Jeden Tag ein Stückchen Kunst von der Rolle

28. Oktober 2009, 17:46
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Auf dem ehemaligen Nordbahnhof-Gelände baute die Gesiba in Zusammenarbeit mit den PPAG Architekten die wahrscheinlich größte zeitgenössische Kunstgalerie Österreichs - eingebettet in 274 Wohnungen

Auf dem ehemaligen Nordbahnhof-Gelände baute die Gesiba in Zusammenarbeit mit den PPAG Architekten die wahrscheinlich größte zeitgenössische Kunstgalerie Österreichs - eingebettet in 274 Wohnungen.

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Die letzten Meter bis zur Wohnungstür sind ein Spaziergang für Privilegierte. Kaum hat sich die Lifttür geöffnet, klebt an den Wänden der langen Gänge nicht nur hellblaue Farbe, sondern auch so manch Tapetenstück aus österreichischer Künstlerhand. "Anfänglich wollten wir in den Wohngeschoßen ein grafisches Muster entwickeln und dieses in Form von Tapeten auf die Wände aufziehen" , sagt Architekt Georg Poduschka vom Wiener Büro PPAG. "Doch dann dachten wir uns: Wir haben schon so viel entworfen an diesem Haus. Bei rund tausend Menschen, die hier wohnen, ist es Zeit für Abwechslung."

Letztes Wochenende wurde im Wohnhaus am Park (Bauträger Gesiba) die wahrscheinlich sozialste Kunstgalerie Wiens eröffnet. 22 Künstler - von Hans Schabus über Ingeborg Strobl bis hin zu Heimo Zobernig - fertigten Foto- und Grafiksujets an, die anschließend auf riesige, zum Teil über zwei Stockwerke reichende Tapeten aufgedruckt wurden. In Summe wurden rund 500 Quadratmeter Kunst an die Wände gekleistert. Kuratiert wurde das Projekt von Li Tasser.

"Viele Menschen können oder wollen sich den Besuch in einem Museum nicht leisten" , sagt Poduschka, "hier gehen die Bewohner jeden Tag an ein paar Kunstwerken vorbei." Das schaffe nicht nur Identität, sondern fördere im besten Falle sogar die Kommunikation im Haus: "Es reicht schon, wenn die Leute sich darüber unterhalten, ob sie denn auch so ein schönes oder so ein schreckliches Motiv vor der Wohnungstür hängen haben" , meint der Architekt. "Im großvolumigen Wohnbau - wir reden hier immerhin von 274 Wohnungen - ist jede Form des Gesprächsimpulses nützlich und wichtig."

Niedrige Kosten dank System

Künstlerhonorare und Fertigung der Kunstwerke waren Teil des Baubudgets. Möglich war dies nur, weil die Baukosten verhältnismäßig günstig waren. Trotz Wohnungsverzahnung und räumlicher Komplexität liegt der Nettoherstellungspreis bei rund 1190 Euro pro Quadratmeter. "Die Anordnung der Wohnungen folgt einem von uns entwickelten Algorithmus" , erklären die PPAG-Architekten, "auf den ersten Blick wirkt das Projekt sehr unübersichtlich, doch bei näherer Betrachtung erkennt man ein gewisses, sich wiederholendes System, das es uns ermöglicht hat, die Kosten niedrig zu halten."

Welche mathematische oder geometrische Formel auch immer der Planung dieses Wohnprojekts zugrunde liegt - das architektonische Konzept ergibt Sinn. "Das Gebäude hat fast 190 Meter Länge. Es gäbe nichts Schlimmeres, als wenn das Kind auf dem Spielplatz anfangen müsste, die Fenster zu zählen, um zu wissen, wo es zu Hause ist" , sagt Georg Poduschka. "Durch die heterogene Fassade, die ja Abdruck der dahinterliegenden Wohnungen ist, können sich die Bewohner leicht zurechtfinden."

Außerdem sind die vier Stiegenhäuser über ein komplexes Gangsystem miteinander verbunden. Nicht zuletzt kommt das einer witterungsgeschützten Anbindung an die einzelnen Infrastruktur- und Gemeinschaftsräume zugute. "So erreicht der kundige Bewohner von Stiege 3 in Saunaschlapfen die Wellness-Einrichtungen auf Stiege 1, ohne dabei das Haus verlassen zu müssen."

Ewald Kirschner, Generaldirektor der Gesiba, ist stolz auf sein Projekt. "Einerseits haben wir durch die Anordnung der Gemeinschaftseinrichtungen sowie durch die Kunst in den Gängen eine Art Bassena des 21. Jahrhunderts geschaffen. Hier treffen sich die Leute und tratschen. Andererseits ist es uns bei aller sozialen Nachhaltigkeit gelungen, die Kosten zu reduzieren und somit eine angemessene Antwort auf die angespannte wirtschaftliche Situation zu finden."   (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.10.2009)

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