Im Wald warten Wunder und Tod

28. Oktober 2009, 17:33
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"Morrer como um homem" von João Pedro Rodrigues

Der Film beginnt im Dunkeln, in einem nächtlichen Wald. Und weil an diesem kaum zu durchschauenden Anfang obendrein auch noch junge Männer in Soldatenuniformen durch die Bilder schleichen, könnte man sich direkt bei Apichatpong Weerasethakul wähnen. Aber wir sind nicht in Thailand, sondern in Portugal. Und der portugiesische Filmemacher João Pedro Rodrigues ("O Fantasma") verlässt den europäischen Dschungel auch rasch, um an der urbanen Peripherie, in gesellschaftlichen Randzonen, eine dunkel schillernde Geschichte auszulegen.

In deren Zentrum bewegt sich Tonia (Fernando Santos), Transsexueller und Travestie-Künstler. Tonia liebt Rosário (Alexander David), der wiederum ungefähr so alt ist wie der Sohn, den Tonia in einem anderen Leben zurückgelassen hat. Weit mehr leidet die Beziehung allerdings unter der Tatsache, dass Rosário an der Nadel hängt und Tonias fragiles Selbst zwischen Zweifel und Schmerzen, zwischen psychischer Versehrtheit und physischen Symptomen wankt.

Auf inhaltlicher Ebene wirkt "Morrer como um homem/ To die like a man", der dritte Spielfilm des 43-jährigen Rodrigues, ein bisschen wie eine abgeklärte, abgespeckte und rohe Version von Pedro Almodóvars "Alles über meine Mutte"r. Andere verweisen lieber auf Rainer Werner Fassbinders "In einem Jahr mit dreizehn Monden", und das gibt auch eine treffendere Idee von der atmosphärischen Tönung und vom Gestus des Films, der den ungeschönten Alltag immer wieder in höchst artifizielle Szenarien wendet. So begibt sich an einer Stelle von "Morrer como um homem" eine zufällige Gruppe von Personen auf einen abendlichen Waldspaziergang, um dort plötzlich - visuell in eine Art Stummfilmtableau transferiert - einer (Off-)Darbietung von Anthony zu lauschen.

Die Musik spielt auch in anderer Hinsicht eine tragende Rolle: Tonia sieht sich an ihrem Arbeitsplatz in einem Nachtclub der Konkurrenz durch eine jüngere Kollegin ausgesetzt. Die entsprechenden Szenen ereignen sich in schöner melodramatischer Zuspitzung allein in der Garderobe - die Performances sind nur über den Ton aus dem Off präsent. Umgekehrt gibt es in Tonias Häuschen, ihrem Refugium, Momente, die in der eindringlichen Intonation von Balladen kulminieren.

Tonia solle endlich selbst singen, statt zu den Stimmen anderer Gesang zu mimen, sagt Rosário. Und trifft damit den wunden Punkt. Ein traurig-schöner Film - intensive Szenen, die man lange nicht vergisst, machen manche Längen wett. (Isabella Reicher, SPEZIAL - DER STANDARD/Printausgabe, 29.10.2009)

29. 10., Urania, 20.30; Wh.: 1. 11., Metro, 13.00

  • Tonia, gefeierter Star eines kleinen Clubs, gerät nicht nur beruflich in Bedrängnis:Fernando Santos in "Morrer como um homem" .
    foto: viennale

    Tonia, gefeierter Star eines kleinen Clubs, gerät nicht nur beruflich in Bedrängnis:Fernando Santos in "Morrer como um homem" .

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