Der Wald der Zivilisation

28. Oktober 2009, 17:42
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Gerhild Steinbuch ist Autorin und Dramatikerin und besucht für den STANDARD die Viennale

Da fehlt doch einer, anfangs in Peter Liechtis "The Sound of Insects - Record of a Mummy". Wo ist der Spaziergänger, oder: Wo liegt der tote Mann im Schnee, als schliefe er vor sich hin? Als der schwarze Sack rausgetragen wird, zwischen den Bäumen, ist das ein kurzer Freudemoment, dann der Erkenntnismoment: Das hat alles nichts mit Robert Walser zu tun. Die Anfangsassoziation aber nicht von ungefähr: Walser, der große Nein-Sager, nein hier nicht - Wörter, so lustig wie Österreich - granteln mit Alpenenge im Kopf, sondern konsequent: Walser nach Zusammenbruch in der psychiatrischen Klinik, Walser erholt sich, Walser bleibt, auch ohne Dringlichkeit, der geht dort einfach nicht mehr weg, geht spazieren, Walser wird vergessen, schließlich ein Toter im Schnee, fast literarisch, Geschwister Tanner.

Das Walsernein ist ein konsequentes Nein zum Leben, ohne Schmerz, Scheu, Scham und Mitleid für sich und die anderen. Vielleicht auch, wie andernorts beschrieben: das Wissen, dass nichts mehr kommt und diese Müdigkeit, und dass das aber gut ist so, usw., usf. Und darum hier auch erste Filmbildassoziation: Trugschluss, Schulterschluss mit aufdringlichem Interpretationsansatz. (Überhaupt: dass man alles und immer aufladen muss mit bekannter Bedeutung, um sich nicht die Blöße zu geben, was eigenständig Dummes zu denken.)

Das Walsernein hat eine Ruhe, die dem Lebensnein des Selbstmörders in Liechtis Film fehlt. Nein hier eher: Abkehr von gesellschaftlichem Bla und vorgezeichnetem Lebensweg. Der größte Wald ist immer noch die Zivilisation, wo einer den andren vor lauter Bäumen nicht sieht, darum der echte Wald wohl gegenteilig, oder zumindest: gegenteilig besetzt. Dass dieser Selbstmordmann in die Natur geht und mit dem Essen aufhört, vielleicht so verstehen: Ich weise auf etwas hin, an dem / indem ich nicht mehr teilnehme.

Aber das konsequente Nein gelingt ihm nicht, immer wieder Positivgedanken an plötzliches Aufgefundenwerden, Zurückkehren; Angst vor dem Tod, wenn's dort nicht besser ist als in der Welt, auch: geliebtes Radio, Schnittstelle, an der er sich festhält. Aber vielleicht taugt eben nur das Weiterleben als Voraussetzung für ein konsequentes Nein zum Leben, weil man nur so innerhalb der Struktur befindlich die Struktur untergraben kann.

Was der Hungerselbstmord aber immerhin ist: gelungener Protest, was schon was ist, weil: Wie Möglichkeiten zum Protest finden innerhalb eines sozialen Gefüges, wenn innerhalb des Gefüges Gesten, Worte, Handlungen in bestimmter Weise codiert sind und daher nur in dieser Weise als solche erkannt werden, der Rückgriff auf sie also wieder nur dem Gefüge zuspielt? Insofern ist das Hungern bis zum Tode - obwohl hinlänglich erprobt und dadurch Gefügebestandteil - vielleicht eine der wenigen verbleibenden Protestmöglichkeiten: Weil es an die Körpersubstanz geht und aufgrund der rein physischen Veränderung Gesten und Handlungen (auch Sprache) durch bloße Ausübung in Schräglage gebracht werden - das Ding kriegt Risse. (Gerhild Steinbuch, 29.10.2009)

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