Im anderen Leben ein eigenes finden

28. Oktober 2009, 17:37
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Eine kühle, fragmentarisch gehaltene filmische Spurensuche: "Helen"

Eine Gruppe von jungen Menschen geht über eine Wiese in einem herbstlichen Park. An einem Gehweg trennt sich eine Frau von den anderen, man begleitet sie noch eine Weile, rundherum finden ganz normale Park-Aktivitäten statt: Joggen, Frisbee-Spiele, Kinderquatsch. Die Frau in der markanten gelben Lederjacke steuert ein Waldstück an. Bald darauf wird man Polizisten sehen, die in einer Reihe das Terrain sondieren. Und schließlich ein Elternpaar an einem Tisch in einer aufgeräumten Büroetage, dem ein freundlicher Beamter eine Reihe von in Plastik eingetüteten Gegenständen vorlegt. Auch die gelbe Jacke ist dabei. Nur von der jungen Frau fehlt weiter jede Spur.

Helen heißt der Film, aber er ist nicht nach der Verschwundenen benannt (die Joy heißt), sondern nach jener Studienkollegin, die sich auf einen Aufruf der Polizei hin meldet und ausgewählt wird, in einer Rekonstruktion von Joys letzten Wegen deren Rolle zu übernehmen. Die unauffällige Helen (Annie Townsend), die in einer betreuten Wohneinrichtung lebt, neben dem Studium in einem Hotel als Zimmermädchen arbeitet, beginnt bald, sich intensiver mit Joys Lebensumständen und ihrem unmittelbaren Umfeld auseinanderzusetzen.

Allerdings bleibt diese punktuelle Überidentifikation letztlich genau so undramatisch wie der Rest der Erzählung. Was wiederum an der Art und Weise liegt, wie der Film inszeniert ist: "Helen" besteht aus langen, ungeschnittenen Einstellungen. Markante, ruhige Kamerabewegungen, die Wahl der Schauplätze - abgesehen vom Wald vor allem klare, aber auch kühle räumliche Strukturen - oder die Ausstattung mit ihren pointierten Elementen in Primärfarben arbeiten alle auf eine gewisse Künstlichkeit und Distanznahme hin. "Hele"n ist kein naturalistisches Drama, er erinnert in mancher Hinsicht mehr an die jüngsten Arbeiten eines Gus Van Sant. Oder auch an Videoinstallationen.

Christine Molloy und Joe Lawlor, die "Helen" geschrieben und inszeniert haben, waren bisher unter dem Namen Desperate Optimists auch mehr im Kunstbereich verortet. Ihr Langfilmdebüt ist somit ein weiterer Beleg dafür, dass das britische Kino seine interessantesten Impulse derzeit von Menschen bekommt, die außerhalb des Kinokontexts stehen - und vom britischen Kritker Jonathan Romney bereits vorsichtig mit einem Revival des britischen Autorenkinos in Verbindung gebracht werden.

Neben Molloy und Lawson sind dies etwa Joanna Hogg, die im vergangenen Jahr mit der spröden Milieustudie "Unrelated" überraschte und vorher sehr lange fürs Fernsehen tätig war, Steve McQueen, dessen "Hunger" - eine radikale Bearbeitung der jüngeren politischen Vergangenheit - im Vorjahr ebenfalls für Aufsehen sorgte, oder Sam Taylor-Wood, deren erster Langfilm "Nowhere Boy" gerade das London Film Festival beschließt. (Isabella Reicher, SPEZIAL - DER STANDARD/Printausgabe, 29.10.2009)

29. 10., Künstlerhaus, 23.30;Wh.:2. 11., Metro, 16.00

  • Verschlossene Heldin öffnet sich für neue Perspektiven:Annie Townsend
als und in "Helen" von den "Desperate Optimists" Christine Molloy und
John Lawlor.
    foto: viennale

    Verschlossene Heldin öffnet sich für neue Perspektiven:Annie Townsend als und in "Helen" von den "Desperate Optimists" Christine Molloy und John Lawlor.

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