Sex als Aufnahmeritus in Londoner Gangs

27. Oktober 2009, 19:02
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In London werben Straßenbanden immer öfter Mädchen an, deren Aufgabe dann ist, Waffen oder Drogen zu transportieren

Die jungen Frauen nehmen in Kauf, für die Aufnahme in eine Gang mit Mitgliedern zu schlafen.

Ein beunruhigender Trend macht sich in London breit: Immer mehr Mädchen wollen Mitglieder von gewalttätigen Gangs werden. Dafür sind sie bereit, Waffen oder Drogen zu transportieren und sexuell verfügbar zu sein, wie eine kürzlich vom britischen Innenministerium und Scotland Yard organisierte Konferenz berichtete. Die Zahl der Mädchen, die für Gangmitglieder Waffen transportieren, ist in diesem Jahr stark angestiegen und übertrifft schon jetzt die des letzten Jahres. "Junge Mädchen", stellte David Chinchen von Scotland Yard fest, "werden in die Randbereiche von männlicher Kriminalität hineingezogen. Wir sehen immer mehr Gewalttaten von jungen Frauen innerhalb der Gangs."

Anscheinend ist der Status, den die Mitgliedschaft in einer Straßengang verschafft, Anreiz genug, um selbst Vergewaltigungen zu akzeptieren. Denn zum Initiationsritus gehört, dass ein Mädchen mit einem Gangmitglied schlafen muss, um selbst dazugehören zu können – oft ist es Sex mit der ganzen Gruppe. Die Wohlfahrtsorganisation "In-volve", die sich um gefährdete Jugendliche kümmert, hat in den letzten Jahren immer mehr solcher Beispiele erlebt. Direktorin Teresa Pointing warnt: "Diese Mädchen haben keine Rechte innerhalb der Gangs, die primitiv operieren. Sie denken, dass sie von der Gang beschützt werden, wenn sie Sex mit einem Mitglied haben, aber dann passiert es, dass auch andere Jungs auf sie warten."

Sozialarbeiter sind erschüttert darüber, dass die Mädchen diese Praxis offenbar als normal akzeptieren und nicht von Vergewaltigung sprechen. Selbst wenn sie von sexueller Gewalt berichten, sind sie nicht bereit, Anzeige zu erstatten oder als Zeuginnen zur Verfügung zu stehen.

Zuständig für Waffentransport

Auch andere Dienste werden von ihnen verlangt: So werden Mädchen als Drogenkuriere eingesetzt oder, um Waffen für ältere Gangmitglieder zu transportieren. Es ist die perverse Konsequenz eines Gesetzes, das gerade gegen die Ausbreitung der Schusswaffenkultur gerichtet war. Der "Criminal Justice Act" aus dem Jahr 2003 sieht eine zwingende Mindeststrafe von fünf Jahren für unerlaubten Waffenbesitz vor – allerdings nur für Personen, die älter als 21 Jahre sind.

Daher ist es in den Gangs zunehmend üblich geworden, "Jugendabteilungen" einzurichten: Teenager wurden angeworben, um Schusswaffen für die Älteren zu tragen. Jetzt werden Mädchen rekrutiert, weil sie unverdächtiger wirken. Die Times berichtet, dass die Polizei Beweise habe, "dass Mädchen Schusswaffen direkt zu den Killern bringen und sich dann der Waffen entledigen, sobald jemand erschossen wurde." In einer Razzia seien 25 Frauen im Alter zwischen 14 und 39 Jahren verhaftet worden, denen Drogen- und Schusswaffenvergehen vorgeworfen wird, heißt es in dem Bericht.

"Diese Mädchen", sagt Pointing, "sind nicht mehr als Bürger zweiter Klasse innerhalb dieser Gangs, aber sie sehen das als normal an. Das ist der Punkt, der am beunruhigendsten ist."

Zu erklären ist dies wohl nur damit, dass die Alternative den jungen Frauen schlimmer erscheint: Lieber ganz unten in der Rangordnung einer gefürchteten Gang, als ein Niemand ohne Gruppenidentität zu sein. (Jochen Wittmann aus London, DER STANDARD Printausgabe, 28.10.2009)

  • Männerbanden in Großbritannien: Einem Bericht zufolge wollen Mädchen
auch dazugehören, beispielsweise um sich sicherer zu fühlen oder ihren
persönlichen Status zu verbessern.

    Männerbanden in Großbritannien: Einem Bericht zufolge wollen Mädchen auch dazugehören, beispielsweise um sich sicherer zu fühlen oder ihren persönlichen Status zu verbessern.

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