Sozialer Anspruch mit vielen Widersprüchen

28. Oktober 2009, 17:21
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Wie kann soziale Nachhaltigkeit, das neue Kriterium im Wiener Wohnbau, in der Praxis umgesetzt werden? Ein STANDARD-Wohnsymposium machte klar, dass es dazu sehr unterschiedliche Vorstellungen gibt

Es ist in der fast 15-jährigen Geschichte der Wiener Bauträgerwettbewerbe eine Premiere und vielleicht auch eine Revolution: Die Jury, die diese Woche über die Vergabe der sechs Bauplätze im sogenannten Sonnwendviertel am Rande des neuen Wiener Hauptbahnhofs entscheidet, hat neben den traditionellen Wettbewerbskriterien - Ökonomie, Ökologie und planerische Qualität - erstmals offiziell eine vierte Anforderung an die Bauträger gestellt: die soziale Nachhaltigkeit.

Dieses neue Konzept, eine Initiative des Wiener Wohnbaustadtrats und Vizebürgermeisters Michael Ludwig, wird damit erstmals in einem konkreten Bauprojekt umgesetzt. "Ein Quantensprung", sagt Wolfgang Förster, Leiter der Wohnbauforschung im Wiener Rathaus.

Aber was soziale Nachhaltigkeit in der Praxis bedeutet, darüber hat die Debatte erst begonnen. Während Wirtschaftlichkeit und Umweltfreundlichkeit in Zahlen ausgedrückt werden und es für architektonische Qualität zwar subjektive, aber dennoch klare Vorstellungen gibt, hat jeder eine andere Meinung darüber, worin sich soziale Nachhaltigkeit niederschlägt. Denn was zum Zeitpunkt der Errichtung sozial ist - und das sind vor allem niedrige Kosten -, erweist sich oft langfristig als äußerst asozial, wie tausende Plattenbauten in Ost- und Westeuropa bezeugen.

Unterschiedliche Zugänge

Gutes Bauen, das auch über mehrere Generationen funktioniert, treibt dafür die Errichtungskosten in die Höhe und macht den Wohnraum für sozial Schwächere oft schwer erschwinglich.

Die Unterschiede in diesen Zugängen wurde beim 35. Wohnsymposium vergangene Woche in Wien, das unter dem Titel Norm oder Flexibilität der Suche nach der Bedeutung des neuen Kriteriums gewidmet war, offensichtlich. In den Vorträgen und Diskussionen auf der Veranstaltung im Wohnservice Wien, das der Standard gemeinsam mit dem Fachmagazin Wohnen Plus organisierte, ließen sich recht bald zwei grundsätzliche Lager erkennen: Die einen, für die sozial vor allem individuelle Leistbarkeit bedeutet, und die anderen, die in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen denken.

Zur ersten Gruppe gehört Ludwig selbst, der bei der Eröffnung des Symposiums über Leistbarkeit und ein gutes Wohngefühl auf weniger Raum sprach. Und auch Herbert Ludl, Chef der Sozialbau AG, erklärte: "Es hat keinen Sinn, etwas zur Verfügung zu stellen, was sich nur Boni-Empfänger leisten können." Aber gerade die Gemeinnützigen seien in der Lage, durch ihre langfristige Perspektive Leistbarkeit und Nachhaltigkeit in ihren Projekten zu verbinden.

Achtung, Kostentreiber!

Der Präsident der Österreichischen Mietervereinigung, Georg Niedermühlbichler, sprach sich als Vertreter der Bewohner vor allem gegen verlorene Nutzflächen, etwa unbrauchbare Vorräume, die Kosten in die Höhe treiben, architektonische Spielereien und teuren thermischen Sanierungen aus. Und insbesondere forderte er eine frühe Einbindung der zukünftigen Bewohner schon in der Planungsphase ein.

Politikwissenschafterin Sieglinde Rosenberger bedeutet soziale Nachhaltigkeit hingegen vor allem die Fähigkeit von Wohnbauten, zur Integration von In- und Ausländern beizutragen und die gesellschaftliche Solidarität zu stärken. Dazu gehören für Rosenberger vor allem gute öffentliche Schulen.

Die Architektin Bettina Götz, die Vizevorsitzende des Grundstückbeirats in Wien, brachte einen ganz anderen Blickwinkel ein: Sozial nachhaltig seien lebendige Stadtviertel, und dafür müsste gerade in der Stadterweiterung bei neuen Wohnanlagen das Erdgeschoß für Geschäfte, Lokale und öffentliche Einrichtungen frei bleiben. Sie warnte vor der "Privatisierung des Erdgeschoßes" und fügte hinzu: "Wenn man das städtische Wohnzimmer nicht nutzt, darf es einen nicht verwundern, dass die Leute lieber am Land wohnen."

"Alltagstauglich über Generationen"

Für Wohnbauforscher Förster war der Wiener Wohnbau bereits in den 20er-Jahren sozial nachhaltig und ist es seither auch geblieben. Der von ihm präsentierte lange Kriterienkatalog aber zeigte, wie viel von diesem Begriff gefordert wird - vielleicht zu viel. So gehören laut Förster Gemeinschaftsräume dazu, die allerdings nur genutzt werden, wenn ein Moderator vor Ort sich darum kümmert - auch das kostet Geld.

Bei den traditionellen Tischgesprächen wurden ebenfalls konkrete Kriterien ausgearbeitet, vorgestellt und dann darüber abgestimmt. Der Vorschlag "alltagstauglich über Generationen" erhielt mit großem Vorsprung die meisten Stimmen, gerade weil er geschickt das zeitliche Spannungsfeld thematisierte.

Und auch bei der Politikerdebatte zwischen der Eisenstädter Bürgermeisterin Andrea Fraunschiel (ÖVP) und der Landtagsabgeordneten Gertraud Jahn (SPÖ) aus Oberösterreich kam eine Kernbotschaft zutage: Wohnbau ist dann sozial und nachhaltig, wenn sich die Menschen darin wohlfühlen. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.10.2009)

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