Wiederherstellung der Totenruhe

27. Oktober 2009, 19:58
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Provenienzforschung und Restitution der anderen Art: In anthropologischen Sammlungen lagern illegal angeschaffte menschliche Überreste

Ein neues Projekt bringt nun Licht ins Dunkel - und könnte zur Rückgabe weiterer Knochen und Schädel führen.

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Vor knapp drei Wochen musste im Naturhistorischen Museum Wien (NHM) das Rauchverbot kurz ausgesetzt werden. Der ungewöhnliche Anlass: Eine Delegation australischer Ureinwohner hielt eine Rauchzeremonie ab. Die wiederum war nötig, weil sterbliche Überreste von 17 Aborigines aus den Beständen des Museums ihre Rücküberstellung antraten.

Gemäß dem Glauben der australischen Ureinwohner mussten Pflanzen aus der Heimat der Verstorbenen verbrannt werden, um die Schädel und Gebeine vor der Fahrt zu reinigen. Und die Heimreise war nötig, weil die Seelen der Verstorbenen fern der Heimat keine Ruhe finden können.

Recherche und Repatriierung

Für Maria Teschler-Nicola, die Direktorin der Anthropologischen Abteilung des NHM, hat mit dieser Rückgabe eine lange Geschichte ihren Abschluss gefunden: Seit zehn Jahren gab es von australischer Seite Forderungen nach Restitution der rund um 1900 illegal angeschafften Objekte. Zugleich steht die Rückgabe am Beginn eines Forschungsprojekts über die Geschichte der anthropologischen Bestände des NHM - und möglicher weiterer Repatriierungen.

"40.000 Knochen- und Schädelreste umfasst der Depotbestand unserer Sammlung", sagt Teschler-Nicola. Darunter gibt es international beachtete paläoanthropologische Fossilien wie die 31.000 Jahre alten Überreste aus einer Höhle nahe dem tschechischen Dorf Mladeè. In der Sammlung finden sich aber auch Knochen weit jüngeren Datums, die in den letzten 150 Jahren von den sammelwütigen Vorgängern der renommierten Anthropologin akquiriert wurden.

Die stellt sich seit einigen Jahren mit bewundernswertem Mut und Engagement der nicht immer allzu rühmlichen Geschichte ihres Faches, das insbesondere in der NS-Zeit durch "Rassengutachten", eine pseudowissenschaftliche "Judenschau" oder die Anschaffung von Überresten jüdischer NS-Opfer in Polen eine verhängnisvolle Rolle spielte. Dazu kommt eine generelle Besonderheit des Fachs: Seine Forschungsobjekte sind gerade eben nicht naturwissenschaftliche Exponate wie alle anderen, sondern stammen eben: von Menschen.

Genau damit befasst sich Teschler-Nicolas jüngstes Vorhaben, eines von elf bewilligten forMuse-Projekten des Wissenschaftsministeriums (siehe Kasten): Unter dem Titel "Euphorische Anfänge - dysphorische Gegenwart" werden anthropologische Sammlungen im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Ethik untersucht.

"Ich möchte deshalb einfach wissen, woher die Schädel und Knochen kommen", sagt die Forscherin, die in den vergangenen Jahren gleichsam nebenbei auch noch zur Wissenschaftshistorikerin des eigenen Faches wurde. "Und wenn diese Objekte nicht korrekt in unsere Sammlung gelangten und dabei Rechte verletzt wurden, behalte ich mir vor, sie für Forschungen zu sperren."

Illegale Exhumierungen

Das trifft jedenfalls auf einige menschliche Überreste zu, die vom wohl wichtigsten Wiener Knochensammler, vom Anthropologen Rudolf Pöch (1870-1921), Begründer des Faches an der Universität Wien, angeschafft wurden. Wie Teschler-Nicola mit ihrem Team und südafrikanischen Kollegen mühsam dokumentierte, ließ Pöch bspw. für seine Forschungen über die San (vulgo: "Buschmänner") in Südafrika illegale Exhumierungen vornehmen, um so an das begehrte Knochenmaterial zu kommen. Das wiederum sollte zu buchstäblich vermessenen Beweisen für die Rückständigkeit der San herhalten.

Seit einiger Zeit gibt es um diese rund um 1910 unter zum Teil dramatischem Umständen geraubten Skelette, die nicht nur im NHM, sondern auch im Department für Anthropologie in der Althanstraße lagern, intensive diplomatische Verhandlungen zwischen Südafrika und Österreich. Ihre Repatriierung ist wohl ebenfalls nur mehr eine Frage der Zeit.

Für Teschler-Nicola begann die Geschichte solcher zum Teil illegitimen Akquirierungen menschlicher Überreste bereits ein halbes Jahrhundert zuvor mit der Novara-Expedition (1856-59), der ersten und einzigen wissenschaftlichen Weltumsegelungsmission der österreichischen Kriegsmarine.

Zugleich stellt diese Expedition für die Anthropologin so etwas wie den inoffiziellen Beginn der Anthropologie und der Völkerkunde in Österreich dar: Die "Mitbringsel" wurden bald danach in Triest und dann im Augarten in Wien öffentlich ausgestellt.

Ist Quellenlage bei der Novara-Expedition und bei Pöch laut Teschler-Nicola hervorragend, so fühle sie sich vom Aufwand weiterer Recherchen mitunter "etwas erschlagen": Schließlich ist von vielen der 40.000 Skelettreste nichts Genaues bekannt.

Der noch nicht abgeschlossene Diskussionsprozess mit den Vertretern der australischen Communitys habe sie aber in der Wichtigkeit ihres Vorhabens bestärkt. "Das könnte auch die Zukunft unseres Faches sein: gemeinsam mit den betroffenen Vertretern zu entscheiden, ob und wie über ihre Vorfahren geforscht werden darf." (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2009)

  • Schädel- und Knochensammlungen unter der wissenschaftshistorischen Lupe: Wiener Anthropologen arbeiten die Geschichte ihrer Forschungsobjekte auf.
    foto: standard/heribert corn

    Schädel- und Knochensammlungen unter der wissenschaftshistorischen Lupe: Wiener Anthropologen arbeiten die Geschichte ihrer Forschungsobjekte auf.

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