Der Wiener Platz des Nationalsozialisten

28. Oktober 2009, 19:40
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Geschichtslüge rund um den "gefeierten Lyriker" Josef Weinheber

Wie erwartet: Helmut Zilk bekommt einen Platz. Der Kulturstadtrat, zuständig für die Benennung von Straßen und Plätzen, durfte dies am Dienstag freudestrahlend in der Bürgermeisterpressekonferenz bekannt geben - und allerorts wurde darüber berichtet. Im „Kurier" derart groß, dass man glauben konnte, die Akten über die bezahlte Informantentätigkeit des ehemaligen ORF-Intendanten hätten sich als gefälscht herausgestellt.

Haben sich aber nicht. Man darf daher schon gespannt sein, mit welchen Worten auf der kleinen Tafel neben dem Platzerl, das bisher Teil des Albertinaplatzes war, Helmut Zilks Tätigkeiten für Wien, den ORF und die ehemalige CSSR gewürdigt werden. Und noch mehr gespannt sein darf man auf den Eintrag im „Lexikon der Wiener Straßennamen" von Peter Autengruber (Pichler Verlag).

Denn in der erst vor zwei Jahren überarbeiteten Neuauflage, der sechsten, ist zum Beispiel hoch Interessantes zum Josef-Weinheber-Platz an der Grenze zwischen 14. und 16. Bezirk zu lesen: Der „gefeierte Lyriker" sei „an der politischen Bindung mit den Nationalsozialisten, die ihn mit Ehrungen für sich zu gewinnen verstanden," zerbrochen; „er verübte am 8.4.1945 Selbstmord".

Mich macht fassungslos, wie noch dieser Tage derart Geschichtslüge betrieben wird. Die Nationalsozialisten brauchten Josef Weinheber nicht mit Ehrungen für sich zu gewinnen: Dieser war, wie im Österreich-Lexikon www.aeiou.at nachzulesen ist, bereits von 1931 an Mitglied der NSDAP - zunächst bis zu deren Verbot 1933. Und in Wikipedia heißt es: „Ende August 1944, als die Niederlage bereits absehbar war, wurde er von Adolf Hitler in die Gottbegnadeten-Liste mit den wichtigsten Schriftstellern des NS-Reiches aufgenommen, was ihn vor einem Arbeitseinsatz im Kriegsdienst bewahrte."

Weinheber verübte wenige Tage vor dem Eintreffen der heranrückenden Russen Selbstmord. In der Sowjetischen Besatzungszone wurden dessen Oden „Blut und Stahl" (Berlin, 1941) auf die „Liste der auszusondernden Literatur gesetzt".

Es wäre wohltuend, wenn sich der für die Bennennung von Straßen und Plätzen zuständige Kulturstadtrat nicht nur um das Finden von Ex-Bürgermeister-Platzerln kümmern würde. (Thomas Trenkler, derStandard.at, 28.9.2009)

 

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