"Aufgeschreckter Ameisenhaufen in Zeitlupe"

28. Oktober 2009, 17:48
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Das Streben nach Reichtum trieb die Amerikaner in kreditfinanzierte Aktienkäufe - und in den Ruin.

Die Kursabstürze des 28. und 29. Oktober vor 80 Jahren läuteten die Weltwirtschaftskrise ein. Das Streben nach Reichtum trieb die Amerikaner in kreditfinanzierte Aktienkäufe – und in den Ruin.

Wien – Als die US-Notenbank 1927 – in der Boomzeit der Goldenen 20er – die Diskontrate senkte, bezeichnete dies ein abtrünniger Fed-Gouverneur als "den schlimmsten Fehler der letzten 75 Jahre" . Der weitere Anstieg der Kurse und Preise verleitete später den Banker Paul Warburg zur Prophezeiung, es drohe ein "entsetzlicher Kollaps" , ja eine "allgemeine Depression" .

Er sollte Recht behalten. Die Geschichte ist rasch erzählt: Mit dem schwarzen Freitag vor 80 Jahren, der eigentlich ein Donnerstag war, ging alles los. Die Kurse begannen zu purzeln, der Dow Jones Index erlitt am 28. und 29. Oktober 1929 mit 13 und zwölf Prozent die größten Abstürze der Zwischenkriegszeit, die zuvor (12.12.1914) und danach (19.10.1987) nur einmal übertroffen wurden. Über einen längeren Zeitraum ist die damalige Talfahrt unerreicht: Bis 1932 gab das wichtigste Börsenbarometer 89 Prozent gegenüber dem Höchststand nach.

Damals (wie acht Jahrzehnte später) formten billiges Geld und Konsumrausch und scheinbar unaufhörlich steigende Kurse eine Blase. Das Zauberwort lautete Leverage – Aktienkauf auf Pump, um bei der Goldgräberstimmung dabei zu sein. Die heutigen Hedgefonds hießen damals Investment Trusts, ansonsten unterscheiden sich alte und neue Spekulationswelle kaum. Seit 1921 hatte sich der Dow mehr als vervierfacht, Auto- und Konsumgüterindustrie boomten. Stellvertretend für die damalige Stimmung berichtete GM-Chef J. J. Raskob, "dass nicht nur jeder reich werden kann, sondern jeder dazu verpflichtet ist" . Die Geschichten von Schuhputzern, die mit 500 Dollar Bargeld Aktien um 50.000 Dollar kauften, sind Legende.

In der Woche des schwarzen Freitags (an diesem Tag verzeichnete die Wall Street sogar ein Plus) retteten Banken mit Stützungskäufen Anleger vor dem Schlimmsten. Doch dann ging ihnen das Geld aus und die Kurse fielen ins Bodenlose. Zufällig war Winston Churchill, damals noch britischer Schatzkanzler, an jenem Tag an der New Yorker Börse zu Gast. "Da waren also Händler, eingefroren wie in der Zeitlupenaufnahme eines aufgeschreckten Ameisenhaufens, einander enorme Mengen an Wertpapieren zu einem Drittel des ehemaligen Preises anbietend, nur um nach etlichen Minuten des Zusammenstehens schließlich festzustellen, dass niemand den Mut fand, die einmalige Gelegenheit zu ergreifen, ein Vermögen zu machen" , erinnerte er sich später.

Mehr als 10.000 Banken gingen in der Folge bankrott, Anleger verloren ihr Erspartes, die Wirtschaft kollabierte. Die Wirtschaftspolitik lehnte sich zurück und glaubte an die Selbstreinigungskraft der Märkte, großteils wurden sogar Budgetüberschüsse eingefahren. Der Geldpolitik waren wegen des Goldstandards die Hände gebunden. Das erhöhte die Deflation (die Preise fielen um 30 Prozent), konstatierte der heutige US-Fed-Chef Ben Bernanke in einer Untersuchung vor fünf Jahren.

Falsche Reaktionen

Überkapazitäten in der Industrie und stark fallende Preise führten zu gewaltiger Arbeitslosigkeit. Die Krise breitete sich über die beachtliche Vernetzung der Finanzmärkte rasch international aus. Protektionistische Maßnahmen der führenden Regierungen ließen die Exporte weit stärker einbrechen als das gesamte Wirtschaftsniveau und trugen damit das Ihre zum Kollaps bei.

Österreich zählte zu den von der Depression am stärksten betroffenen Staaten, wie eine Untersuchung von Karl Aiginger zeigt. Und das, obwohl das Produktionsniveau wegen Hyperinflation zu Beginn der 20er-Jahre und Reparationszahlungen im Vergleich zur Zeit vor dem ersten Weltkrieg gering war. Österreich fungierte schon damals als Drehscheibe für Osteuropa. Vom Zusammenbruch der Credit-Anstalt im Jahr 1931 gingen deshalb auch neue internationale Schockwellen aus. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.10.2009)

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