Thatcher 1989: "Die deutsche Wiedervereini­gung ist nicht im Interesse Großbritanniens"

28. Oktober 2009, 16:53
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... denn Helmut Kohl sei "zu allem fähig" - Mitterrand hielt die Wiedervereinigung für "nicht wirklichkeitsnah"

Paris - Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls in Berlin hat Frankreich vorzeitig seine diplomatischen Archive geöffnet, um die Haltung der politischen Führung unter Präsident François Mitterrand zur deutschen Wiedervereinigung aufzuzeigen. Die Vereinigung sei "derzeit nicht wirklichkeitsnah", heißt es in einem Dokument vom Oktober 1989, welches am Dienstag publik gemacht wurde. Bestätigt wird in den Schriftstücken auch Londons ablehnende Haltung.

Mehr als nur "Entwicklungsperspektiven"

Wenige Wochen vor der Öffnung der innerdeutschen Grenze hielt das Außenministerium in Paris eine Wiedervereinigung Deutschlands für unrealistisch. Am 24. November 1989 schrieb Mitterrand an den letzten Generalsekretär der SED, Egon Krenz, er sehe "Entwicklungsperspektiven" für die Beziehung der DDR mit der Europäischen Gemeinschaft. "Jetzt wo das schwindet, was die Europäer getrennt hat, ist es in der Tat wichtig, neue Teilungen wirtschaftlicher oder technologischer Art zu vermeiden", hieß es in Mitterrands Brief an Krenz. Der sozialistische französische Präsident reiste noch im Dezember des Jahres zu einem Staatsbesuch in die DDR.

Nach einem Besuch des damaligen BRD-Außenministers Hans-Dietrich Genscher am 30. November 1989 in Paris wurde notiert: Genscher habe die Entwicklungen in der DDR erläutert - "ihm zufolge sehen wir gerade etwas, was die erste von Erfolg gekrönte Revolution für die Freiheit in Deutschland sein könnte". Den Zehn-Punkte-Plan des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl habe Genscher in Paris als "klare Botschaft" dargestellt. "Die Bundesrepublik füge ihre Beziehungen zum Osten in einen europäischen Rahmen. Sie weise jedes isolierte Vorgehen zurück und betone, dass ihr Schicksal in jenem Europas verankert sei."

Ablehnende Haltung

Aus den Archiven, die normalerweise erst in fünf Jahren geöffnet worden wären, geht auch die feindselige Haltung Großbritanniens gegenüber der Grenzöffnung hervor. "Die deutsche Wiedervereinigung ist nicht im Interesse Großbritanniens und Westeuropas", sagte die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher laut einer Mitschrift von Diplomaten bei einem Besuch in Moskau im September 1989. Kohl sei "zu allem fähig", merkte Thatcher im März 1990 in Beisein des französischen Botschafters in London an. "Er ist ein anderer Mensch geworden, er kennt sich selbst nicht mehr, er hält sich für den Größten und verhält sich auch so", wird die Premierministerin in einem Telegramm nach Paris zitiert.

Das Vereinigte Königreich hatte im September 600 Seiten Archivmaterial zum Mauerfall freigegeben. In einem Schreiben von Thatchers Privatsekretär wird Mitterrand im Dezember 1989 mit den Worten zitiert, "Deutschland hat niemals seine Grenzen gefunden". Im Jänner 1990 soll der französische Staatschef dann von der drohenden Wiederkehr der "schlechten Deutschen" gesprochen haben, die sich Gebiete zurückholen könnten, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg verloren geben mussten. Deutschland könne dann "sogar ausgedehnter als unter Hitler" werden, sagte Mitterrand demnach.

Der französische Europastaatssekretär Pierre Lellouche hatte unlängst eine Geste gegenüber Deutschland angekündigt, nachdem Frankreich sich seinerzeit so zögerlich verhalten habe. Vor 20 Jahren hätten die Nachbarländer sich "verpasst", sagte er vor der Nationalversammlung. "Jetzt, zum 20. Jahrestag, muss das Treffen erfolgreich sein." Frankreich will seine Archive aus der damaligen Zeit am 9. November vollständig öffnen. An den Feierlichkeiten in Berlin nimmt auch der jetzige Staatschef Nicolas Sarkozy teil. (APA/red)

  • Trotz der Freundschaft zwischen François Mitterrand und Helmut Kohl befürchtete auch der französische Präsident eine mögliche Wiederkehr der "schlechten Deutschen".
    foto: françois mitterrand

    Trotz der Freundschaft zwischen François Mitterrand und Helmut Kohl befürchtete auch der französische Präsident eine mögliche Wiederkehr der "schlechten Deutschen".

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