Bildung im Würgegriff der Ökonomie?

28. Oktober 2009, 18:28
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Die notorische Klage über die Auslieferung der Universitäten an die Logik des Geldes verstellt den Blick auf realistische Optionen eines gerechteren und zeitgemäßeren Bildungssystems

Es sind vor allem Philosophen, die seinen Namen ständig im Munde führen, und die ihre gewohnte Gelassenheit vollends verlieren, wenn sie das, wofür dieser Name steht, gefährdet sehen: Wilhelm von Humboldt - der zäheste und mächtigste Mythos der europäischen Bildungspolitik. Jede Bildungsreform wird als Ausdruck des Hasses auf Humboldt gesehen, als Gefährdung jenes Ortes, wo die geistige Durchdringung der Welt um der Erkenntnis willen noch möglich ist, und wo durch äußere Einflüsse - heißen sie nun Bologna oder UG 2002 - der Bildungsbegriff der Aufklärung in die Fesseln der Ökonomie gerät.

Auch in dem von ORF veranstalteten Bildungsschwerpunkt wurden die philosophischen Diskutanten nicht müde, vor betriebswirtschaftlichem Denken und vor allem davor zu warnen, die Universitäten zu reinen Ausbildungsstätten verkommen zu lassen. Und ständig schwebt das angelsächsische Modell einer Trennung zwischen Universitäten, die hauptsächlich durch Forschungsleistung definiert sind und solchen, die sich als hochwertige Ausbildungsstätten verstehen, "als permanente Bedrohung der Universitäten" (Konrad Paul Liessmann) über den Köpfen.

Gegenwärtig wird man allerdings mit Bildern von restlos überfüllten Hörsälen, einem Ansturm deutscher Studenten, für die Österreich die Ausbildungskosten übernehmen soll, und Hörsaalbesetzungen konfrontiert. Hier ist wenig von "äußerer Muse oder innerem Streben zu Wissenschaft und Forschung" (Humboldt) zu erkennen - da trifft schon eher das Schumpeter'sche Diktum einer "schöpferischen Zerstörung" zu. Der finanzielle Druck für die Universitäten, gepaart mit einem völlig antiquierten Bildungsideal sowie widersprüchlichen Anreizsystemen, droht das tertiäre Ausbildungssystem zu zerreißen.

Wer soll was bezahlen?

Eine der Parolen, die bei der Besetzung des Audimax zu lesen war - "Bildung für alle - und zwar umsonst" - bringt diese Spannung sehr gut auf den Punkt. Denn Bildung für alle ist eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit - nur bezahlen muss jemand dafür. Was nottut, ist somit genau das, wovor den Adepten eines elitären Bildungsbegriffs so sehr graut: die Ökonomisierung der gegenwärtigen Debatte.

So verpönt es auch sein mag, Ökonomisierung bedeutet nicht die banale Propagierung mechanistischen Denkens, sondern fragt nach der gerechten Verteilung knapper Ressourcen, sucht adäquate Anreizsysteme, berücksichtigt individuelle Interessenlagen sowie soziale Gerechtigkeit und lässt sich von dem Bildungsideal des 18. Jahrhunderts nur insofern beeindrucken, als der Bildungsprozess eigentlich schon während der Schule zu beginnen hat - schließlich startet man ein Universitätsstudium als Erwachsener - und mit dem Universitätsabschluss tunlichst nicht enden sollte. Jeder Mensch ist frei, im Laufe seines Lebens seinem eigenen Bildungsideal zu entsprechen.

Will man die derzeitige Debatte an der mangelnden Finanzierung festmachen, so zeigt ein internationaler Vergleich:

Die öffentliche Hand liegt bei der Finanzierung tertiärer Bildung über dem OECD- sowie dem EU-Durchschnitt. Hier wird, gemessen am Bruttoinlandsprodukt sowie verglichen mit anderen hoch entwickelten Volkswirtschaften, nicht zu wenig ausgegeben. Was hingegen fehlt, sind Mittel aus privaten Quellen. Mit der Abschaffung der Studiengebühren versickerte eine private Finanzierungsquelle und man glaubte, damit auch die letzte soziale Ungerechtigkeit vom Tisch zu haben. Allerdings zeigten sich in Zeiten von Studiengebühren die Studierenden rationaler als manche Politiker. Denn auch in Zeiten der Studiengebühren stieg die Anzahl der ordentlich Studierenden deutlich an. Was vor allem daran liegt, dass Absolventen höherer Bildung ein im Schnitt höheres Einkommen verzeichnen sowie im Schnitt weniger häufig von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Dies implizit wissend, lassen sich Studierfreudige kaum von ohnehin geringen Studiengebühren abschrecken.

Was allerdings mit der Abschaffung der Studiengebühren nicht abgeschafft werden konnte, ist, dass die Erlangung höherer Bildungsreife in Österreich wie in keinem anderen Land vom sozioökonomischen Background des Elternhauses abhängt.

Diese sozialen Barrieren zu überwinden, jedem und jeder faire Chancen zu bieten, und das in Kombination mit einem gerechten Finanzierungssystem, sollte die dringendste Aufgabe der aktuellen Bildungspolitik sein und könnte durch ein staatliches Kreditsystem erfüllt werden.

International bewährtes System

Dass dieses in vielen Ländern sehr bewährte System in Österreich nicht einmal in Ansätzen diskutiert wird, verwundert. Denn ein staatliches Kreditsystem beinhaltet grosso modo jene Vorteile, für welche heute lautstark demonstriert wird und für welche auch der überzeugteste Bildungsoptimist sich erwärmen müsste: Es entkoppelt den Bildungswillen von der Zahlungsbereitschaft der Eltern; es ermöglicht ein Studium ohne schlecht bezahlte Nebenbeschäftigung und erlaubt, bei entsprechender Amortisationszeit, die Aufteilung der Kosten auf einen langen Zeithorizont.

Freilich können durch entsprechende Ausgestaltung noch weitere Anreize geschaffen werden - aber es spricht nichts gegen eine neuerliche Einführung von Gebühren, deren Höhe freilich den jeweiligen Universitäten überlassen werden sollte.

In kaum einen Bereich wird so viel Hoffnung gesetzt, und von kaum einem hängt in Zeiten der globalen Krise so sehr unsere Zukunft ab, wie von Bildung und Forschung.

Eigentlich müsste die Tatsache, dass nur ein geringer Teil der Studienabsolventen in der Forschung beschäftigt bleibt und der Großteil der Studierenden eine gediegene Ausbildung erwartet, auch ein differenzierteres Anreizsystem auf der Angebotsseite zur Folge haben. Aber die Lehre zählt, bedingt durch diese unzeitgemäße Verquickung von Forschung und Lehre, kaum und wird großteils als lästige Notwendigkeit empfunden. Nach wie vor pflastern Publikationen den Pfad einer erfolgreichen Hochschulkarriere. Nicht, dass es zwischen Forschung und Lehre keine Verbindung geben sollte. Aber es geht darum, dass die Fähigkeit, vorhandenes Wissen erfolgreich zu vermitteln, ebenso honoriert werden sollte, wie neues Wissen zu schaffen.

Was nottut, sind daher Entmystifizierungen, klare Anreizsysteme und ein gerechtes Finanzierungssystem. Dass eine solche Ökonomisierung nicht der Ausdruck des "entfremdeten Geistes" ist, sondern die Basis bildet für ein modernes und zeitgemäßes Bildungssystem, sollte auch dem letzten Verfechter Humboldts klar sein. (Andreas Schibany, DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2009)

 

Zur Person: Andreas Schibany ist Wirtschaftswissenschafter und Experte für Forschung und Technologie am Joanneum-Research-Institut in Graz.

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