Nicht zu bremsen: Eine Spinne rollt bergauf

28. Oktober 2009, 15:09
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Deutscher Forscher entdeckte eine ungeahnte Seite an seiner "Rad-Spinne": Sie schafft bis zu 40 Grad Steigung

Berlin - Mit seiner "Rad-Spinne", die er in der Sahara entdeckte und filmte, hatte Ingo Rechenberg von der TU Berlin schon früher für Aufsehen gesorgt. Nicht zuletzt deshalb, weil der Professor für Bionik Videos ins Netz stellte, mit denen er seine Begeisterung in ansteckender Weise vermitteln kann. Und offenbar ist das ihm unbekannt gewesene Tier, das er als "Araneus rota" bezeichnete, noch leistungsfähiger als gedacht: Es kann sogar aufwärts rollen.

"Ich war 60 Tage vor Ort und habe in jeder Nacht meine Rad-Spinnen beobachtet. Man findet sie nachts auf ebenen Dünenfeldern. Ich habe 15 bis 20 von ihnen nach und nach gefangen, um sie im ersten Morgenlicht studieren zu können", sagt Rechenberg. So hat er gemessen, dass sich die Gliederfüßer mit einer Geschwindigkeit von einem Meter pro Sekunde auf ihren acht Beinen laufend fortbewegen. "Sobald sie jedoch anfangen zu rollen, sind sie doppelt so schnell", berichtet er. Die Geschwindigkeitssteigerung ergibt sich dadurch, dass nach jeder Körperumdrehung eine 15 bis 20 Zentimeter lange Flugstrecke folgt. Die Rolltechnik setzen die Spinnen immer dann ein, wenn sie vor einer Gefahr flüchten.

"Sisyphos"

Beim diesjährigen sommerlichen Sahara-Trip in die marokkanische Wüste Erg Chebbi machte Rechenberg dann eine noch verblüffendere Entdeckung:  "Ich baute gerade meine Kamera an einem Hang auf, als die Spinne mir entwischte, indem sie den Hang hinaufrollte!" Der Wissenschafter war außer sich: "Ich rief sofort meinem Mitarbeiter Abdulah Regabi El Khyari zu, ob er das auch gesehen hätte", berichtet Rechenberg. Der hatte. Bis zu 40 Prozent Steigung können die Spinnen bewältigen - je steiler die Düne, desto langsamer wird allerdings die Vorwärtsbewegung. "Man merkt ihnen dann die Anstrengung an", so Rechenberg, der der Spinne daraufhin mit Verweis auf die griechische Mythologie auch den Namen "Sisyphos" verpasste.

Mit der Klassifizierung hat sich Rechenberg etwas vertan: Der Name "Araneus" würde sie in die Gattung der Kreuzspinnen stellen - der Spinnenexperte Peter Jäger vom Senckenberg-Institut hat das Tier hingegen als eine Riesenkrabbenspinnen-Art, Cebrennus villosus, identifiziert. Diese Spezies ist aus Algerien und Tunesien zwar bekannt - doch schmälert dies Rechenbergs Entdeckung nicht: Dass sich diese Art rollend fortbewegt, wurde bislang nämlich noch von keinem Biologen beschrieben.  Rollende Spinnen waren bisher nur in der südafrikanischen Namib-Wüste bekannt - und diese können nur passiv eine Düne hinunterkullern.  (red)

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