Das Magnetfeld im Blick

28. Oktober 2009, 19:00
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Deutsche Forscher lösen wichtiges Rätsel rund um den Orientierungssinn von Vögeln

Oldenburg/London - In Großbritannien sind Rotkehlchen so etwas wie der inoffizielle Nationalvogel und werden dort mit Weihnachten in Verbindung gebracht. Der Singvogel hat aber auch mit Ostern zu tun - zumindest behaupten einige Christuslegenden, dass ein Rotkehlchen dem sterbenden Christus tröstend beistand.

Die Wissenschaft wiederum verdankt dem Rotkehlchen seit einigen Jahrzehnten ganz wesentliche Aufschlüsse über den mysteriösen Orientierungssinn von Zugvögeln: Bahnbrechend - zunächst aber hochumstritten - waren die Arbeiten des deutschen Ornithologen Wolfgang Wiltschko, der bereits Mitte der 1960er-Jahre experimentell zeigen konnte, dass Rotkehlchen über einen Magnetsinn verfügen müssen.

Mittlerweile weiß man einiges mehr über den Magnetkompass bei Vögeln: So ist klar, dass er anders funktioniert als "unser" Kompass, dessen Nadel zum magnetischen Nordpol zeigt. Vögel können die Neigungswinkel der Magnetfeldlinien relativ zur Erdoberfläche erkennen. Sie unterscheiden also zwischen "polwärts" und "äquatorwärts", denn am Pol weisen die Magnetfeldlinien senkrecht nach oben, während sie am Äquator genau parallel zur Erdoberfläche verlaufen.

Wie und wo in ihrem Kopf machen sie das aber? Liegen die sensorischen Mechanismen für den Magnetsinn im Schnabel verborgen, konkret in Eisenmineralkristallen in der oberen Schnabelhaut, wie einige Wissenschafter meinen? Oder liegen sie doch im Auge, wie neuere Arbeiten des Forscherehepaars Wiltschko behaupten?

Diese Schlüsselfrage rund um den Magnetsinn von Zugvögeln hat nun ein deutsch-neuseeländisches Forscherteam unter der Leitung von Hendrik Mouritsen von der Uni Oldenburg mit Experimenten an Rotkehlchen geklärt. Sie durchtrennten bei einigen Vögeln den Trigeminus-Nerv, die einzige Nervenverbindung zwischen der Schnabelhaut und dem Hirn - was keine Auswirkungen auf die Orientierungsleistung der Vögel hatte, wie die Forscher in "Nature" (Bd. 461, S. 1274) schreiben.

Wurde allerdings eine als Cluster N bezeichnete Hirnregion verletzt, die wiederum ein Teil des Sehzentrums ist, dann verloren die Vögel den Magnetsinn. Das wiederum belegt frühere Annahmen von Mouritsen und Kollegen, dass der nachtaktive, lichtverarbeitende Cluster N Informationen verarbeitet, die aus dem Auge stammen. Dort dürften lichtempfindliche Pigmente das Magnetfeld der Erde tatsächlich und buchstäblich sichtbar machen. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 29. 10. 2009) 

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    An Rotkehlchen wurde erstmals der Magnetsinn bei Vögeln bewiesen. Nun weiß man, dass er definitiv nicht im Schnabel liegt.

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