Nicht alle Studierenden sind auf Seiten der BesetzerInnen

29. Oktober 2009, 09:07
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Einige Uni-Fraktionen können mit Ziel und Mittel der Uni-Proteste so gar nichts anfangen - Sie kritisieren Mehrkosten, "Marxismus" und Parties im Audimax

Österreichische Universitäten sind nun schon seit einer Woche besetzt. StudentInnen demonstrieren für "ihre" Unis, besetzen Hörsäle, halten Veranstaltungen ab - aber nicht alle verstehen die Anliegen der BesetzerInnen. Und selbst bei denen, die mit den Anliegen einverstanden sind, wird zum Teil Kritik an Art und Form des Protests laut.

Situation an der Wirtschaftsuniversität

Bei der offiziellen Studentenvertretung der Wirtschaftsuni Wien will man von Besetzungen und Demonstrationen nichts wissen: "Wir sind dagegen und haben das intern ausgiebig diskutiert. Auch bei der großen Demonstration haben wir als Vertretung nicht teilgenommen. Jedem Mitglied stand es aber natürlich frei daran teilzunehmen", sagt Stefan Kilga, Vorsitzender der ÖH WU und Mitglied der Aktionsgemeinschaft WU. Er und sein Team setzen stattdessen auf Gespräche mit Rektoren und dem Minister. "Wir sind auch regelmäßig in Gesprächen mit unserem Rektor, das wird aber von den Fraktionen in der Bundesvertretung nicht immer gutgeheißen."

Dass die Bundesvertretung der ÖH zur Demonstration aufrief, die WU-Vertretung aber dagegen war, erklärt Kilga so: "Die Bundesvertretung mit ihren Fraktionen ist in diese Prozesse auch involviert. Auch bei uns an der WU gibt es Fraktionen, die zur Demonstration aufrufen. Zudem gibt es meines Wissens auch bei den Besetzungen Arbeitsgruppen, die sich mit dem Thema WU-Besetzung beschäftigen." Er sieht Besetzungen vor allem für StudienanfängerInnen "als Katastrophe", da naturgemäß die Lehrveranstaltungen mit den höchsten Engpässen im Audimax stattfinden würden.

Rücktritt von ÖH-Bundesvertretung gefordert

Die Fakultätsvertretung des Judridicum in Wien sieht die Sache ähnlich: "Den Protesten prinzipiell stehen wir nicht negativ gegenüber, aber die Besetzter beschäftigen sich zu wenig mit konkreten Problemen und verschwenden zu viel Energie für rein gesellschaftspolitische Themen", so der Vorsitzende Thomas Fussenegger von der Aktionsgemeinschaft Jus. "Das schließt einen Teil der Studenten aus, sie sollen die Kapitalismuskritik und den Marxismus sein lassen." Er fordert von den Kollegen im Audimax Gesprächsbereitschaft "Und zwar schnell!". Er glaubt, dass der Protest sonst der Sache schaden könne. "Das Audimax ist jetzt eine Woche besetzt und wenn die Besetzer nicht langsam einen Delegierten für Gespräche mit dem Rektor und dem Minister ernennen, sieht es aus als hätten sie gefallen daran gefunden das Audimax nur für Parties zu verwenden."

Fussenegger zeigte sich aber erfreut, dass die Forderungen über das Wochenende angepasst wurden. "Wir stimmen nicht jeder Forderung eins zu eins zu, aber sie wurden deutlich in unserem Sinn angepasst." Und er kann sich vorstellen die Protestaktionen zu unterstützen, sobald die Besetzer einen Vertreter für Gespräche mit Rektoren und dem Minister ernennen. Auch die Demonstrationen unterstütze seine Vertretung nicht, trotz des Aufrufs der ÖH-Bundesvertretung. "Die Demonstranten sind durch nichts legitimiert, außer, dass sie im Audimax sind. Die Besetzer wollen zudem nicht, dass die ÖH für sie spricht. Das peinliche ist, dass sich die ÖH-Bundesvertretung bei den Besetzern anbiedert." Er sieht die Existenzberechtigung der ÖH gefährdet und fordert deshalb den sofortigen Rücktritt von Sigrid Maurer, der Vorsitzenden der ÖH-Bundesvertretung.

Studieren statt blockieren

Die Initiative "Studieren statt blockieren", die sich über Facebook organisiert, hat dort schon über 7.000 Unterstützer. Auch sie distanziert sich von der Besetzung der Universitäten: "Insbesondere weil dadurch der Universitätsbetrieb eingeschränkt wird, unnötige Mehrkosten entstehen und diese Aktion offensichtlich in den ersten Tagen von einigen als Partyvorwand missverstanden wurde." Auch bemängeln sie den Untergang der ursprünglichen Idee, gegenüber Interessen und Forderungen einzelner Gruppierungen und distanzieren sich "von jeglicher politischer Parteilichkeit", heißt es in einer Aussendung von Johannes Bauer. Bauer arbeitet derzeit mit acht weiteren Personen an den konkreten Forderungen ihrer losen Vereinigung. "Mittlerweile kooperieren mit der Arbeitsgruppe 'Forderung' der Besetzer, um unsere Anliegen dort präsentieren zu können und sehen wo sie abweichen und wie sie von den Besetzern aufgenommen werden."

Aufmerksamkeit durch Proteste geschätzt

Auch beim Cartellverband sieht man die Proteste als zu spontane Aktion, bei der es zu lange dauert, bis Ansprechpartner und konkrete Forderungen feststehen. "Dadurch hat man auch einen großen Schaden angerichtet", so Edward Salzger, der Kommunikationsverantwortliche beim CV. Wie auch Fussenegger und Kilga kann er den Protesten aber auch etwas Gutes abgewinnen: "Das Bewusstsein und die Aufmerksamkeit für die Probleme an den Universitäten ist geschaffen!". (Michael Kremmel, derStandard.at, 29.10.2009)

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