Neues Kiss-Album

Wir wollen nur spielen: "Sonic Boom"

30. Oktober 2009, 12:11
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    foto: warner


    Kiss - Sonic Boom (Roadrunner Records / Warner)

     

Keine andere Band eroberte die Jugendzimmer so souverän wie die US-Kuschelmonster von Kiss. Große Kinder sind wir schließlich alle

Zu hören gibt's nun die erste Studioarbeit seit elf Jahren.


Rock 'n' Roll ist keine Kinderjause. Nur böse Buben beschäftigen sich mit dem Musikstil für die niederen Instinkte. Eherne Erkenntnisse des Genres. Dass man aber diese Musik im gegenteiligen Sinn als Faschingsparty für Vorpubertäre inszenieren kann, lebt uns seit 1972 Gene Klein vor. Der New Yorker Grundschullehrer, der sich bald in Gene Simmons umbenennen sollte, lernte damals den Taxifahrer Paul Stanley kennen und gründete mit diesem die reichlich erfolglose Band Wicked Lester. Eine tatsächlich gesichtslose Combo, auf die die Welt keinesfalls gewartet hatte. Immerhin aber kam dem Herrn Lehrer bald schon in den Sinn, dass ein zünftiges Alleinstellungsmerkmal im Geschäft der reichlich unauffälligen Rockmusik, die man produzierte, auf jeden Fall dienlich sein könnte. Make it big. Und schmink dich interessant.

Mit den bald dazugekommenen Musikern Ace Frehley und Peter Criss gelangte Gene Simmons zur unumstößlichen Wahrheit, dass das Kind nicht nur im Kind, sondern eben auch im Manne stecke. Unvernunft und Übermut für alle. Das Leben ist langweilig, immer dasselbe. Weg mit dem Grauschleier. Ein bisschen Farbe tut gut. Zeit für Schabernack. Wir wollen nur spielen! Wir wollen spielen - und es darf keine Folgen zeitigen.

Simmons entwickelte mit Kiss eine rein an der Oberfläche agierende Band, die beim Bandlogo noch dazu minderjährig-unbedarft, aber mit einem untrüglichen Gespür für Aufmerksamkeitsökonomie gesegnet, mit SS-Runen spielte. Kiss standen nach ihren erfolglosen Anfängen in der New Yorker Clubszene für eine Form von Rock 'n' Roll, die das immerwährende Kinderzimmer in unser aller Leben tatsächlich ernstnahm. Er erreichte dies mit seinen Kollegen dadurch, dass er sich als blut- und feuerspuckendes Kuschelmonster inszenierte. Gene Simmons als selbstinszenierte Comicfigur "The Demon" für die Buben, dem Paul Stanley für die Mädchen als brustbehaartes sternäugiges "Starchild" beigestellt wurde. Gitarrist Ace Frehley als "The Spaceman" und Schlagzeuger "The Cat" fielen - ähnlich wie früher bei den Beatles George Harrsion oder Ringo Starr - in den Fanclubs für jene Anhänger ab, für die bei der Verehrung von Idolen auch der Mutterinstinkt eine entscheidende Rolle spielt. Süß!

Hotter Than Hell, das zweite Album, brachte den internationalen Durchbruch. Ab Mitte der 1970er-Jahre und Folgearbeiten wie Dressed To Kill, dem legendären Livealbum Alive! oder Love Gun stiegen Kiss zu i i einer weltweiten Bedrohung für den guten Geschmack auf. Kaum eine Band außer den australischen AC/DC wurde in der Szene so angefeindet wie die vier New Yorker. Musikalisch gesehen spielte man bis herauf zum Höhepunkt der Kiss-Hysterie, dem 1979 erschienenen Album Dynasty mit der erfolgreichsten Single der Band, dem Disco und Hardrock verbindenden Klassiker I Was Made For Loving You, unbedarften Hardrock für die Großraumhallen und Sportstadien dieser Welt. Kiss konnten und wollten es auf dramatisch hohen Stöckelschuhen und einem für ein Las Vegas in der Hölle erdachten Live-Spektakel, das mitunter mehr an Silvesterfeuerwerke und Shows von Siegfried & Roy als an Rockkonzerte erinnerte, auch gar nicht darauf anlegen, durch besondere handwerkliche Fähigkeiten zu glänzen. Hits wie Detroit Rock City, God of Thunder oder Rock And Roll All Nite klingen heute wie damals plump - und dadurch umso zwingender.

Kiss brachen auf ihren Tourneen sämtliche Zuschauerrekorde. Sie vermarkteten im größten bis dato bekannten Merchandising-Programm nicht nur T-Shirts, sondern auch Schminkutensilien und sich selbst als Spielzeugfiguren. Es gab Flipperautomaten im Kiss-Design, Halloween-Masken und Brettspiele, ja, sogar einen allerdings kläglich an den Kassen untergegangenen Spielfilm: Kiss Meets The Phantom Of The Park. Kiss waren in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Jede Band, die von der Erwachsenenwelt den Vorwurf zu hören bekommt, es handle sich bei ihrer Tätigkeit um unbedarften Blödsinn und infantile Spinnerei, hat im Kinderzimmer gewonnen. Wenn die Welt zu klein wird, macht man sich künstlich groß und entflieht dem Alltag mit haltlosem Hedonismus. Kiss stehen auch für eine sich jahrzehntelang aufbauende Infantilisierung und Ironisierung des Alltags. Dies ist heute erreicht. Kiss, das sind wir alle. Und alle sind wir balla-balla.

Nach persönlichen Krisen, der Wahnsinnsidee, in den 80er-Jahren die Band fortan ungeschminkt zu betreiben und sogar ein Unplugged-Album aufzunehmen, waren Kiss unbeabsichtigt zu jenem schlechten Witz geworden, der sie immer sein wollten. Erst 1996 packte man wieder die Schminktiegel aus. Der Erfolg kam zurück. Mit ihm die Gewissheit, dass Musik und Persönlichkeit in der Popwelt nicht zum Wichtigsten gehören. Schein über Sein. Egal, wer auf der Bühne steht - Hauptsache, die Maske hält.

Anlässlich des Erscheinens von Sonic Boom, der ersten Studioarbeit der Band seit elf Jahren, entwickelte Gene Simmons jetzt die schöne Idee, dass die Band auch nach dem physischen Ableben ihrer Originalmitglieder als Marke weitergeführt werden könne. Egal, wer sich hinter den Masken verberge, es zähle die "Idee". Kiss, das seien wir alle, Zahnarzt, Pizza- oder Fahrradbote. In jedem Menschen steckt ein Knuddelmonster. Die Musik? Stadiongeeigneter Hardrock im Breitwandformat. Was soll's! (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.10.2009)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 56
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Walter Wolf
00
2.11.2009, 09:57
Ja Frehley!

Ace war mit seinem Stil/Sound prägend für Kiss. Ok. Ich war ein Riesenfan. Auch seine coole Stimme war super. War. Sein Solowerk außerhalb von Kiss: dürftig. Sein neues Album: für mich eher enttäuschend; aber dafür gibt´s ja die alten Scheiben...

thomislav
00
1.11.2009, 14:37

nur nebenbei: "Kiss stehen auch für eine sich jahrzehntelang aufbauende Infantilisierung und Ironisierung des Alltags. Dies ist heute erreicht. Kiss, das sind wir alle."

Ist das der bemühte versuch, pop/kulturtheorie zu betreiben?

Kid "Kongo" Powers
01
2.11.2009, 11:27
wir alle sind kiss

I ned, ich hab Kiss immer gehasst! War mir einfach zdeppat.

Sssnake
11
30.10.2009, 16:27
Lesbar

Den Inhalt einmal außen vorlassend - das ist der erste Artikel vom Schachinger, der lesbar ist. Auch schon was, step by step ...

Karl Löwe
00
30.10.2009, 16:13
Ich auch ....

....seit der vierten Volksschule ... mein älterer Bruder hatte damals eine Casette, auf der sich der Song HOTTER THAN HELL befand - das war echt schön.

FranzKK
 
00
30.10.2009, 13:58
Buzz Osborne

ist bekennender Kiss Fan.

Otto der Bauer
 
00
30.10.2009, 14:40
ich auch ... seit 30 jahren ..

GOTT (himself)
11
30.10.2009, 13:23
Hab mir erst gestern wieder die Best of (Smashes, Trashes & Hits) reingezogen.

Man kann zu Kiss sagen was man will - aber da ist kein einziger Schwachpunkt drauf.
Melodisch, eingängig, immer gut drauf - was will man mehr. Happysound aus der Hardrockära.
Und wenn ich was anspruchsvolles will um die Ohren zu Quälen, gibt der Plattenschrank genügend anderen guten Stoff her. Man kann nicht immer nur Dream Theater oder Steve Vai hören - um wahllos zwei zu nennen.

Kind von Traurigkeit
10
1.11.2009, 08:06
Man muss überhaupt nicht Steve Vai hören ;)

PuBär
00
2.11.2009, 08:56

Doch, man muß Steve Vai hören.

Kendall Von Tharn
11
2.11.2009, 09:30

unvergessen sein auftritt im film "crossroads"

PuBär
00
2.11.2009, 13:05

Ja, Steve Vai als Satan. Und einer der wenigen Gitarristen auf der Welt, die das Stück aus dem Film-Finale so hervorragend spielen können (nicht die Slides, die waren ja von Ry Cooder).

h w
00
2.11.2009, 13:22

steve vai war aber nicht satan.

Kendall Von Tharn
00
2.11.2009, 14:31

jack butler

Otto der Bauer
 
01
30.10.2009, 11:12
mal mit ein zwei mythen aufräumen ...

die beurteilung von ace und peter ist ja ein wenig putzig. das pech von ace war ja, dass er sich jahre nicht traute selbst zu singen. dennoch hat er als leadgitarrist weitgehend den sound von kiss geprägt und selbst einige kiss-klassiker beigesteuert. zur erinnerung: das solo-album von ace war das meistverkaufte der ganzen band.

das neue album "sonic boom" (über das im text eigentlich nix gesagt wird) ist nicht schlecht. ist allerdings eben auch der klassische kiss-sound, der genausogut so schon in den 70ern gespielt wurde.

= 8-b......
00
30.10.2009, 13:19
lustig.

das mit dem bestverkauften soloalbum wusste ich nicht. hat er interessanterweise mit george harrison gemein. ;-)

PuBär
00
30.10.2009, 12:40

und das neue Solo-Album von Ace Frehley ist ganz hervorragend.

ThomAce
00
30.10.2009, 11:26

naja - 70er jahre sound ist es nicht - eher die - mir persönlich nicht zusagen 80er Jahre, drum kauf ich mir das Album auch nicht. Herr Simmons hat schon genug Geld durch mich verdient! ;o)

Otto der Bauer
 
01
30.10.2009, 11:23
genau das war immer der grund für konflikte in der band.

während ace den stil der band musikalisch weiterentwickeln wollte, wollten gene + paul weiter auf den alten und (in finanzieller hinsicht) bewährten konzepte beharren. deshalb ist ace nach der reunion ja schließlich wieder ausgestiegen, da er nicht bis zur pension mit den ewig alten sachen auf tour gehen und zur karikatur verkommen wollte. mit seinem neuen album "anomaly" beschreitet er musikalisch eben auch neue wege und wagt auch das eine oder andere musikalische experiment, was sein album sicher interessanter macht, als 'sonic boom'.

noch was ... ace war es auch der das make-up der band und das bühnen-design entwarf. soviel zum "mutterkomplex".

Karl Löwe
00
30.10.2009, 12:59
Ace und weiterentwickeln - Stichwort "The Elder"

Gene und Paul waren die treibenden Kräfte hinter "The Elder" .... Ace wollte dieses Album ganz und gar nicht.

Otto der Bauer
 
00
30.10.2009, 14:38
der "erfolg" von the elder hat ihm in diesem fall allerdings auch recht gegeben ...

Karl Löwe
00
30.10.2009, 16:11
auch "erfolg" ...

...ist relativ - "The Elder" ist ein grossartiges Album, das halt im musikalsichen Sinne nicht ganz zu Kiss passt ... man darf ja auch die beiden vorangegangenen Alben nicht vergessen, die allesamt sehr unterschiedlich waren, sowohl vom Sound als auch von den Songs. Dynasty - Unmasked ... da haben sich wahrscheinlich die meisten nicht wirklich ausgekannt, was die Band jetzt vorhat und in Zusammenhang mit dem "Kostümwechsel" war die Verwirrung dann komplett. Aber nochmal: ich glaube nicht, dass viele Kritiker DIESER Band DIESES Album (Elder) zugetraut haben / zutrauen.

ThomAce
00
30.10.2009, 11:52
Anomaly rocks

dagegen find ich sonic boom entäuschend, vor allem weil im Vorfeld von G&P soviel Wind bezüglich '.. an die Love Gun, Destroyer Zeiten' erinnern soll' gemacht wurde, und das Cover ist auch Sch...e!

Otto der Bauer
 
02
30.10.2009, 11:33
last but not least

das bandlogo, das übrigens ebenfalls von ace entworfen wurde, spielt nicht mit 'SS'-runen. es handelt sich dabei um stilisierte blitze, die sich seit den 70ern in aces outfit (kostüme, gitarren, oder aces logo als solokünstler, etc. )wiederfinden.
gerade kiss eine spielerei mit ns-symbolen zu unterstellen ist etwas daneben, bedenkt man, dass sowohl gene, als auch paul aus jüdischen familien kommen und auch aces grossmutter als jüdin vor den nazis fliehen hat müssen.

die auswahl des bandlogos war, wie oben beschrieben, jugendlich naiv, hatte aber nix mit runen oder ns-symbolik zu tun. siehe auch:
http://www.acefrehley.com/pics/
http://www.nolifetilmetal.com/images/ki... _ace73.jpg
http://img338.imageshack.us/i/acebluehc9.jpg/

Kendall Von Tharn
11
30.10.2009, 14:58

genau das wäre die aufgabe von hrn. schachinger gewesen, zu recherchieren und erst dann zu schreiben.


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