Endlich sehen können, was Daddy im Krieg gemacht hat

7. April 2003, 11:24
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Der "Zauber" der neuen Kriegsberichterstattung aus der Sicht eines führenden CNN-Managers

Ob man es nun "raw journalism" oder echtes Reality-TV nennt - vergangene Woche wurde Geschichte geschrieben, als es zum ersten Mal gelang, die Anspannung, das Trauma und auch die (gelegentliche) Eintönigkeit des Krieges durch mutige Journalisten und Techniker an vorderster Front auf Sendung zu bringen, die Seite an Seite mit dem Militär auf den Schlachtfeldern des Irak arbeiten.

Es war immer schon der Traum von Generationen von Journalisten, das Publikum dorthin mitzunehmen, wo die Dinge wirklich passieren, und jetzt haben wir's offenbar geschafft. Wobei die Tatsache, dass nach jüngsten Meldungen mindestens zwei unserer Kollegen im Irak während der Ausübung ihrer Arbeit getötet wurden, der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nicht entgehen sollte: Nie war unser Job gefährlicher.

Dabei hatte noch vor einer Woche wohl keines der Medien, die den Bush-Feldzug gegen den Irak für ihre Informationssendungen einplanten, auch nur im Geringsten damit gerechnet, einen solchen Zugang zur Kriegsfront zu bekommen.

Während die Zyniker das Einverständnis von Journalisten, in das britische, beziehungsweise US-amerikanische Militär gewissermaßen "eingebettet", "eingegliedert" zu werden, mit Hohn quittierten, hofften die Pragmatiker unter uns, dass uns die zur Verfügung stehenden Technologien jene Art von Freiheit in der Berichterstattung ermöglichen könnten, die man uns in vergangenen Konflikten (etwa im Falklandkrieg oder im ersten Golfkrieg) stets verwehrt hatte. - Und genau so kam es auch.

Eigene Teams, abseits der "Eingliederungen"

Bis jetzt hat die von den Medienpools den Journalisten ermöglichte Berichterstattung per Videofon und Uplink hervorragend funktioniert. Die meisten von uns haben jedoch noch zusätzlich eigene Teams, die abseits der "Eingliederungen" aktiv mit denselben technischen Möglichkeiten umgehen und dem Informationspuzzle andere überaus wichtige Teile hinzufügen. Wobei sie vermutlich in größerer Gefahr sind als ihre (in Militärverbänden) "eingebetteten" Kollegen.

Unser Dank für die bemerkenswerte Berichterstattung in diesen ersten Kriegstagen gebührt natürlich auch den technischen Zauberern in unseren Reihen, die die Ausrüstung in den vergangenen Monaten immer wieder getestet, adaptiert und verfeinert haben und auf diese Weise sicherstellten, dass sie nicht nur den Härten eines Wüsteneinsatzes standhält - sondern auch in den Händen von Journalisten absolut "idiotensicher" ist!

"Fernsehnachrichten werden nie wieder sein wie vorher"

Die Technologie ist aber nur Werkzeug, das uns einen besseren Journalismus von jedem Winkel der Welt aus garantiert. All das "Zeug", das uns zur Verfügung steht, sollte unseren Blick nicht vom eigentlichen Ziel ablenken: sachlich und zeitgerecht zu berichten.

Die Kommunikationsindustrie kann jedenfalls stolz auf das sein, was letzte Woche erreicht wurde. Wir haben unsere Zuschauer an die Frontlinie gebracht, sie für sie sichtbar und hörbar gemacht. Fernsehnachrichten werden nie wieder sein wie vorher. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.3.2003)

Von Chris Cramer

Der Autor ist Präsident von CNN International Networks in Atlanta
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    foto: der standard/cnn
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