Lange Messer, keine Liebe, bisschen Sex

28. Oktober 2009, 18:39
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"Die Ästhetik unserer Tage heißt Erfolg", postulierte Andy Warhol. Ein dichter Londoner Ausstellungsherbst erzählt nun von erfolgreichen und weniger erfolgreichen Nacheiferern

Von Andy Warhol lernen, heißt: verkaufen lernen. Wozu soll ein Werk einzigartig sein? Hauptsache, es verrät von weitem seine Herkunft. Der Meister muss auch nicht selbst Hand anlegen. Wozu gibt es Assistenten? Der Gründer der Factory erkannte die Hauptaufgabe des Künstlers darin, ein Popstar zu werden. Wie Marilyn Monroe oder Mickey Maus, die er zigfach reproduzierte. Über Modelagenturen bot Warhol sich für Werbeaufnahmen an und spielte sich selbst in Vorabendserien. Sein Gesicht sollte so bekannt werden wie Campbells Dosensuppe, ein weiteres seiner frühen Lieblingsmotive.

Wie Künstler zu Marken werden, ist Thema von Pop Life in der Tate Modern. Ursprünglich sollte die Ausstellung Sold Out! heißen. Als einige der großen Namen mit Boykott drohten, knickte das weltweit meistbesuchte Kunstmuseum ein. Dafür hält es sich am 1987 verstorbenen Urvater der Markenkunst schadlos: Ein Raum widmet sich "Warhol's Worst".

Seine vermeintlich schlechtesten Arbeiten kompilieren wahllos jene Monroes, Mickeymäuse und Campbell-Logos, mit denen er in den frühen Sechzigern die Pop Art begründet hatte. An "Best-of-Alben, mit denen Rockstars auf ihre alten Tage abcashen" fühlt sich die Londoner Kunstjournalistin Sarah Thornton erinnert. Ihren Recherchen nach stammte die Anregung zu den Kompilationsdrucken von Warhols Zürcher Galerist Bruno Bischofberger. Der hatte Warhol klargemacht, dass Sammler genau dafür Schlange stünden.

Zu Warhols gelehrigsten Schülern zählen Keith Haring und Jeff Koons. Haring druckte seine Graffiti auf T-Shirts und Sticker und verhökerte sie im Pop Shop, der nun inmitten der Londoner Ausstellung wieder die Kasse klingeln lässt. Koons investierte in seine Bekanntheit, indem er Fotos von sich in Kunstmagazinen als ganzseitige Anzeigen schaltete.

Den guten Sitten der Kunstwelt entsagte Koons gänzlich im Duo mit der im Pornogeschäft groß gewordenen Ilona Staller, besser bekannt als Cicciolina. Vögelnd und leckend verewigten sich die beiden auf Papier, in Marmor und Plastik. Andrea Fraser trieb die Selbstentblößung noch weiter. Für 20.000 Dollar schlief sie mit einem Sammler und dokumentierte dies auf Video. Diese am langweiligsten anzusehende Arbeit in Pop Life ist zugleich ein Kommentar, wie Künstlern zu Leibe gerückt wird, wenn ihre Präsenz zur Hauptsache wird.

Fraser passierte - wie Koons - die britischen Zensoren, nicht aber Richard Prince. Ein von ihm ausgegrabenes und gerahmtes Nacktfoto der zehnjährigen Brooke Shields, das deren Mutter einst ein paar hundert Dollar vom Verlag des Playboy eingebracht hatte, musste entfernt werden. Die Pädophiliekeule verschaffte der Schau zwar zusätzliche Publizität, kostet die Tate Modern aber mehr als 300.000 Pfund Erlös aus nunmehr unverkäuflichen Katalogen.

Der lustigste Beitrag wurde so spät fertig, dass er im Katalog noch gar nicht enthalten ist: ein Video, in dem Kirsten Dunst mit blauer Perücke durch Tokio tänzelt und trällert, dass sie Japanerin werden will. Die Hollywood-Schauspielerin gibt dabei nur eine weitere Variation des blauhaarigen Busenwunders Hiropon, das Takashi Murakami bekannt machte. Mit seinen an die hundert Assistenten, mit denen er auch in Werbung und Design macht, ist der Japaner der Warhol des 21.Jahrhunderts.

Von Platz eins auf Nummer 48

Nicht fehlen durfte Damien Hirst. Dem britischen Kunstmarktphänomen widmet Pop Life einen Werkbogen von Tieren in Formaldehyd über Farbpunktebilder bis zu Kompilationen aus Industriediamanten und vergoldetem Stahl. Von allem hatte Hirst genug, als er 2008 sein Lager bei Sotheby's für 111 Millionen Pfund versteigerte.

Voriges Jahr wählte ihn die Zeitschrift Art Review zum mächtigsten Mann der Kunstwelt. Heuer ist er auf Platz 48 gefallen. Hirst hat sich von fast allen seinen Mitarbeitern getrennt und malt. Er macht kein Geheimnis daraus, wie er sich über seine ersten Pinseleien nach fast 30 Jahren schämte. Inzwischen hat er zu alter Großkotzigkeit zurückgefunden: In Gesellschaft angemieteter Meisterwerke von Rembrandt bis Poussin stellt er in der Russell Collection seine ziemlich dunkelblau geratenen Gemälde aus. No Love Lost heißt die bei der Kritik glatt durchgefallene Schau.

An hoch gelobten Einzelausstellungen herrscht in London derzeit kein Mangel. Neben Pop Life setzt die Tate Modern ein weiteres Highlight mit John Baldessari. Die Whitechapel Gallery zeigt Sophie Calle, Hauser & Wirth den indischen Superstar Subhod Gupta, Anish Kapoor wirbelt in der National Gallery und Ed Ruscha wird in der Hayward Gallery aufgeboten. (Stefan Löffler aus London / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.10.2009)

 

Hinterfragen amerikanischer Wunderwelten
Internationale Kunstexpertenrunde lotet kunsthistorische Bedeutung Andy Warhols aus

Graz - Diese Bewertung Georg Freis wird in der Kunsthistoriker-Community nicht unwidersprochen bleiben: Der Direktor der Thomas Ammann Fine Art AG Zürich ortet im letzten Jahrhundert eigentlich nur zwei Lichtgestalten, die die Kunstgeschichte nicht nur prägten, sondern deren integraler und zentraler Bestandteil waren: Pablo Picasso und Andy Warhol.

Zumindest in der Kunstexpertenrunde, die sich am Dienstagabend im Needle des Grazer Kunsthauses unter der Leitung von Standard-Kulturchefin Andrea Schurian zu einem Warhol-Jour-Fixe versammelt hatte, fand Frei mehrheitlich Zustimmung, Warhol, dem im Grazer Kunsthaus zur Zeit eine prägnante Werkschau gewidmet ist, habe die Ambivalenz zwischen Kunst und Populärkultur auf die Spitze getrieben und die Produktlogik von Kunst dramatisch erweitert, erläuterte Kunstpublizist Christian Höller.

"Warhol wollte Kunst für alle machen, keine hochpreisigen Unikate, die in Galerien und Privatsammlungen verschwinden", sagte er. Warhol schuf Versatzstücke amerikanischer Gegenkultur, wobei Frei ihm wohl einen revolutionären Impetus zusprach, ihn aber nicht - wie andere Kunsttheoretiker - in die Reihe der Popartkünstler wie Roy Lichtenstein stellen möchte. Warhol, sagte Frei, hinterfrage vielmehr Popart, die "amerikanischen Wunderwelten". Warhol war zudem in den 1960er-Jahren nicht wirklich gefragt. Frei: "Man verstand sein Werk nicht." Galerien reflektierten kaum auf sein Schaffen. Im Rückspiegel betrachtet werde erst jetzt der große Einfluss Warhols auf nachfolgende Künstlergenerationen sichtbar, sagte Corinna Thierolf, Kuratorin der Pinakothek der Moderne in München. (Walter Müller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.10.2009)

 

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    Ein Warhol des 21. Jahrhunderts: Der japanische Shooting Star Takashi Murakami vor seinem blauhaarigen Busenwunder "Hiropon" in der Ausstellung "Pop Life - Kunst in einer materiellen Welt" (Tate Modern bis 17. Jänner 2010).

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