Agassis Drogen-Beichte

28. Oktober 2009, 11:31
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Ehemalige Nummer eins der Tennis-Welt griff in seiner schlimmsten sportlichen Krise 1997 zu unerlaubten Mitteln - Nach positivem Dopingtest verhinderten Lügen Sperre durch ATP

Los Angeles - Andre Agassis Drogen-Geständnis und Lügenbeichte haben den Tennis-Sport ein weiteres Mal schwer erschüttert. Der 2006 abgetretene US-Star und Ehemann der Deutschen Steffi Graf hat nach eigenen Angaben während seiner schlimmsten sportlichen Krise 1997 das Aufputschmittel Crystal Meth (Methamphetamin) zu sich genommen. Nur ein lügenreicher Brief an die Herren-Tennis-Tour (ATP) habe danach eine Dopingsperre verhindert.

Dies geht aus einem Auszug aus der Autobiografie des 39-Jährigen hervor, aus der die britische Zeitung "The Times" am Mittwoch zitiert. Sein Buch "Open" wird am 9. November in den USA erscheinen. Der "New York Times" sagte Agassi: "Von Sucht kann ich nicht reden, aber viele Menschen würden sagen, wenn man etwas als Flucht benutzt, hat man ein Problem." Über die Reaktion seiner Fans habe er sich nur einen Moment lang Sorgen gemacht: "Ich habe mein Herz auf der Zunge getragen, und meine Gefühle standen mir immer ins Gesicht geschrieben. Ich fand es eigentlich sehr aufregend, der Welt die ganze Geschichte zu erzählen."

"Scheiß drauf. Lass uns high werden!"

Der Gewinner von acht Grand-Slam-Titeln, der 1996 in Atlanta Olympiasieger war und mit dem US-Team auch den Davis Cup holte, war Ende 1997 in der Weltrangliste auf Position 141 abgestürzt und hatte zweitklassige Challenger-Turniere spielen müssen. Damals habe ihm sein Assistent "Slim" die Droge angeboten, deren Besitz in den USA laut "Times" mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden kann. "Weißt du was? Scheiß drauf. Lass uns high werden!", wird Agassi zitiert. Dann habe er den Stoff geschnupft.

Der Ex-Weltklassespieler schrieb, wie es das erste Mal zu dem Konsum kam und wie es ihm dabei ging: "Slim schüttete eine kleine Menge Puder auf den Couchtisch. Er machte eine Linie, schnupfte sie. Er machte noch eine. Ich schnupfte. Ich sank zurück in das Sofa." Und weiter: "Es gibt einen Moment des Bedauerns, gefolgt von riesiger Traurigkeit. Dann kommt eine Welle der Euphorie und schwemmt jeden negativen Gedanken aus meinem Kopf."

Die "Bild"-Zeitung veröffentlicht einen Vorabdruck aus der deutschen Übersetzung "Open - Das Selbstporträt". Demnach erhielt Agassi von seinem Vater auch das Aufputschmittel Exedrin und die synthetische Droge Speed. "Vor jedem Spiel gab er mir Exedrin, weil da jede Menge Koffein drin ist." Sein Bruder Philly habe ihn schließlich gewarnt, der Vater gebe ihm in Wahrheit noch andere Drogen, nämlich Speed. "Wie von Philly vorausgesagt, gab mein Vater mir beim Turnier in Chicago eine Tablette." "Halt die Hand auf", sagte er. "Das wird dir helfen. Schluck es!" "Er legte eine Pille in meine Hand. Winzig. Weiß. Rund. Ich schluckte sie und fühlte mich gut."

Auf dem New Yorker Flughafen LaGuardia habe ihn im Herbst 1997 ein für die ATP tätiger Arzt angerufen, über einen positiven Dopingtest informiert und die möglichen Sperren aufgezählt. Er habe sich zunächst gedacht, "mein Name, meine ganze Karriere, alles steht auf dem Spiel", berichtet Agassi.

Der Drink eines Freundes

Ein paar Tage später habe er in einem Brief an die ATP-Verantwortlichen gelogen. "Ich habe gesagt, ich habe vor kurzem aus Versehen einen Drink  meines Freundes Slim getrunken und dabei unabsichtlich seine Drogen zu mir genommen", soll Agassi in dem Buch geschrieben haben. Er bat um Verständnis und um Gnade. Die ATP entschied sich damals gegen eine Sperre. Eine Stellungnahme der ATP gab es am Mittwoch zunächst nicht.

Zur Zeit seines Drogenkonsums befand sich Agassi nicht nur in einem Formtief. Privat plagten ihn Zweifel an seiner bevorstehenden Hochzeit mit Brooke Shields. Agassi lässt sich in dem Buch auch über seine kurze, turbulente Ehe mit der Schauspielerin aus und erzählt von seiner Beziehung mit Steffi Graf (40), in die er sich während der French Open 1998 verliebt hatte. Die beiden sind seit 2001 verheiratet. Sie haben inzwischen zwei Kinder, Sohn Jaden Gil (7) und Tochter Jaz Elle (6). Die Familie lebt in Agassis Heimatstadt Las Vegas.

Becker besiegelte Karriere-Ende

1998 kämpfte sich Agassi unter die ersten Zehn der Weltrangliste zurück, ehe er 1999 die French Open und US Open gewann und die Saison als Nummer eins abschloss. Agassi, einst auch wegen seiner langen Haare und schrillen Tennis-Mode aufgefallen, hat als einer von nur sechs Spielern die vier wichtigsten Turniere in Melbourne, Paris, London und New York gewonnen. Seine Karriere endete vor gut drei Jahren bei den US Open nach 1.144 Matches mit einer Drittrunden-Niederlage gegen den Deutschen Benjamin Becker.

Danach verabschiedete sich Agassi mit einer tränenreichen Rede von seinen Fans. Wegen seiner wechselvollen Karriere und seinem wohltätigen Engagement für Kinder wird Agassi geachtet. Bei seiner jährlichen Benefiz-Gala in Las Vegas sammelt er Millionen für seine Stiftung.

2007 war der ehemaligen Weltranglisten-Ersten Martina Hingis nach einer Drittrunden-Niederlage in Wimbledon Kokain-Konsum nachgewiesen worden. Die Schweizerin bestritt die Drogeneinnahme, wurde aber trotzdem für zwei Jahre gesperrt. Auch der Franzose Richard Gasquet wurde des Drogen-Missbrauchs beschuldigt. Zudem haben vermeintliche Wettbetrügereien und angeblich geschobene Spiele dem Tennis zuletzt immer wieder Negativschlagzeilen beschert. (APA/AFP)

Wissen

Die synthetische Droge "Crystal" gehört zur Gruppe der Amphetamine. Die Substanz wirkt stark aufputschend, vertreibt Müdigkeit, Durst- und Hungergefühle und macht süchtig. Das Rauschgift lässt sich billig und relativ einfach herstellen.

Der "Crystal"-Wirkstoff Methamphetamin lässt den Körper verstärkt das Stresshormon Dopamin ausschütten. Zu den kurzfristigen Gefahren gehören Krämpfe und Psychosen, in seltenen Fällen auch Herz- und Hirninfarkte. Langfristige Schäden umfassen eine verminderte Gedächtnisleistung und körperliche Schwäche.

Die Droge wird ähnlich wie Crack in einer Pfeife geraucht oder zu Pulver zerstoßen und dann geschnupft, geschluckt oder aufgelöst und injiziert. Nach dem Rausch leiden die Konsumenten oft an schweren Depressionen. Nach Einschätzung von Experten ist die Wirkung von "Crystal" intensiver als bei dem Amphetamin "Speed".

  • Andre Agassi: "Von Sucht kann ich nicht reden, aber viele Menschen würden sagen, wenn man etwas als Flucht benutzt, hat man ein Problem."
    foto: epa/ian salas

    Andre Agassi: "Von Sucht kann ich nicht reden, aber viele Menschen würden sagen, wenn man etwas als Flucht benutzt, hat man ein Problem."

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