tapferkeit, Traurigkeit und Sehnsucht nach Frieden zu einem zentralen Bestandteil des Stückes. Oft wird eine sehr steife, ernste und drückende Atmosphäre vermittelt, die die damalige stark angespannte politische Situation in Argentinien gut widerspiegelt, doch hier und da bringt einen das Stück auch zum Schmunzeln, und die stereotypische, ausgelassene, argentinische Stimmung kommt zum Vorschein.

Schlussendlich setzten sich die Geschichtsteile der jeweiligen Personen wie ein riesiges Puzzle zusammen, was ein ausgesprochen gewagtes, doch gelungenes Manöver ist, da es zwischendurch doch verwirrt, nur Teile einer Geschichte zu erfahren. (Paula Freisl/DER STANDARD, 28.10.2009)


Welche Geschichten können Kleider erzählen?

Dem Theaterabend am 14.10.2009 im Grazer Orpheum nach zu urteilen, viele. Lola Arias, die Autorin und gleichzeitig Regisseurin des Stücks „Mi Vida Despues", zu Deutsch „Mein Leben danach", machte auf ihrer Gastspieltournee auch beim „Steirischen Herbst" in Graz halt. Knapp 1 ½ Stunden bot das biographisch-dokumentarische Theater, dessen europäisches Debüt im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals Hamburg 2009 stattfand, mit seinen sechs Schauspielern, die aus dem reichhaltigen Geschichtenepertoire ihres Lebens und dem ihrer Eltern während der argentinischen Diktatur in den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts schöpften, intellektuelle Unterhaltung.

Die sechs durch Background und Geschlecht grundverschiedenen Akteure verkörpern stets authentisch und detailliert, wenn manchmal auch scheinbar etwas emotionslos, ihre Erfahrungen mit dem diktatorischen Argentinien der 70er Jahre, sei es der Tod des (vermeintlichen) Vaters oder die Erinnerung an längst vergangene Tage, durch live auf eine Leinwand projizierte Bilder und Gegenstände. Dabei schwingt in den Schlüsselmomenten der in mehrere Teilen aufgesplitteten und sonst so sachlich präsentierten Handlungssträngen stets die Melancholie mit. Die Regisseurin versteht es gekonnt, die einzelnen Szenen und Handlungsstränge durch Musik, Tanz und Wühlen im „Kleiderberg der Vergangenheit" so zu verbinden, dass trotz der vielseitigen Geschichten und Anekdoten ein einheitliches, themenbezogenes Gesamtkunstwerk vor den Augen des Zuschauers entsteht. Man wird letzten Endes zur Reflexion über diese kritische Zeit angeregt. 

Was bleibt, ist ein Stück authentisch präsentierter, argentinischer Zeitgeschichte, das nicht jammern will, sondern die wahren Umstände sowie Nachwirkungen dieser Zeitspanne aufzeigt. Wie auch die Protagonisten bei ihrem angenommenen Todesdatum am Ende dieser Vorstellung, fragt sich auch der kritische Zuschauer: Was wird wohl aus Argentinien werden? (David Kurta/DER STANDARD, 28.10.2009)


Un peso, un dolar! 

„Un peso, un dolar!"- vier Wörter in Bezug auf die politische und wirtschaftliche Lage des revolutionären Argentiniens. In Form von Biografien beschreibt die argentinische Regisseurin Lola Arias die Militärdiktatur in den 70ern, aufgefasst in ihrem Erzähltheater „Mi vida después" - „Mein Leben danach", welches sie am 14.10. im Rahmen des steirischen herbsts im Grazer Orpheum, dem Heurigen Festivalzentrum, erstmals in Österreich vorstellte. 

Ein Kleiderhaufen als Symbol der Erinnerungen; Sei es eine Jean oder die Tanzstiefel des Großvaters, jeder Gegenstand kann eine Erinnerung hervorrufen. Lola Arias versucht die argentinische Geschichte aufzuarbeiten, indem sechs Personen sich an ihre Kindheit zurückerinnern und die Schicksale ihrer Eltern in der Zeit des Staatsterrors erzählen. Die authentischen und überzeugenden Monologe werden von Projektionen auf einer großen Leinwand begleitet. Die gezeigten Familien-Fotoalben und Filme sowie die mit Witz und Kreativität verbundenen Szenen helfen dem Zuseher, sich die Erlebnisse aus der Vergangenheit der Männer und Frauen besser vorzustellen. So wirkt alles realistischer und das Stück verliert nicht an Spannung, wenn das Leben der Väter und Mütter als Geheimagent, Widerstandskämpfer, Bankangestellter, Priester, Peronist und Nachrichtensprecherin aufgerollt wird. 

Folter, Mord, Kinderraub, Exil, und das spurlose „Verschwinden" als geschichtliche Begriffe tragen zu einer nachdenklichen Stimmung bei, doch die Atmosphäre ändert sich fließend und plötzlich entsteht wieder heitere Stimmung. Passend zu den emotionalen Aspekten verstärkt die Regisseurin die Szenen mit Musik (E-Gitarre und Schlagzeug) sowie mit Lichteffekten. Leider führt der schnelle Wechsel zwischen verschiedenen Emotionen und Geschichten oft zu Verwirrung.
Drei Morde, eine Spritzpistolenattacke und ein waschechtes Meerschweinchen später ist die Vorstellung zu Ende. Eine vielfältige, ideenreiche Spiegelung der Revolution, nicht nur für Spanisch-Fans! (Anna Kohlmaier/DER STANDARD, 28.10.2009)


1972, 1974, 1975, 1976, 1981, 1983. Die Geburtsjahre der Charaktere. 2016, 2030, 2035, 2038, 2042, 2060. Die Todesdaten der Charaktere. Dazwischen liegt ihr Leben, und ihre Geschichte über den Krieg in Argentinien, die die argentinischen Regisseurin Lola Arias in ihrem Stück „Mi Vida después" präsentiert

Mittwoch, 14. Oktober. Festivalzentrum des steirischen herbst. Orpheum. Lola Arias zeigt erstmals in Österreich ich schon in München aufgeführtes Stück „Mi Vida después - Mein Leben danach" Sie erzählt von den Geschichten der Eltern von sechs jungen Argentiniern und somit auch von 6 grundsätzlich verschiedene Sichten auf den Krieg um die Demokratie in Argentinien. Mariano der Sohn des autoliebhabenden Journalisten, Vanina die Tochter des Geheimpolizisten, Blas der Sohn des Priesters, Carla die Tochter des Revolutionärs, Liza die Tochter der ins Exilgeflohenen Journalisten und Pablo der Sohn der Bankiers.

Langsam heller werdendes Licht und von der Decke fallende Kleidungsstücker. Ein plötzlicher lauter Ton und noch mehr Kleidungsstücke. Dann steht Liza auf, geht nach vorne und sagt: „Ich finde eine alte Lewis meiner Mutter aus den Siebzigern und gehe zurück in die Vergangenheit"
Alle Charaktere erzählen nacheinander immer wieder von den Geschehnissen aus dem Leben ihrer Eltern. Die Schulspieler spielen als wäre es ihre Geschichte die sie uns zeigen. Der Plot wirkt dokumentarisch aufgrund mehrerer Parallelen. Die Schauspieler haben die ähnliche Namen wie ihre Charaktere, Vanina erzählt sie hätte bei der Geburt überdimensional große Augen gehabt welche noch immer enorm wirken. Noch authentischer wird das ganze durch Fotos, Spielzeugautos, Zeitschriften, Heiligen Figuren, inszenierten Nachrichtensendungen, Kassetenbriefen, Tieren etc. Dadurch sowie durch das stehst abgestimmte Licht erhält das Stück einen übersichtlichen Rahmen.
Gelungener Versuch einer südamerikanischer Künstlerin Europäern die Sicht von Augenzeugen der Revolution auf den Krieg Argentinien zu zeigen. (Florian Joham/DER STANDARD, 28.10.2009)


Mi vida despues

Wer würde nicht gerne in die Vergangenheit zurück und seinen Eltern begegnen als sie noch jung waren? In Mi vida despues (Mein Leben danach) versetzt sich Liza gleich im 1. Akt, mit dem Auffinden der alten Jean ihrer Mutter, in die Jugendzeit ihrer Eltern. Die Argentinierin Lola Arias produzierte dieses Stück selbst. Die Generalprobe fand am 14.10.09 um 19.30 Uhr im Orpheum statt. Mi vida despues hat einen dokumentarischen Charakter und arbeitet die Zeitgeschichte auf.
Sechs Personen Liza, Mariano, Vanina, Blas, Carla und Pablo erzählen über sich, ihre Eltern und besonders über ihre Väter sowie die politische Lage zu deren Jugendzeit. Zu Beginn zeigen die Personen Bilder oder andere zu ihrer Erzählung passende Gegenstände auf einer Leinwand. Passend zu der Erzählung einer Person stellen die übrigen Protagonisten diese nach.

Dies konnte man sehen als Clara von den Toden ihres Vaters erzählte. Dabei spielten die Schauspieler ihre Rolle hervorragend und stellten die Tode überzeugend dar. Als sie ihre Bilder präsentierten konnte man sich alles sehr gut vorstellen.

Musik wurde nur an ganz bestimmten Stellen gespielt. Als beispielsweise Mariano mit einem Spielzeugauto auf der Bühne spielte, ertönte gleichzeitig eine dazu passende Musik mit der man sich besser in seine Lage hineinversetzen konnte. Liza hatte auch eine Gitarre mit der sie öfters ein „rockiges-Feeling" vermittelte.

Mit dem Ton wurde auch getrickst, da meist keine Musik läuft, deshalb bekam man viel mehr mit was die Schauspieler erzählten. Manchmal sprachen die Schauspieler zum besseren Verständnis mit einem Mikrophon. An einigen Stellen sprachen sie auch durch ein Megaphon, damit man sich besser in die Erzählung einfühlen konnte. Dies merkte man besonders als Carla, wie beim Militär, den anderen Befehle durch das Megaphon erteilte.

Das Stück ist für Jung und Alt, es gibt verschiedene Elemente wie etwa rockige Musik für die Jungen und tiefgründige Inhalte welche die Erwachsenen sehr anspricht. (Elisabeth Eder/DER STANDARD, 29.10.2009)

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