Umstrittener Herr der Gene

27. Oktober 2009, 19:53
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Craig Venters Autobiografie ist ein erhellendes Stück Wissenschaftsgeschichte

"Heute bin ich der erste chemische Apparat, der seine eigene Sequenz betrachten kann", heißt es ganz am Ende von Craig Venters Autobiografie Entschlüsselt. Mehr als die Hälfte der bis dahin über 500 Seiten sind der bislang größten Leistung seiner Wissenschafterkarriere gewidmet: der Entzifferung des menschlichen Genoms.

An diesem Wettlauf, der im Jahr 2000 endete, war Venter als umstrittener "Beschleuniger" mit der von ihm gegründeten Firma Celera maßgeblich beteiligt. Und Venter war auch der erste Mensch, dessen DNA 2007 vollständig vorlag.

Dabei hat es gar nicht danach ausgesehen, dass aus dem lernschwachen und wenig zielstrebigen Schüler ein Top-Forscher werden würde. Das sollte sich erst mit der "Todesuniversität" ändern, Venters Aufenthalt als Sanitäter in Vietnam 1967/68. Der 20-Jährige sieht hunderte Menschen sterben und will fortan mit seinem Leben etwas Sinnvolles anfangen.

Er studiert flott und hat sieben Jahre später seinen Doktortitel in Biochemie und einige einschlägige Top-Publikationen in der Tasche. Venter beschäftigt sich viele Jahre mit Rezeptorbiologie, ehe er Anfang der 1990er-Jahre auf den anrollenden Zug der Genomforschung aufspringt.

Zuerst arbeitet er für die staatlichen National Institutes of Health, ehe er sich 1998 nach zahllosen Reibereien selbstständig macht und mit seiner "Schrotschusstechnik" zur DNA-Entschlüsselung und der Patentierung von Genen für heftige Diskussionen sorgt. 2002 wird er dann selbst aus seiner Firma hinausgedrängt, um kurze Zeit später sein nächstes Forscherleben als Pionier der synthetischen Biologie zu beginnen.

Für all das war einiges an Selbstbewusstsein nötig, wovon auch Entschlüsselt reichlich Zeugnis gibt, obwohl sich Venter in seiner Autobiografie womöglich allzu sehr als Opfer - auch seiner Gene - inszeniert. Eingestreut in den Text finden sich nämlich Einblicke in Venters persönliche DNA und welche genetischen Erkenntnisse man heute über seine ganz individuellen Abweichungen hat.

Abgesehen davon gibt Entschlüsselt einen parteiischen, aber doch erhellenden Einblick in die jüngste Geschichte der Lebenswissenschaften. Und vor allem führt es aus erster Hand einen neuen Forschertypus vor, der nicht nur von wissenschaftlichen, sondern auch von kommerziellen Ideen geleitet ist. (tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2009)

  • J. Craig Venter, "Entschlüsselt. Mein Genom, mein Leben". Deutsch: Sebastian Vogel. € 25,60 / 569 S., S. Fischer, Frankfurt/M. 2009
    cover: s. fischer

    J. Craig Venter, "Entschlüsselt. Mein Genom, mein Leben". Deutsch: Sebastian Vogel. € 25,60 / 569 S., S. Fischer, Frankfurt/M. 2009

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