Mira Mirkavic - Die schwarze Frau hinter Milosevic

30. März 2003, 20:59
1 Posting

Sie sah sich stets als etwas Besonderes, einzigartig und überdurchschnittlich in jeder Hinsicht. Allein schon die Herkunft zeichnete Mirjana "Mira" Markovic aus, dessen war sie sich sicher. Ihre Mutter war eine Partisanenheldin, die von den Nazis ermordet wurde, ihr Vater ein begeisterter Karrierekommunist - kaum jemand konnte auf so viel Leid, Opfermut und Hingabe in der Familie für Staat und Partei verweisen wie sie, die 1942 in einem Partisanenlager geboren wurde.

Ihre Jugend in der Kleinstadt Pozarevac verlief ruhig. Die höhere Tochter lernte leicht, war bemerkenswert aufnahmefähig und entwickelte sich zur glühenden Kommunistin. Stets umgab sie eine Aura der Trauer, darauf legte sie Wert, das gesamte Leid der Serben sollte darin Ausdruck finden. Schwarz waren ihr Haar und ihre Kleidung, und das blieben sie bis heute. Manchmal steckte sie sich eine purpurne Plastikblume in die hochgesteckte Frisur, aber nur an Festtagen.

Diese tragische Aura faszinierte ihren Mitschüler, den jungen Slobodan Milosevic, dessen Eltern sich umgebracht hatten und der in seiner tiefen Destruktivität anfällig war für ihr Pathos. Sie war sechzehn, er siebzehn, als sie feststellten, dass sie wie füreinander geschaffen, fast symbiotisch verwachsen waren. Trotzdem behielt Mira auch nach der Hochzeit ihren Familiennamen bei.

Mira übernahm die Theorie, Slobodan die Umsetzung, sie war die zurückhaltende Denkerin, er der skrupellose Demagoge - unaufhaltsam schien ihr Aufstieg, und alles geschah zum Wohle des Staates, das glaubten sie. Mira wählte die Hochschullaufbahn, dozierte Soziologie und saß auf dem Lehrstuhl für Marxismus. Der "chinesische Weg" faszinierte sie politisch.

Ihrem gebenedeiten Intellekt verdankten die Jugoslawen meterweise Bücher - die Schwarten mussten die Adlaten von Slobodan verlegen. Ihre Zeitungskolumnen gaben den Genossen die Richtung vor, sie und Slobodan errichteten ein kleines Imperium.

Nie verstand sie, warum man sie im Volk "Rote Hexe", "Lady Macbeth" oder "Frau Rasputin" nannte. Sogar ihre zwei Kinder, Marko und Maria, seien erfolgreich zum Wohl der Serben tätig, sagte sie. Marko, ein mutmaßlicher Menschenhändler, wird heute genauso wie sie selbst mit Haftbefehl gesucht.

Mira gründete ihre eigene radikalkommunistische Partei, stand am Höhepunkt ihrer Macht, ihr Slobodan regierte den Staat, und sie regierte ihren Slobodan. Sie brachen Kriege vom Zaun und beschuldigten die Welt der Urheberschaft. Ihre Verbrechen verdrängten sie konsequent.

Doch die Menschenverachtung führte zu Fehleinschätzungen, die letztlich fatal für beide endeten: Milosevic sitzt hinter Gittern, und Mira wird wohl bald folgen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.3.2003)

Von Gerhard Plott
  • Artikelbild
    grafik: der standard
Share if you care.