Mehr Grün für Wien

28. Oktober 2009, 18:43
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Kulisse: Im Kaufrausch mit Dolores Schmidinger

Wien - Dolores Schmidinger machte nie ein Hehl aus ihren Neigungen, Vorlieben und auch Krankheiten. In ihrem Buch Raus damit! zum Beispiel verarbeitete die gertenschlanke Schauspielerin, Regisseurin und Kabarettistin ihre Erfahrungen mit Bulimie. Durchaus konsequent - und bewundernswert ehrlich - nimmt sie sich in ihrem neuen Programm Endlich suchtfrei!, das am Dienstag in der Kulisse Premiere hatte, eines weiteren Themas an, das sie sichtlich beschäftigt: des Konsumrauschs.

Ihr Alter Ego, ebenfalls Dolores gerufen, stellt sich als besorgte "Selbsthilfegruppenobfrau" vor. Ihr fällt, da die Leiterin der "Anonymen Süchtigen, Sektion 17" (laut aufgehängtem Transparent von einem Weinstadl gesponsert) kurz einmal rückfällig geworden ist, die schwere Aufgabe zu, die Gruppe - sprich: das Publikum - zu führen. Und sie nutzt die Gelegenheit, um frei von der Leber weg über sich selbst zu erzählen.

Fulminant gelingt ihr sogleich die Beschreibung eines H&M- Besuchs, um eigentlich nur "Einwegblickdichtstrumpfhosen" zu erwerben. Das spottbillige Nachthemd rufe ihr aber in leicht verständlichem Taiwanesisch "Kauf mich!" zu, der ersten Euphorie folge eine Depression, weil es die perfekt sitzenden Jeans nur in giftgrün gibt, aber frau findet immer ein Argument - und dieses lautet eben: "Mut zur Farbe! Ich bin eh für mehr Grün in Wien." In dieser Tonart geht es weiter: Die Bluse ist zwar zu klein - aber Ansporn, sich auf magersüchtige Größe 34 runterzuhungern. Wenn man weniger isst, spart man Geld - und das kann man daher für einen Pulli ausgeben ...

Bei der Kassa dann die große Schmach gleich zweifach. Der Verkäufer will ein Autogramm für seine Oma, weil sie, die Schmidinger (kürzlich unglaubliche 63 geworden), einst in der Mundl-Serie mitgespielt hat. Und das Bargeld reicht nicht für den Wäscheberg: Die bösartige Frau Nachtigall von der Bank hatte die Kreditkarte sperren lassen. Ohne die fühlt man sich nackt.

Doch dank eines Psychiaters, den Schmidinger als lüsternen Greis zeichnet, habe sie die Sucht besiegen können. Nach dem Motto "besser geben als nehmen" verschenkt sie jetzt ihre Highheels und Winterstiefel - an die Bedürftigen in Afrika. Dass von der Konsumsucht auch Männer befallen werden, demonstriert Schmidinger zwischendurch anhand eines Dialogs im Baumarkt. Und als Höhepunkt singt sie das traurige Lied eines Automatenspielers, der in der Hoffnung, dass es endlich Früchte regnet, sein letztes Geld verspielt hat. Respekt. (Thomas Trenkler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.10.2009)

 

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