Das Mädchen und der Esel

29. Oktober 2009, 17:08
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In ihrem Roman "Jeune fille" erzählt Anne Wiazemsky von ihren ersten Dreharbeiten mit Robert Bresson bei "Au hasard Balthazar"

Wien - Für Michael Haneke zählt er zu den zehn wichtigsten Filmen aller Zeiten. Viennale-Stargast Tilda Swinton hat sich Robert Bressons "Au hasard Balthazar" für die diesjährige Viennale gewünscht. Hauptdarstellerin Anne Wiazemsky hat ihre Erinnerungen an die Dreharbeiten zu einem Roman verdichtet.

Noch nicht einmal 18 Jahre alt ist sie, als sie 1965 dem Regietitanen Robert Bresson vorgestellt wird: Ein schüchternes Mädchen, wohlbehütet von der Mutter und dem alles überstrahlenden Großvater François Mauriac, Literatur-Nobelpreisträger und in Frankreich einer der herausragenden Repräsentanten des katholischen, großbürgerlichen Lebensstils. Regisseur Bresson nimmt seine Hauptdarstellerin sogleich ganz in Beschlag. Er hält sie von der restlichen Crew fern, sie muss auch am Set sein, wenn sie gar nicht auftritt.

Man weiß nicht so genau, was der Regisseur eigentlich von dem Mädchen will - ebenso wenig wie die Ich-Erzählerin selbst. Immer wieder versucht der alte Mann, das junge Mädchen am Abend im Park zu umarmen und zu küssen; sie entwischt ihm jedes Mal.

Wiazemsky beschreibt auch Bressons ewigen Kampf mit den Produzenten, seine bekannte Manie, Szenen so lange drehen zu lassen, bis den Darstellern jede Künstlichkeit und jede psychologische Deutung ausgetrieben wird. Einmal muss einer der Schauspieler Anne ins Gesicht schlagen - natürlich nur so tun als ob. Aber er trifft das Mädchen mit voller Wucht. Am Set sind sich alle einig, dass Bresson ihm aufgetragen hat, wirklich zuzuschlagen. Schließlich sollte es ja realistisch aussehen.

Nichts Schlimmeres gibt es für den Perfektionisten Bresson, als wenn sich jemand seinen Anweisungen widersetzt: wie der Esel, der nicht im richtigen Moment schreien will und partout in die falsche Richtung blickt. Überhaupt, Bresson und die Tiere. Das starre Korsett des 64-jährigen Katholiken fällt nur dann ab, wenn er sich mit seinen zwei Katzenbabys beschäftigt. Wie ein Kind spielt er mit ihnen, voller Liebe erzählt er am nächsten Tag, welche Streiche sie ihm spielten, erinnert sich Wiazemsky.

Das erste Mal

Und sie schreibt auch über ihr erstes Mal mit einem Jungen am Set, der sie danach kaum mehr beachtet. Als sie ihrer Mutter davon erzählt, sei diese bleich geworden und habe sie wie ein hassenswertes Etwas angestarrt: "Ich hoffe, du wirst keinen Geschmack daran finden ... kein Flittchen werden!", erinnert sich die Tochter: "Zwischen ihr und mir ist für immer etwas zerbrochen an diesem Sonntag im August 1965."

Zur gleichen Zeit begegnet Anne Wiazemsky beim Dreh dem jungen Regisseur Jean-Luc Godard, der unbedingt sein Vorbild Bresson treffen möchte. Doch es ist eine seltsame Zusammenkunft. Der Ältere nimmt den Jüngeren nicht wirklich ernst, der wiederum hat nur Augen für Anne. Später wird sie erfahren, dass er sich in ein Foto von ihr verliebt hatte, das in den Zeitungen erschienen war und Bresson nur als Vorwand diente, um sie zu sehen. Ein Jahr später ist Anne Wiazemsky seine Frau.

Jeune fille ist eine sehr persönliche Erinnerung an einen Sommer, in dem sich für Anne Wiazemsky das Leben veränderte. Ebenso genau wie behutsam beschreibt die Schauspielerin und Schriftstellerin die Unsicherheiten einer 18-jährigen jungen Frau. Die Dreharbeiten, bekennt sie, würden zu den glücklichsten Tagen ihres Lebens zählen. Tatsächlich gelingt ihr, dieses Glück in Worte zu fassen und daraus einen berührenden Roman zu formen, der nicht nur für Bewunderer des Regie-Großmeisters Robert Bresson lesenswert ist. (Gerhard Pretting / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.10.2009)

 

"Jeune fille" (Übersetzung: Judith Klein) von Anne Wiazemsky, erschienen im Verlag C. H. Beck.

  • Die junge Anne Wiazemsky als Marie mit ihrem Freund, dem Esel, in "Au hasard Balthazar" von Robert Bresson - zu sehen am 31. 10. um 15.30 (in OF) im Stadtkino Wien  im Rahmen der Viennale als Wunschfilm von Tribute-Gast Tilda Swinton 
 
 
    foto: viennale

    Die junge Anne Wiazemsky als Marie mit ihrem Freund, dem Esel, in "Au hasard Balthazar" von Robert Bresson - zu sehen am 31. 10. um 15.30 (in OF) im Stadtkino Wien im Rahmen der Viennale als Wunschfilm von Tribute-Gast Tilda Swinton

     

     

  • Schauspielerin und Autorin Anne Wiazemsky
 
 
    foto: ulf andersen

    Schauspielerin und Autorin Anne Wiazemsky

     

     

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