Gebühren richtig verstehen

27. Oktober 2009, 18:51
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Ansichten eines Rektors

Die im Zuge der Studentenproteste neu entflammte Debatte über Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren dreht sich immer wieder um die Frage der sozialen Gerechtigkeit. Und wie so oft wird jeder Eingriff ins gegenwärtige System kritisch hinterfragt, die etwaigen Folgen eines diskussionsfreien Weiterwurschtelns jedoch stillschweigend hingenommen.

In den Studienrichtungen Humanmedizin und Zahnmedizin gibt es seit einigen Jahren ein Auswahlverfahren, und die Notwendigkeit dafür war zweifelsfrei gegeben. Allein die Nachfrage aus Österreich übersteigt die Ausbildungskapazität um ein Mehrfaches, und die potenzielle Nachfrage aus dem EU-Ausland tut dies ca. um den Faktor 10. Als positive Effekte des Auswahlverfahrens stellen sich eine drastisch geringere Drop-out-Rate und eine Verkürzung der Studiendauer heraus. Unterm Strich wird das nicht weniger, sondern eher mehr Absolvierende ergeben als zu Zeiten des sogenannten "freien Zugangs" , der viele hoffnungsfrohe Anfänger oft nach einem jahrelangen schmerzhaften Erosionsprozess scheitern ließ.

Für die Medizinischen Universitäten hat sich durch das Auswahlverfahren die Planbarkeit des Studienablaufs erheblich verbessert. Noch relevanter jedoch ist, dass sich damit auch die Planbarkeit des individuellen Studienfortschritts für die Studierenden optimiert hat - organisationsbedingte Verzögerungen werden vermieden, und trotz stringenter Struktur können besonders engagierte Studierende sogar unter der Regelstudienzeit abschließen.

Studiengebühren hingegen sollen keinesfalls in dem Sinn verstanden werden, dass man damit österreichischen Maturantinnen und Maturanten den Zugang erschweren möchte. Einhergehend mit einem guten und ausgeweiteten Stipendiensystem wäre soziale Treffsicherheit gegeben - und zugleich Chancengleichheit mit den Hochschulen der Nachbarländer, was einen finanziell motivierten Ansturm auf unsere Universitäten verhindern würde und der Betreuungssituation zugute käme.

Studienberatung, Studienchecker, Studieneingangsphasen und klare Voraussetzungen können darüber hinaus den Studierenden helfen, rasch das individuell richtige Studium zu finden. Sozial bedenklich dagegen sind vergebliches Mühen und letztlich verlorene Studienjahre im falschen oder überlaufenen Studiengang. Der Super-GAU im Bildungswesen schlechthin wäre allerdings, wenn anhaltend prekäre Studiensituationen die Ausbildungsqualität der öffentlichen Universitäten untergraben und deren Abschlüsse wertlos machten. Dann müsste man für eine gute Ausbildung auf eine Privatuniversität oder ins Ausland ausweichen - und das können sich dann wirklich nur mehr die "Reichen" leisten. Sozial dagegen ist es, den öffentlichen Bildungssektor so auszustatten, dass möglichst vielen Studierenden ein erfolgreicher und hochwertiger Studienabschluss ermöglicht wird. Das bedarf einer offenen und sachlichen Diskussion unter Einbindung der Studierenden. (Josef Smolle, DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2009)

Zur Person: Josef Smolle ist Rektor der Med. Uni Graz

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