Brüssel ist nicht Wien

28. Oktober 2009 18:24

Will Hahn als Kommissar reüssieren, muss er sich von seiner Vergangenheit distanzieren

Wer gemeint hat, die Provinzposse rund um die Bestellung eines österreichischen EU-Kommissars sei mit der Nominierung von Johannes Hahn beendet, kann sich noch immer unterhalten fühlen. Es geht munter weiter: Hahn will nämlich Wiener ÖVP-Chef bleiben. Es sprechen zwar der Verhaltenskodex für Kommissare, EU-Verträge und die menschliche Logik dagegen, wenn man künftig Brüssel als Arbeits- und wohl auch Lebensmittelpunkt hat. Aber offenbar ist der Sessel eines Wiener VP-Chefs so attraktiv, dass man selbst als Kommissar darauf kleben bleiben will. Oder es gibt in der Partei schlicht niemand anderen, der auf den Stuhl des Wiener VP-Obmannes klettern will. Dass Hahn sich just in der Wiener Gemeindepolitik und im Wahlkampf für unersetzlich hält, ist wohl auszuschließen.

Hahn dürfte darüber hinaus noch nicht mitbekommen haben, dass ein EU-Kommissar eine europäische Aufgabe ausübt und nicht schlicht der Repräsentant und Lobbyist der österreichischen Regierung in Brüssel ist. Er wird sich auf dem europäischen Parkett umstellen müssen, wenn er reüssieren will.

Sollte es tatsächlich eines der gewünschten, sogenannten "Zukunftsressorts" in der EU-Kommission für ihn geben, dann wird Hahn sehr rasch seine Vergangenheit einholen. Bekommt Hahn das Bildungsressort, wird er sich fragen lassen müssen, warum er so vehement Zugangsbeschränkungen für ausländische Studenten in Österreich gefordert und diese eingeführt hat. Hahns Gegenspieler war Bildungskommissar Ján Figel, den Hahn nun beerben will.

Seine Begründung für die Einführung einer - laut EU-Diktion - ausländerdiskriminierenden Inländerquote von 75 Prozent an den Medizin-Universitäten war, dass die EU kein Recht habe, in das nationale Bildungswesen einzugreifen. Überdies werde die finanzielle Solidarität Österreichs durch die Ausbildung von Ausländern überstrapaziert. Beide Argumente wird Hahn zu hören bekommen, wenn er auf der anderen Seite des Tisches sitzt.

Wird Hahn Forschungskommissar, dann wird er sich vorhalten lassen müssen, dass er für einen Ausstieg Österreichs aus dem europäischen Forschungsprojekt Cern im Jahr 2011 war. Er musste sich schließlich dem Druck von Wissenschaftern sowie von Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll (VP) und von Bundeskanzler Werner Faymann (SP) beugen, der befand, "die Reputation und das Ansehen Österreichs" würden durch einen Ausstieg Schaden nehmen. Als EU-Kommissar muss er, wie der derzeitige Amtsinhaber Janez Potoènik, Cern verteidigen.

Aufgabe eines EU-Kommissars für diesen Bereich ist es auch, eine Erhöhung der Forschungsquote in den Mitgliedsstaaten einzufordern. Wenn man sich die Zahlen von heuer anschaut, dann liegt Österreich mit einer Quote von 2,73 Prozent knapp unter dem EU-Ziel von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Im Detail schaut es allerdings anders aus. Das Budget des Wissenschaftsfonds FWF ist bis 2013 auf dem Niveau von 2009, das sind 160 Millionen Euro, eingefroren. Real kommt dies einer Schrumpfung gleich - 2013 bis zu zwanzig Prozent. Massive Forschungsförderung sieht anders aus.

Dass Hahn die Strukturprobleme an den österreichischen Universitäten nicht gelöst hat, darauf machen derzeit die Studenten mit ihren Protestaktionen weit über die Grenzen des Landes hinaus aufmerksam. Studiengebühren, die Hahn weiter einfordert, beseitigen die Missstände noch nicht. Ein klares politisches Konzept, wie die unzumutbaren Zustände behoben werden können, fehlt vom zuständigen Minister aber. Europäisches Profil ebenso. Das ist keine Empfehlung für Brüssel. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2009)

 

Kommentar posten
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Harry-der-den-Wagen-holt
02.11.2009 09:48

Wenn das eintritt was Frau Föderl-Schmid prophezeit, wird sich der Gio ziemlich blamieren in Brüssel. In der letzten medianet war auch ein guter Kommentar zum Thema, darin meinter der Schreiber, dass in Österreich ein Posten als EU-Kommissar noch immer als Abstellgleis für Politiker und somit minderwertig gilt, vielleicht sollte man sich auch mal von dieser Sichtweise lösen (http://www.medianet.at/marketing... uli.html).

weisungsgebunden
29.10.2009 18:17
Hahns Vergangenheit heisst vor allem Novomatic

http://www.falter.at/web/print... php?id=592
http://www.florianklenk.com/2009/07/s... ch_nur.php
Und hier aus einem Forum für Spielsüchtige:
http://www.c-b-austria.at/index.php... artpage=20
Warum schicken wir nicht gleich einen Drogendealer nach Brüssel? Der hätte wahrscheinlich weniger runierte Existenzen auf dem Gewissen als unser toller "ÖVP- Liberaler"

BK W. Shoyssel
30.10.2009 02:01

danke für den Link!

free spirit
29.10.2009 16:56
da und dort fehl am platz

scheint aber voraussetzung zu sein bei den nominierungen...

Alastair McKenzie
 
29.10.2009 16:11
Ich hoffe, dass ...

... Herr Hahn seine Vergangenheit _nicht_ vergisst. Als Bildungskommissar hätte er sich für mehr Realitätsnähe in der EU zu sorgen und den Sauhaufen auszumisten, den die EU angerichtet hat. Das bedeutet, dass die jeweiligen Länder selbst entscheiden können, wen sie in von ihren Steuerzahlern finanzierten Bildungsinstitutionen studieren lassen. Es kann nicht sein, dass die EU von der Kanzel herunterpredigt, aber die Länder und ihre Steuerzahler dafür blechen müssen.
Deshalb würde ich mir von einem Bildungskommissar Hahn wünschen, dass er dann, wenn er an einem Machthebel sitzt, genau das umsetzt, was er sich als Wissenschaftsminister von der EU gewünscht hat.

M K
 
29.10.2009 14:59
Besondere Situation

Tatsache bleibt, dass Österreich auf Grund seiner Besonderheiten (keine Studiengebühr, kein numerus clausus, deutsche Sprache) "Ersatz"studienort für sehr viele deutsche Studenten ist.

Das trifft kein anderes EU-Land in ähnlicher Form und mit ähnlichen negativen Auswirkungen auf die heimischen Unis und vor allem Studenten wie Österreich.

acca acca
29.10.2009 16:35

Stimmt nicht ganz. Es gibt auf derstandard\bildung\bildung international einen Bericht der aussagt dass noch mehr Deutsch Studenten nach Holland zum studieren gehen als nach Österreich. Holland ist natürlich fast doppelt so groß aber man kann nicht mehr von einen Ausnahmesituation die nur Österreich betrifft reden.
Übrigens, weiss jemand wie die Zugänge zu den Unis in Holland geregelt werden?

Kontra
29.10.2009 15:50

das ist aber alles nicht 'gottgegeben' sondern Hochschulpolitik Österreichs: Freier Unizugang, keine Gebühren. Daher hat Österreich die Konsequenzen zu tragen.
Deutschland hat sich jea bei seiner Hochschulpolitik etwas gedacht. Und fährt übrigens gut damit.

Loggo
29.10.2009 13:32
Wenn man sich im kleinen Umfeld...

nicht bewaerht, wird man einfach eine Stufe hoeher geschickt!

Doktor Leid
29.10.2009 12:44
Wieso so kritisch? Brauchen die keinen Glücksspielkommissar?

kmmm
29.10.2009 12:20
die österreicher brauchen gar keine auswärtige hilfe, um zur lächerlichkeit zu verkommen.

das machen sie schon selbst.

ordinaryvan
29.10.2009 12:20

"Seine Begründung für die Einführung einer - laut EU-Diktion - ausländerdiskriminierenden Inländerquote von 75 Prozent an den Medizin-Universitäten war, dass die EU kein Recht habe, in das nationale Bildungswesen einzugreifen. Überdies werde die finanzielle Solidarität Österreichs durch die Ausbildung von Ausländern überstrapaziert."

kann bitte irgendwer mal einen europarechtlich vorgebildeten juristen engagieren? wenn österreich mit derartigen argumenten aus dem jahre 1956 hausieren geht, versteh ich schon, dass wir für die kommission ein jausengegner vor dem EuGH sind.

Mucosaprolaps
29.10.2009 14:55

Ein Beweis dafür, dass weite Teile der ÖVP nicht begreifen wollen, was in einem gemeinsamen Europa alles möglich wäre und sein sollte.

Alastair McKenzie
 
29.10.2009 16:20
Ich möchte keinesfalls ...

... eine Lanze für die ÖVP brechen, aber in diesem Fall lag/liegt Herr Hahn wirklich goldrichtig! Als österreichischer Steuerzahler (der zu besseren, noch nicht durch Urteile vom hohen EU-Ross abgewerteten Zeiten selbst studiert hat) bin ich in keinem Fall bereit, massenweise die Ausbildung von Leuten aus Deutschland, Rumänien, Timbuktu oder Ouagadougou zu finanzieren!

Emiliano Zapata
 
29.10.2009 11:05
hahn ist einfach peinlich

das war er schon als wiener vp-chef, mit seinem komischen "gio-bus", das ist er jetzt als wissenschaftsminister und das wird er als eu-kommissar sein. hoffentlich findet barroso ein ressort für ihn, in dem er möglichst keinen schaden anrichten kann...

huckleberry
29.10.2009 15:49
das stimmt schon ...

aber dummerweise ist auch baroso peinlich, öttinger ebenfalls, blair sowieso und wen die franzosen schicken, will ich gar nicht wissen ...

franz der freie
29.10.2009 10:26
der beste lobbyist der novomatic in der eu.

könnte ja im berlaymont gebäude im keller einen spielsaloon aufmachen, da kann ihm keiner was vormachen. so könnte wir unsere eu-beiträge kräftig senken. vielleicht ist das der masterplan von faymann ? aber ich fürchte nur er hat gar keinen.

abc9
29.10.2009 09:53
... von seiner Vergangenheit distanzieren ...

Einmal Koffer immer Koffer

Habe noch nie erlebt, dass einer über Nacht (oder auch viele Nächte) gscheiter worden ist.

Spigola
29.10.2009 09:25
Der Hahn ist der einzige Vogel der triumphierend schreit während er mit beiden Füssen in der Sche!sse steht.

Das sagte der französische Komiker Coluche schon vor ca. 25 Jahren. Zugegeben in anderem Zusammenhang, aber das Zitat passt ganz gut.

Schnabeltierfresser
29.10.2009 14:46
Der französische Hahn

hat aber im Gegensatz zum österreichischen Schneid!

sektionschef vom salzamt
29.10.2009 08:36

er wird, da wie dort, das machen, was er am besten kann: "kikierikiiiii"

sir osis of liver
 
29.10.2009 13:11

bringens wirs ihm auch auf englisch bei?
cockadoodledooo!

Alex79
29.10.2009 08:33
Oesterreichische Karrierepolitik

In Oesterreich, vor allem in der Politik, scheint es einfacher und sauberer zu sein, Leute nach oben rauszuschmeissen als nach unten zu degradieren.

"Der Tschio mochts nimma lang als Minister, was moch ma mit dem?" - "Kann der net als Bundespraesident kandidieren?" - "Na, aussichtslos, auf des is uns schon der Onkel Erwin net reingfallen. Wos gabats denn sunst nu?" - "An Kommissar duerf ma stelln." - "Wos, zur Polizei willst eam schickn?" - "Na, zur EU" - "Ah, zu denen. Was mochat der denn durt?" - "Na eh des soebe wie do,.. oda ah net." - "Subba, so moch mas."

vi-de dot com
 
29.10.2009 07:48
der beste Indikator

wie dünn die Personaldecke der VP ist.

Schnabeltierfresser
29.10.2009 14:46
Wieso?

Molterer Superstar wollte der Fayman ja nicht?

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