Tausende Fälle von Kindesraub für kinderlose Paare geklärt

28. Oktober 2009, 17:49
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Die strenge Einkindpolitik Chinas hat dazu geführt, dass die "Nachfrage" nach Buben, vor allem in den konservativen ländlichen Provinzen, stetig steigt

Mehr als 2000 entführte und verkaufte Kinder hat die chinesische Polizei in einer landesweiten Großrazzia innerhalb eines halben Jahres gefunden. 60 der Buben und Mädchen suchen jetzt ihre leiblichen Eltern - Von Johnny Erling aus Peking

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Auf Bild Nummer eins ist ein Bub zu sehen. Die Polizei stieß bei einer Razzia vor wenigen Wochen auf das Baby. Seine Entführer, die in Südchinas Küstenprovinz Fujian aufgegriffen wurden, gestanden, den Säugling am 18.April 2009 entführt und verkauft zu haben. Kind Nummer60 auf der Suchliste ist ein vermutlich vor acht Jahren entführtes Mädchen, das die Beamten in Hunan in Mittelchina fanden und von dem sie nur seinen jetzigen Namen, He Xiaoying, wissen.

Geraubte Kinder für kinderlose Paare

60 Fotos einst geraubter Kinder stehen seit Dienstag auf einer neuen Webseite der chinesischen Polizei - für die Suche nach ihren leiblichen Eltern. Auf den Fotos sind vorwiegend Buben. Die Kinder sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in China geraubt worden. Skrupellose Kidnapper, die meist in Banden operieren, verschleppten sie über Provinzgrenzen und verkauften sie an kinderlose Paare oder Bauernfamilien, die sich männlichen Nachwuchs wünschten.

1717 Entführungsfälle

Die Liste mit den Fotos ist das Ergebnis einer großangelegten Fahndung der chinesischen Polizei. Unter dem Aktionsnamen "Da Guai" (Schlagt die Kidnapper) schwärmten die Beamten im ganzen Land aus. Sie folgten vom 9. April bis 12. Oktober 2009 jeder verfügbaren Spur nach geraubten Babys und Kindern. Auf ihrer Webseite zogen sie jetzt eine erste Bilanz: 1717 Entführungsfälle hat die Polizei demnach aufgedeckt, insgesamt 2008 Kinder befreit. In den meisten Fällen konnten die Eltern gefunden werden. Die Polizei identifizierte ihre Abstammung anhand von DNA-Analysen. Doch bei vielen anderen fehlt jede Spur. Die Polizei veröffentlicht ihre Fotos im Internet. Die makabre Liste mit den Kinderbildern aus zehn Provinzen Chinas weckt bei tausenden Eltern neue Hoffnung.

Bis zu 3000 Anzeigen pro Jahr

Die strenge Einkindpolitik Chinas hat dazu geführt, dass die "Nachfrage" nach Buben, vor allem in den konservativen ländlichen Provinzen, stetig steigt. Jedes Jahr erhält die Polizei 2000 bis 3000 Anzeigen über gestohlene Kinder, ein sich täglich neu abspielendes Drama, das sich meist bei Bahnhöfen, vor Kaufhäusern oder an Busstationen abspielt. Manche Experten sprechen laut Beijing Today von jährlich über 10.000 solcher Fälle.

Dagegen arbeiten neben darauf spezialisierten Privatdetektiven immer mehr Bürgerinitiativen, die mit der Polizei kooperieren. "Baobei Huijia" (Baby kommt nach Hause) heißt die bekannteste NGO gegen Kindesraub, die im April 2007 von einem Ehepaar gegründet wurde, deren Kind entführt und wiedergefunden wurde. Heute hat sie in 50 Städten Chinas 14.000 Unterstützer.

Vierzehn Eltern wieder gefunden

Die Kidnapper sind in weitverzweigten Banden organisiert und können umgerechnet mit bis zu 5000 Euro Lohn pro Kind rechnen, schreibt China Daily. Die Polizei verhaftete etwa in Shanxi 42 Mitglieder einer Gruppe, die in den vergangenen zwei Jahren 52 Babys gestohlen und verkauft haben soll. Von 14 Kindern wurden die Eltern wieder gefunden.

Für Nummer 26 auf der Polizei-liste dürfte die Suche nach den Eltern besonders schwierig werden: Als Kleinkind im Sommer 1983 entführt, kam der Bub ins ostchinesische Anhui. Der heute erwachsene Mann weiß nicht, woher er ursprünglich kommt. Er erinnert sich lediglich daran, dass er einst in der Nähe einer Busstation gelebt hat. ( Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD Printausgabe 29.10.2009)

  • Auf der Website der chinesischen Polizei sind 60 Fotos entführter und jetzt wiedergefundener Kinder zu sehen, deren leibliche Eltern trotz DNA-Tests noch nicht ausfindig gemacht werden konnten. Auf Bild Nummer eins ist etwa ein Knabe abgebildet, der im April 2009 geraubt und nach Fujian in Südchina verkauft wurde
    foto: standard/ cremer

    Auf der Website der chinesischen Polizei sind 60 Fotos entführter und jetzt wiedergefundener Kinder zu sehen, deren leibliche Eltern trotz DNA-Tests noch nicht ausfindig gemacht werden konnten. Auf Bild Nummer eins ist etwa ein Knabe abgebildet, der im April 2009 geraubt und nach Fujian in Südchina verkauft wurde

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