Weiblich, geschieden, Bischöfin

28. Oktober 2009, 19:06
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Vielbeachtete Premiere in Deutschland: Margot Käßmann ist die erste Frau an der Spitze der deutschen ProtestantInnen

Angela Merkel ist nicht die einzige Frau, die am Mittwoch in Deutschland zu allerhöchsten Weihen gelangte. Auch Margot Käßmann stieg eine große Stufe höher und legte damit auch noch eine vielbeachtete Premiere hin: Die 51-Jährige ist die erste Frau an der Spitze der deutschen ProtestantInnen, sie steht nun der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) vor.

Doch damit der Neuerungen, die KatholikInnen wohl mit Staunen vernehmen, nicht genug: Käßmann ist auch noch geschieden – und wurde dennoch mit großer Mehrheit gewählt.

Schon lange gilt die Landesbischöfin von Hannover wegen ihrer offenen Art und ihrer klaren Sprache als "Star" der ProtestantInnen, wenngleich manche mahnen, ein paar Auftritte weniger in Talkshows wären auch kein Fehler.

Doch Käßmann hat eine Botschaft, und die lautet: Das Christentum muss Leitfaden für den Alltag sein. So missfällt der Mutter von vier Töchtern, dass der evangelische Reformationstag am 31. Oktober mittlerweile im Schatten des Halloween-Festes steht. Auch sollten in evangelischen Kindergärten ihrer Meinung nach wieder mehr biblische Geschichten erzählt werden. Allen Menschen rät sie: "Nimm dir wenigstens einmal am Tag Zeit zu beten, und wenn es nur drei Minuten sind."

Ursprünglich stammt Käßmann aus dem hessischen Marburg. Sie studierte in Tübingen, Göttingen und Edinburgh evangelische Theologie. Schon 1999, als sie nach verschiedenen Pfarreien als Bischöfin die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannover übernimmt, schreibt sie Geschichte: Sie ist die erste Frau in diesem Amt.

Ihre Popularität nutzt sie auch für Kritik an den KatholikInnen. Diese lägen mit dem Zölibat, der Ablehnung von Kondomen und dem Verbot des Frauenpriestertums falsch. Auch ihre eigenen Krisen und Schwächen thematisiert sie öffentlich. Von ihrer Brustkrebserkrankung inklusive erfolgreich verlaufener Operation im Jahr 2006 erfuhr Deutschland ebenso wie von einer Fehlgeburt in früheren Jahren und ihrer Scheidung 2007.

Die Trennung von ihrem Mann Eckhard nach 25 Jahren bezeichnet die Theologin als "schweren Bruch in meinem Leben". Zu schaffen machen ihr in dieser Zeit auch "bitterböse Post und wütende Einträge im Gästebuch der Landeskirche". Ihrer Karriere schadet dies jedoch nicht.

Im Gegenteil: Die evangelische Kirche erhofft sich nach der Pensionierung ihres Vorgängers Wolfgang Huber von Käßmanns Personality-Show auch Vorteile: Sie soll den Mitgliederschwund stoppen. (Birgit Baumann/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.10.2009)

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    Margot Käßmann führt die ProtestantInnen in Deutschland.

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