Fernwärme Wien vor Investitionssprung

Viele Wohnungen sind noch nicht angeschlossen - Die Raumwärme gilt neben dem Verkehr als einer der wenigen Hebel, um die CO2-Emissionen ernsthaft einzudämmen

Wien - Die Fernwärme Wien GmbH, eine Tochter der Wien Energie, steht vor der größten Herausforderung ihrer Unternehmensgeschichte. Bis 2020 soll sie ihren Anteil am Raumwärmemarkt der Bundeshauptstadt von derzeit 36 Prozent auf 50 Prozent steigern. "Das ist eine gewaltige Aufgabe", sagte der Geschäftsführer der Fernwärme Wien, Thomas Irschik, dem Standard. Um dieses Ziel zu erreichen, seien bis zu 1,3 Milliarden Euro an Investitionen notwendig.

Umweltfreundliche Fernwärme

Hintergrund des beschleunigten Ausbaus der Fernwärme, der von der Politik forciert wird, sind die Klimaschutzziele der EU. Diese sehen bis 2020 eine Verringerung des Ausstoßes klimaschädlicher Treibhausgase um zumindest 20 Prozent vor - gemessen am Basisjahr 2005. Österreich muss eine Emissionsminderung von 16 Prozent schaffen. Die Raumwärme gilt neben dem Verkehr als einer der wenigen Hebel, um die CO2-Emissionen ernsthaft einzudämmen. Weil Fernwärme Ressourcen schonend und nach Expertenmeinung auch vergleichsweise umweltfreundlich hergestellt werden kann, soll der Ausbau nun beschleunigt vorangetrieben werden.

Konkurrenz zu Erdgas

Per Anfang Oktober waren insgesamt 296.000 Wiener Haushalte an das Fernwärmenetz angeschlossen; ein Jahr davor waren es 284.000. Auch 5600 Großbetriebe werden inzwischen mit Wärme und Heißwasser aus der Ferne versorgt. Neben der Fernwärme Wien tritt in der Bundeshauptstadt auch noch die Kärntner Kelag als Wärmeanbieter auf. Sie hat einen Marktanteil von rund fünf Prozent.

Der Rest des Wärmemarktes verteilt sich auf Erdgas, Pelletsheizungen, Wärmepumpen und - mit schwindender Bedeutung - Ölfeuerungen. Immer mehr im Kommen sind Passivenergiehäuser, wiewohl deren Zahl bisher noch überschaubar klein ist.

Um die angepeilten 50 Prozent Marktanteil der Fernwärme bis 2020 zu erreichen, sei es notwendig, pro Jahr knapp 18.000 statt bisher 12.000 Wohnungen an das Leitungsnetz anzuschließen, sagte Irschik. Um auf diese Zahl zu kommen, soll nun der Anschluss von Stadtentwicklungsgebieten wie Aspern forciert werden. Dasselbe gilt auch für das beim künftigen Hauptbahnhof geplante neue Stadtviertel.

Aus diesem Grund wird rund die Hälfte der bis 2020 vorgesehenen Investitionen in den Ausbau des Fernwärmenetzes fließen. Dieses ist derzeit etwa 1100 km lang. Das entspricht der Entfernung Wien-Paris. Rund 200 Mio. Euro sind für den Haupttransportstrang vorgesehen. Dieser geht ringförmig mitten durch Wien und verbindet die Fernwärmekraftwerke Spittelau, Flötzersteig, Simmeringer Haide und Pfaffenau miteinander.

Ausgebaut werden auch die vom Hauptstrang abgehenden Leitungen, die bis in die einzelnen Wohnungen führen. Für den Bau der Verteilstränge inklusive der Fernwärmestationen sind 600 Mio. Euro vorgesehen.

Handlungsbedarf gibt es auch beim Fernwärme-Kraftwerk im Wiener Arsenal. Diese als Spitzenkraftwerk konzipierte Anlage, die bei starkem Wärmeverbrauch zugeschaltet werden kann, soll 2014 neu gebaut werden. Kostenpunkt: 50 Mio. Euro.

Viele Wohnungen sind noch nicht angeschlossen

Den Hebel ansetzen will Irschik auch bei den rund 45.000 Wiener Wohnungen, die technisch bereits jetzt in der Lage wären, mit Fernwärme zu heizen, aber noch nicht angeschlossen sind. Ihnen soll der Umstieg durch ein attraktives Angebot schmackhaft gemacht werden.

Für die Konsumenten sei Fernwärme auf den ersten Blick zwar teurer als beispielsweise Heizen mit Erdgas. Irschik: "Wenn man aber berücksichtigt, dass bei der Fernwärme sämtliche Kosten inklusive Service im Preis enthalten sind, schaut es ganz anders aus." (Günther Strobl, DER STANDARD Printausgabe 29.10.2009)

 

 

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