Ein Stück des Wahnsinns aus Palästina

30. Oktober 2009, 17:05
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Die junge palästinensische Theatergruppe Freedom Theatre präsentierte eine Performance ihres ganz normalen Lebens

Wien/Jenin - Tanz, Licht und Schatten. Fragments of Palestine ist ein Schauspiel, das ein Stück des Wahnsinns zeigt, der in Palästina Realität ist. Mit einem Film, der das Publikum in die Straßen Jenins versetzt, beginnt die Vorstellung im Dschungel Wien. Zerstörung. Krieg. Schüsse. Dann schafft es ein herumlaufender Clown, der überhaupt nicht ins Szenario passt, ein Lachen auf die Gesichter der Kinder zu zaubern. Zusammen laufen sie in das Theater der Stadt. Der Clown schwingt mit einer Fahne mit dem Wort "Freedom" - Jugendliche jubeln. So fängt der Abend ganz im Zeichen der Freiheit an.

Nun herrscht fröhliche Stimmung auf der Bühne. Bei lauter Musik tanzen die Darsteller. Sie tragen einheitlich weiße Kleidung, die graffitiartig mit verschiedenen Wörtern in grauer Farbe beschrieben ist. Sie sollen das Gewirr ihrer Gedanken veranschaulichen. Plötzlich gibt es einen Umbruch - die Stimmung ändert sich, wird bedrohlich. Die Männer greifen die jungen Frauen an. Es fallen Bomben und Schüsse. Die Zuschauer befinden sich mitten in den Erlebnissen der Flüchtlinge.

"Der Schrei des Individuums"

"Wir haben unsere eigenen Geschichten auf die Bühne gebracht", erzählt Batool Taleb, eine der Schauspielstudenten. Sie zeigen eine Performance, die von Unterdrückung und Verzweiflung aber auch von Hoffnung erzählt.

Magda Seewald, Projektreferentin des Vienna Institute for international Dialogue and Cooperation (VIDC), versucht, das Stück zu beschreiben: Fragments of Palestine ist der Versuch, die Kluft zwischen Leben und Kunst zu überbrücken. Der Schrei des Individuums wird in einer universal verständlichen Sprache hervorgebracht." Das Ensemble drückt sich rein durch Tanz und Musik aus. Als Sprache wählen sie die allgemein verständliche Fantasiesprache "Jibberish". So bleibt viel Platz für Interpretation, aber man spürt, dass diese Vorstellung mehr ist als nur ein Drehbuch, das sich jemand ausgedacht hat.

Freedom Theatre, so nennt sich die junge palästinensische Theatergruppe, die vergangene Woche ihr Stück im Rahmen des Festivals Salam.Orient auch in Österreich zeigen konnte. Die Mutter des derzeitigen Leiters, Arna Mer-Khamis, gründete 1988 die Gruppe und wagte somit einen ersten Versuch, ein soziales Umdenken zu bewirken. Doch die ersten Mitglieder fielen der 2. Intifada zum Opfer. Ihr Sohn, Juliano Mer-Khamis, halb Israeli, halb Palästinenser, erweckte die Gruppe letzten Sommer wieder zum Leben. Es ist die einzige professionelle Schauspielschule Palästinas, die jungen Menschen einen Einstieg in die Theaterwelt ermöglicht.

Theater, das am Leben hält

Die Schauspieler aus dem Flüchtlingslager von Jenin haben durch das Theater ein Ziel gefunden, das sie am Leben hält. Sieben davon im Alter zwischen 18 und 21 Jahren haben sie in Wien repräsentiert. Mit Unterstützung der Kinderkulturkarawane kamen sie nach Deutschland und wurden dann vom VIDC nach Wien und Graz eingeladen.

Der Grund, warum sie hier sind? Um die Menschen darauf aufmerksam zu machen, was sich im Nahen Osten schon seit Generationen abspielt. "Wir sind nicht hier, um unsere Rolle als Opfer zu rechtfertigen", erklärt Eyad Hurani, Mitglied des Freedom Theatre.

Nach der Aufführung gibt es eine Diskussion mit der Gruppe. Im Mittelpunkt steht das Leben der Jugendlichen im Krisengebiet. "Ich spiele nicht, um zu vergessen, sondern um davon zu erzählen. In all meinen Lebensabschnitten war immer die Besatzung anwesend. Deshalb musste ich einfach etwas tun", sagt Taleb über die Entscheidung, dem Theater beizutreten. Für sie bedeutet der Beitritt vor allem Hoffnung auf eine Zukunft. Das Freedom Theatre hat sich entschlossen, seinen Teil des Kampfes für Freiheit gegen die Besatzung friedlich zu leisten. Als sie in den Westen reiste, wurde die Gruppe mit Vorurteilen konfrontiert. "Sie sagen, wir sprengen uns in die Luft, um oben viele Frauen zu heiraten. Doch wir haben auch hier genug hübsche Mädchen", lacht Mo'men Switat und zeigt auf seine Kollegin. Er versucht, den Alltag zu Hause zu illustrieren: "Wir sterben jeden Tag tausend innere Tode. Auch ich habe mit dem Gedanken gespielt, mich umzubringen." Täglich Blut, Zerstörung und Hass. Viele Menschen müssen ständig um Freunde und Verwandte trauern. All das wurde zur Normalität. Mit der Zeit verlieren sie jede positive Perspektive. "Man muss jeden Tag, wenn man aus dem Haus geht, damit rechnen, nie mehr nach Hause zu kommen", schildert der Produzent Juliano Mer-Khamis.

Seit mehr als 61 Jahren leben die Menschen dort Seite an Seite mit der Besatzung. Am 14. Mai 1948 wurde Israel gegründet und sollte allen Juden offenstehen. Durch die Staatengründung haben viele Menschen eine Heimat gefunden, andere haben ihre verloren. Denn um Platz für einen neuen jüdischen Staat zu machen, wurden die Bewohner des Gebiets vertrieben. Es konnte keine friedliche Lösung für das Problem gefunden werden, und so versuchten alle Seiten, sich mit Gewalt durchzusetzen.

"Ich glaube, dass unsere Generation eine Lösung finden wird. Ich habe mich oft gefragt, warum wir nicht in Israel spielen. Wir würden die Message direkt weitergeben können - von und für Jugendliche. Ich möchte einen friedlichen Widerstand", resümiert Taleb. (Nermin Ismail, Alicia Prager/DER STANDARD, 29.10.2009)

  • Ein Ziel, das am Leben hält: Für die Jugendlichen des Flüchtlingslagers Jenin ist ihr Freedom Theatre ein starker Hoffnungs-anker sowie die Chance, kulturellen Widerstand zu leisten. Foto: Freedom Theatre
    foto: standard

    Ein Ziel, das am Leben hält: Für die Jugendlichen des Flüchtlingslagers Jenin ist ihr Freedom Theatre ein starker Hoffnungs-anker sowie die Chance, kulturellen Widerstand zu leisten. Foto: Freedom Theatre

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