Erst trennte die Mauer, jetzt trennt die Furcht

28. Oktober 2009, 17:56
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Joachim Gauck und Lutz Rathenow diskutierten 20 Jahre Mauerfall bei "Zeitgenossen im Gespräch"

Wien - Erst wenn die europäische Vereinigung gelingt, gelingt auch die deutsch-deutsche, ist sich Lutz Rathenow sicher. "Die Ostdeutschen sehen sich nicht gern als Osteuropäer - das ist aber falsch."

Rathenow war zusammen mit Joachim Gauck zu Gast bei Zeitgenossen im Gespräch im Radiokulturcafe bei Michael Kerbler (Ö1) und Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid.

Joachim Gauck, zu DDR-Zeiten evangelischer Pfarrer und Sprecher der Bürgerrechtsbewegung Neues Forum in Rostock, leitete nach der Wende jene Behörde, die die Einsicht der Bürger in ihre Stasi-Akten regelte. Lutz Rathenow ist Schriftsteller und wurde in der DDR wegen seiner regimekritischen Texte verfolgt.

Trotz mehrerer Gelegenheiten zur Ausreise ging keiner der beiden in den Westen. "Leben in der DDR gegen die DDR" , nennt Rathenow diese Haltung.

Als die Mauer fiel, waren beide überrascht. Auch die schnelle Wiedervereinigung sei nicht absehbar gewesen. Vor allem die Intellektuellen hätten einen "dritten Weg" bevorzugt. Der Bürgerrechtsbewegung haben aber die "ökonomischen Kompetenzen" gefehlt, meint Gauck.

Der Druck zur Vereinigung sei aus dem "nichtintellektuellen Milieu" gekommen, zuerst aus Sachsen und Thüringen, so Rathenow.

Richtige Entscheidungen

Die Veröffentlichung der Stasi-Akten und der 1:2-Wechselkurs von DDR-Mark zu D-Mark waren für Rathenow und Gauck richtige Entscheidungen.

Die Akten zu vernichten sei keine Alternative zur Aufarbeitung gewesen. Für Rathenow sind sie die "literarische Hinterlassenschaft, das Weltkulturerbe der DDR" . Gauck wollte nach der Wende verhindern, dass es den Opfern der Stasi so ging wie den Opfern der Nazis 1945: "Sie standen wie Bettler vor verschlossenen Archivtüren."

Der Wechselkurs sei ökonomisch ein Fehler gewesen, politisch war er richtig. "Geld kann keine Gerechtigkeit verkörpern" , meint Rathenow.

Dass heute viele Ostdeutsche unzufrieden sind mit den Entwicklungen nach der Wende kann Gauck nur begrenzt verstehen. Auch wenn es in manchen Gegenden wenig Arbeit gebe - der Aufschwung sei da, er werde nur totgeschwiegen. Die Spaltung in Deutschland sei nicht die zwischen Ost und West, sondern die zwischen "jenen, die die Freiheit lieben, und jenen, die sie fürchten" .

In der Stadt sei die Situation besser als am Land, in Berlin sei der ehemalige Osten sogar der dominierende Stadtteil, so Rathenow. Die Ostdeutschen sollten sich mit Polen oder Russland vergleichen statt mit der BRD - so könnten sie ihre Fortschritte besser beurteilen.

Worauf es im Leben ankommt, wollten Föderl-Schmid und Kerbler zum Abschluss wissen. "Die Fähigkeit zur Verantwortung" war die einhellige Antwort. (Tobias Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2009)

Ö1 sendet das Gespräch am Donnerstag ab 21.01 Uhr

  • Lutz Rathenow (2.v.l) und Joachim Gauck (3.v.l) waren zu Gast bei Michael Kerbler und Alexandra Föderl-Schmid im Radiokulturcafe.
    foto: standard/fischer

    Lutz Rathenow (2.v.l) und Joachim Gauck (3.v.l) waren zu Gast bei Michael Kerbler und Alexandra Föderl-Schmid im Radiokulturcafe.

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